Strukturwandel

Ein Osterspaziergang mit Erinnerungen an vier Zechen

Die Wandergruppe beim Start der Boye-Tour am Boyer Markt mit Führer Rainer Franzen (4.v.r.).

Die Wandergruppe beim Start der Boye-Tour am Boyer Markt mit Führer Rainer Franzen (4.v.r.).

Foto: Heinrich Jung

Bottrop.   Wanderer folgen dem Lauf der Boye durch Bottrop, Essen und Gladbeck. Sie sehen, wie die Natur frühere Stätten der Schwerindustrie zurück erobert.

Dieses Angebot war von Anfang an ein Erfolg: 2017 hat der Sauerländische Gebirgsverein Bottrop seine „after work“-Wanderungen eingeführt. Seither treffen sich jeden Monat zwischen April und Oktober Wanderfreunde und Spaziergänger an zentralen Treffpunkten zu zweistündigen geführten Rundgängen. Zu Ostern hat Wanderführer Rainer Franzen, den der Bergbau einst selbst aus dem Aachener Revier an die Emscher verschlug, einen Weg gewählt entlang der Boye und vier ehemaligen Zechenstandorten.

An der blauen Boye

Bis zum Ersten Weltkrieg war alles blau an der Boye, dem Grenzbach zwischen Bottrop und Gladbeck. Mit Rücksicht auf die Bauern hielten die Zechen den Bach sauber, anders als etwa die Emscher. Doch dann entstanden im Dreieck zwischen Bottrop, Gladbeck und Karnap immer größere Zechen. Mathias Stinnes und Graf Moltke waren die ersten, die ihre Abwässer in die Boye einleiteten. Das Ergebnis beschreibt der Kirchhellener Heimatforscher Johannes Rottmann so: „Bei jedem starken Regen trat das mit Kohlenschlamm durchsetzte Wasser, dessen Oberfläche mit einer starken Teerschicht bedeckt war, über die Ufer und lagerte seine Schlammmassen in die Niederungen. Die früher in üppigstem Grün stehenden Weideflächen waren in übel riechende Sümpfe verwandelt, auf denen kein Grashalm mehr wachsen konnte.“

Auf der Spur des Strukturwandels

Eine der ersten Leistungen der Emschergenossenschaft war damals die Regulierung des Emschersystems. Die größte Aufgabe heute ist der fünf Milliarden Euro schwere Umbau des Emschersystems. Der zentrale Emscherkanal nimmt das Abwasser auf, die Emscher und ihre Zuflüsse wie die Boye werden renaturiert. So wird die Boye-Tour zu einem Spaziergang auf der Spur des Strukturwandels.

Vom Boyer Markt aus hält Wanderführen Rainer Franzen Südostkurs. Auf dem Ostermann-Parkplatz zeugen zwei Schachtdeckel (Protegohauben) vom kurzen Leben der Zeche Vereinigte Welheim (1910 bis 1931). Über einen Fußweg und eine Bahnunterführung gelangen die Wanderer direkt in die Gartenstadt Welheim, von 1914 bis 1923 für die Kumpel von „Vereinigte Welheim“ hochgezogen. Nach der Sanierung in den 90er Jahren sind die Wohnungen attraktiv und begehrt, berichtet Franzen. Aber: „Früher lebten hier Familien auf 35 Quadratmetern.“

Im Mathias-Stinnes-Land

Über Im Sundern und Gungstraße führt der Weg Richtung Karnap, fast genau ein Jahrhundert lang Mathias-Stinnes-Land (1872 bis 1972). Von „Ente“ Lippens’ Restaurant „Mitten im Pott“ führt ein Wanderweg entlang der Boye nach Norden. Am Fuß der Halde 19 machen die Wanderer Pause.

Von der Heringstraße verläuft der Wanderweg „BB“ (steht für blaue Boye) über einen Teil des Vestischen Höhenweges Richtung Mottbruchhalde . Ihr Anblick löst begehrliches Augenfunkeln aus bei der Fraktion der Profi-Wanderer: Hoch auf die Halde - das wäre doch mal ein Etappenziel? Wanderführer Franzen winkt ab: „Heute nicht. Wartet ab, bis die ,Halde im Wandel’ fertig ist.“

Deshalb lassen die Wanderer die Halde rechts liegen und werden vor der Rücküberquerung der B 224 mit einem Bild belohnt, das Strukturwandel live zeigt: Aus einer Betonrinne schießt der Wittringer Mühlenbach in ein naturnahes Bett und sucht sich unter der Brücke des Wanderweges gemächlicher seinen Lauf. So soll die Boye auch mal fließen, wenn die Emschergenossenschaft mit ihr fertig ist. Seit 2017 führt sie kein Abwasser mehr. Ihr neues Bett liegt nicht mehr auf der Grenze, sondern in Gladbeck.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben