Störche

Voerde: Jungstörche haben deutlich früher den Abflug gemacht

Von der Straße aus lassen sich die ausgewachsenen Störche beobachten, die bei der Firma Drekopf in Emmelsum einfliegen.

Von der Straße aus lassen sich die ausgewachsenen Störche beobachten, die bei der Firma Drekopf in Emmelsum einfliegen.

Foto: privat

Voerde.   Vermutlich hat die schwierige Nahrungssuche in diesem heißen Sommer die Jungtiere eher Richtung Süden aufbrechen lassen. Die Alten folgen bald.

Draußen auf dem Deich bei Mehrum – der erste kalte, nasse Tag nach der langen Hitze und Trockenheit. Der Blick schweift gen Himmel und über die Rheinwiesen, die schon so lange keinen Regen mehr gesehen haben. Ob sich Meister Adebar wohl blicken lässt – so wie er es vor wenigen Wochen in Scharen im Voerder Rheindorf selbst und in den Auen getan hat? Einen Versuch ist es allemal wert. Doch die Vogelschar, die sich in diesen etwa eineinhalb Stunden am Deich ein Stelldichein gibt, ist eine andere: Nil- und Graugänse machen sich lautstark bemerkbar, erheben sich in die Lüfte, Rauch- und Mehlschwalben tauchen immer wieder im Tiefflug auf.

Regenwürmer finden die Störche zurzeit keine

Das erhoffte typische Klappern? Fehlanzeige: Den eleganten Schreitvogel mit dem schwarz-weißen Gefieder bekommen wir an dem Abend in diesem Idyll der Ruhe nicht zu Gesicht. Ihn hat Stephanie Krüßmann, Landschaftsökologin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stiftung Störche NRW, in einer größeren Gruppe – etwa 40 waren es – tags zuvor einige Kilometer weiter nördlich einfliegen sehen: auf das Gelände der Firma Drekopf in Emmelsum. Offenkundig schlagen die ausgewachsenen Störche bei dem Entsorgungsunternehmen ihr Nachtlager auf und gehen dort auf die Suche nach etwas Fressbarem. Das Finden von Nahrung gestaltet sich in diesem Sommer nicht ganz leicht. Die lange Hitze- und Trockenperiode hat den Erdboden hart gemacht. Da ist es für die Störche, auf deren Speiseplan etwa Frösche, Mäuse, zwar hitzebeständigere, jedoch nicht so nahrhafte Heuschrecken, Aas oder auch Reste aus dem Müll stehen, vergebene Liebesmühe zu stochern. „Sie finden keinen Regenwurm“, sagt Stephanie Krüßmann.

Die schwierige Suche nach Nahrung könnte ein Grund dafür sein, dass die Jungstörche diesmal deutlich früher – etwa zwei bis drei Wochen – als normalerweise den Abflug Richtung Winterquartier im Süden gemacht haben. Die Alten würden die grob auf südwestlicher Route und dann über Gibraltar führende Reise gen Afrika in ungefähr zwei Wochen antreten. „Die wissen, wo sie lang fliegen müssen“, sagt die Voerder Storchenexpertin. Im Zweifelsfall geht es gar nicht bis auf den anderen Kontinent, sondern nur bis nach Spanien, auf eine offene Müllkippe. Zudem gibt es Störche, die in Anbetracht des milden Winters am Niederrhein bleiben.

Wahrscheinlich machten Durchreisende Zwischenstopp

Wahrscheinlich waren in den großen Gruppen, die sich vor wenigen Wochen in und um Mehrum sammelten, schon „Durchreisende“ aus dem Münsterland, Niedersachsen und Schleswig-Holstein dabei, die auf dem Weg ins Winterquartier am Niederrhein einen Zwischenstopp einlegten, bevor die Jungstörche dann früher gemeinsam in großen Formationen gen Süden abzogen, erklärt Stephanie Krüßmann. Auch kann es ihr zufolge sein, dass die Altstörche länger schon in Emmelsum bei der Entsorgungsfirma einfliegen und dort dann ihren Platz gegenüber den Jungtieren verteidigt haben. Im Kreis Wesel gab es mehrere wegen der schwierigen Nahrungssuche geschwächte Jungstörche, die aufgepäppelt werden mussten. Auch bei einigen Alttieren war dies der Fall, wie Stephanie Krüßmann berichtet.

Die Altstörche, die eine solche Hitze hier am Niederrhein nicht gewohnt seien, haben Strategien, sich dagegen zu schützen. Um eine Isolierschicht zu schaffen, kotet der Vogel sich die Beine ein, was es schwierig macht, das Tier mit Hilfe der Beringung zu identifizieren. Die Jungen sind in den hoch oben liegenden Nestern ungeschützt der Witterung und damit auch der prallen Sonne ausgesetzt. Die Eltern stellen sich dann über sie, bilden einen Sonnenschirm für den Nachwuchs. Außerdem sind sie in der Lage, Wasser in ihren Schnäbeln zu halten, mit dem sie die Jungen dann duschen. Um die Luft um den Körper zirkulieren zu lassen und sich Abkühlung zu verschaffen, lupfen Störche die Flügel.

2013 gab es in Voerde nach langer Zeit die erste Brut

In Voerde ließ sich Meister Adebar zum ersten Mal nach sicherlich 80 bis 100 Jahren Abstinenz 2013 wieder sehen. Da gab es die erste Brut. Seitdem verfolgen viele Menschen fasziniert, wenn sich der Weißstorch in großen Gruppen in den Auen der Voerder Rheindörfer oder auch auf den Dächern und Laternen tummelt. Der Schreitvogel ist schließlich ein großer Sympathieträger, steht er doch in dem Ruf, die Babys zu bringen. Bleibt abzuwarten, ob dies die Einwohnerzahlen in den Rheindörfern in die Höhe schnellen lässt...

>>Info: 61 Jungtiere 2018 im Kreis Wesel großgezogen

Ein sehr erfolgreiches Jahr war 2018 trotz der Hitze und der Trockenheit für die Storcheneltern in Nordrhein-Westfalen und am Niederrhein. Die Stiftung Störche NRW meldet Rekordzahlen bei den Brutpaaren. Allein im Kreis Wesel zählten die Vogelschützer 37 Paare, die 61 Jungtiere großzogen. 2017 waren es sechs Brutpaare und zwölf flügge Jungtiere weniger. In NRW gab es in diesem Jahr bei den Weißstörchen 323 Brutpaare (2017: 295). Der Nachwuchs umfasst 669 Vögel (2017: 532).

Vier Brutpaare – zwei in Spellen und jeweils eines in Löhnen und Ork – gab es 2018 in Voerde. Insgesamt sind bei ihnen neun Störche erfolgreich ausgeflogen. (rme/P.K.)

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