Berlin-Attentat

Dortmunder Moscheen können sich an Anis Amri nicht erinnern

Hinter diesem Hauseingang an der Lindenhorster Straße in Dortmund soll sich die Koranschule befinden, zu der Anis Amri nach Erkenntnissen der Ermittler regelmäßig Zugang hatte.

Hinter diesem Hauseingang an der Lindenhorster Straße in Dortmund soll sich die Koranschule befinden, zu der Anis Amri nach Erkenntnissen der Ermittler regelmäßig Zugang hatte.

Dortmund.  Der Rat der muslimischen Gemeinden in Dortmund geht davon aus, dass keine ihrer rund 20 Moscheen den Berlin-Attentäter Amri unterstützt hat.

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Nach Bekanntwerden der Verbindungen des mutmaßlichen Berlin-Attentäters Anis Amri nach Dortmund und seinen Besuchen in hiesigen Moscheen ist der Rat der muslimischen Gemeinden in Dortmund an die Polizei herangetreten - mit der Bitte um mehr Informationen. "Nach langen Recherchen auf höchster Ebene", so Ahmad Aweimer, Vorsitzender des Rats der muslimischen Gemeinden, gehe er davon aus, dass keine der rund 20 zum Rat gehörenden Moscheen Amri unterstützt hat. Wie berichtet, liegt dem Rechercheverbund NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung die Ermittlungsakte zu Amri vor.

Danach soll Amri als Mohammad Hassan aus Ägypten bei der Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund und als Ägypter Ahmed Almasri bei der Dortmunder Ausländerbehörde geführt worden sein. Zudem soll der Tunesier Anfang 2016 zwölf Moscheen in Dortmund aufgesucht haben, in einigen sogar Vorbeter gewesen sein und sogar den Schlüssel für eine Koranschule in Lindenhorst gehabt und dort übernachtet haben. Fragt man aber - wie diese Redaktion - in den Moscheen vor Ort nach Amri, ist die Antwort nur Schulterzucken.

Muslimische Untersuchungskommission

Dr. Frank Claus, Kommunikationsberater aus Dortmund, ist das zu wenig. Aus persönlicher Wehrhaftigkeit hat er deshalb an Aweimer geschrieben mit dem Vorschlag, eine muslimische Untersuchungskommission einzurichten, um die Rolle Amris in Dortmund zu beleuchten. Claus schrieb an Aweimer, aufgrund der bislang unbefriedigenden Unkenntnis verliere man "Vertrauen in die hier verantwortlichen Personen aus den Moscheegemeinden und es entstehen leicht Gerüchte, die wir bei diesem Thema überhaupt nicht brauchen können". Stattdessen sollten Aufklärung und Fakten an Stelle von Gerüchten und Vermutungen treten.

Aweimer sieht den Vorschlag grundsätzlich positiv: "Das ist auch unsere Intention." Doch gleichzeitig schränkt er ein, dass es nichts Offizielles zu Amris Aufenthalt in Dortmund gebe: "Wir wissen nur alles aus den Medien, und ich weiß nicht, ob das stimmt." Er habe bei der Polizei nach einer Liste der zwölf Moscheen gefragt, aber keine Auskunft dazu bekommen. Und in den Moscheegemeinden, die zum Rat gehörten, könne sich niemand an Amri erinnern. Es könne auch Vereine geben, so Aweimer, "die wir gar nicht kennen." So wie die in Rede stehende Koranschule, die zumindest von außen nicht als solche zu erkennen ist.

Gotteshaus müsse für jeden offen sein

Vereinzelt gebe es in den Moscheen Leute, die sich als Vorbeter vordrängten, etwa wenn der Imam mal zu spät oder gar nicht komme, berichtet der Ratsvorsitzende: "Das kennen wir, aber das sind Banalitäten und keine Probleme." Es gebe in den Moscheen auch vereinzelt Personen, "für die wir Verräter sind", sagt Aweimer. Doch das sei nur eine "Haltung." Solange diese Personen nicht aggressiv würden, könne man sie nicht allein ihrer Haltung wegen der Moschee verweisen. Aweimer: "Ein Gotteshaus muss für jeden offen sein."

Wenn der Rat der muslimischen Gemeinden aber handfeste Informationen hätte, könne er natürlich die Rolle Amris in Dortmund untersuchen, sagt der Vorsitzende: "Falls wir nicht aufgepasst haben, können wir daraus lernen. Wir sind schließlich eher Getroffene als Verursacher." Die Polizei bestätigt, dass sich Aweimer mit der Bitte um Hilfe an sie gewandt habe. Doch zum einen könne man keine Details aus laufenden und wichtigen Ermittlungsverfahren bekannt geben, und zum anderen sei die Dortmunder Polizei im Fall Amri auch nicht dazu befugt, erläuterte Polizeisprecherin Nina Vogt. Ermittelnde Behörden seien der Generalbundesanwalt (GBA) und das Landeskriminalamt (LKA). Auch Jörg Rademacher, Sprecher des NRW-Verfassungsschutzes, bestätigt, dass die Informationshoheit beim GBA und beim Bundeskriminalamt liegt.

Muslimischer Rat in Dortmund hat regelmäßig Kontakt zur Polizei

Aweimer könne sich aber mit Hinweisen jederzeit an die Polizei wenden, sagte Polizeisprecherin Vogt. Der Rat muslimischer Gemeinden in Dortmund habe regelmäßigen und guten Kontakt zur Polizei, etwa im gemeinsamen Dialogkreis mit muslimischen Organisationen und durch die Kontaktbeamtin für muslimische Institutionen. Vogt über Aweimer: "Wir wissen, dass wir seine Unterstützung im Kampf gegen radikale Strömungen haben."

Des Weiteren ist Dortmund im Zusammenhang mit der Festnahme eines 38-jährigen Terrorverdächtigen im Saarland als Anschlagsziel genannt worden. Wie der Saarländische Rundfunk am Montag berichtete, habe der Mann mit zu Polizeiautos umlackierten Wagen Sprengstoffanschläge in mehreren deutschen Großstädten verüben wollen. Der Verdächtige räumt Kontakte zum IS ein, bestreitet aber terroristische Absichten.

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