Ramadan

Das Fastenbrechen in einer Dortmunder Nordstadt-Moschee

Im Gemeinschaftsraum der Moschee Eyüp Sultan Camii in der Nordstadt treffen sich Muslime während des Ramadan zum Fastenbrechen. Pro Abend kommen 400 bis 500 Gäste.

Im Gemeinschaftsraum der Moschee Eyüp Sultan Camii in der Nordstadt treffen sich Muslime während des Ramadan zum Fastenbrechen. Pro Abend kommen 400 bis 500 Gäste.

Foto: Gaby Kolle

Dortmund.  Gläubige Muslime gehen zum abendlichen Fastenbrechen meist in ihre Mosche. Zum Beispiel in die Eyüp Sultan Camii-Moschee in der Dortmunder Nordstadt.

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Dortmundern fällt bei Ramadan in der Regel das Festi Ramazan ein. Unter gläubigen Muslimen gilt das jedoch eher als Volksfest. Sie gehen zum abendlichen Fastenbrechen meist in ihre Moschee in der Nähe, zum Beispiel in die Eyüp Sultan Camii-Moschee in der Nordstadt.

Schlange von Männern bis auf die Straße

Dienstagabend. Vor dem Eckhaus Haydnstraße 66 steht um 21.45 Uhr eine Schlange von Männern bis auf die Straße. Junge, alte, leger gekleidet, im Anzug oder im langen Gewand, fast alle hungrig und durstig. Anstehen zum Fastenbrechen in Eyüp Sultan Camii, der Moschee des türkischen Kulturvereins Dortmund und Umgebung. Nach dem Gotteshaus in der Kielstraße die älteste Moschee Dortmunds. Über Lautsprecher hört man draußen das Abendgebet des Imam.

Die digitale Uhr an der Wand mit den Gebetszeiten zeigt 21.54 Uhr. Sonnenuntergang. Die Essensausgabe im Gemeinschaftsraum beginnt. Das Gericht wird von Metalltabletts gegessen, am Dienstag Linsensuppe, Köfte, Reis, Kartoffeln und Salat. Früher haben die Frauen des Moscheevereins das Essen gekocht, jetzt wird es von einer Köchin zubereitet.

Katinen-Atmosphäre

Im Saal des mehrstöckigen Gebäudes mit heller schmucker Fassade herrscht Kantinen-Atmosphäre. Die männlichen Gäste löffeln schnell ihr erstes Essen nach 16 Stunden, um den Nächsten in der nicht endenden Schlange Platz zu machen. 400 bis 500 kommen täglich zum Fastenbrechen vorbei, nicht nur Türken oder türkischstämmige Muslime. Zwischen ihnen haben Afrikaner, Araber und Muslime vom Balkan Platz genommen. Der Oberarzt des Johannes-Hospitals, der schon als Student zum Fastenbrechen hierhergekommen ist, speist neben dem Hartz IV-Empfänger. Wer kann, wirft Geld in einen Spendentopf.

„Wir sind ein offenes Haus“, sagt Adem Dasdam, Vorsitzender des Türkischen Kulturvereins, „aber jeder muss sich hier benehmen“. Auch er ist und isst jeden Abend hier. Er kam als Kind nach Deutschland wie Ilyas Carpisan, der schon als Jugendlicher hier gebetet hat und später ebenfalls Vorsitzender des Kulturvereins wurde: „Meine drei Söhne sind hier aufgewachsen, haben hier Religionskunde gelernt und, den Koran auf Arabisch zu lesen.“ Einer der Söhne, Talha, ist nach seinem Maschinenbau-Studium nach Wuppertal gezogen, kommt aber immer mal wieder zum Fastenbrechen vorbei.

Kulturverein hat sich 1976 gegründet

Die Tradition reicht noch weiter zurück. Der Vater von Ilyas Carpisan hat 1976 den türkischen Kulturverein mitgegründet. 1978 zog der Verein in das ehemalige Coop-Gebäude an der Haydnstraße. 2007 – nach jahrelangem Rechtsstreit mit der Stadt – stockte der Verein die mittlerweile gekaufte Immobilie auf und baute den früheren Flachbau aufwendig mit zwei prächtigen, blau-weiß gefliesten Gebetsräumen um. Die schweren roten-beigen Teppiche unter den prunkvollen Kronleuchtern darf man nur in Strümpfen betreten. In der 1. Etage beten die Männer, in der 2. die Frauen.

Beim Fastenbrechen herrscht ebenfalls Geschlechtertrennung. Auch aus praktischen Gründen; denn heute ist die Moschee schon wieder zu klein. Bei Vorträgen sitzen alle im Gemeinschaftsraum, allerdings auch Männlein und Weiblein getrennt.

Ausnahmegenehmigung für den Gebetsruf

Schon vor dem Umbau verhalf der damalige Oberbürgermeister Günter Samtlebe dem Verein zu einer Ausnahmegenehmigung: Die Eyüp Sultan Camii war die erste Moschee in Deutschland, die auch nach draußen zum Gebet rufen durfte. Eigentlich fünf mal am Tag. Aber aus Rücksicht auf die Nachbarschaft beschränkt der Verein sich auf drei Mal täglich.

Die Moschee solle die Menschen zusammenführen, nicht spalten, sagen Adem Dasdam und Ilyas Carpisan – wenn auch eine Spaltung der Anfang ihres Vereins war. Er gehört zur Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa, kurz Atib. In den 80er-Jahren beteten auch die Grauen Wölfe, türkische Rechtsextremisten, in der Moschee. Die Trennung erfolgte in den 90er-Jahren. Trotzdem werden Atib-Moscheen auch heute noch mit den Grauen Wölfen in Zusammenhang gebracht.

“Bei uns herrscht Meinungsfreiheit“

Carpisan weist das zurück: „Wir haben uns nach deutschem Gesetz gegründet. Atib steht für sich selbst, wir konzentrieren uns auf die Bedürfnisse türkischer Mitbürger in Deutschland. Wir sind politisch frei. Bei uns herrscht Meinungsfreiheit.“

Ilyas Carpisan wünscht sich mehr Interesse unter den Deutschen für seine Religion. Er wünsche seinen Arbeitskollegen immer frohe Weihnachten oder Ostern zu deren christlichen Feiertagen. Aber zum Ramadanfest habe er solche Glückwünsche von Deutschen nie gehört. „Wir sind ein Teil der Gesellschaft“, sagt er, man habe zum Beispiel schon 1997 beim Freitagsgebet für die Opfer des Oder-Hochwassers Spenden gesammelt und jetzt bei der Flüchtlingskrise geholfen.

Aber Einladungen zum Fastenbrechen etwa an Vertreter der Stadt würde kaum jemand folgen, klagt Yusuf Güclü, jahrelang Vorsitzender des früheren Ausländerbeirats. Nur Oberbürgermeister Samtlebe und der frühere Rechtsdezernent Kenneweg seien öfter da gewesen.

Ein frohes Ramadan

Nach anderthalb Stunden wird es im Gemeinschaftsraum schlagartig leer. Die Tische sind abgeräumt. Am Donnerstag kommen sie zum letzten Mal in diesem Jahr zum Fastenbrechen. Dann wird das Ramadanfest gefeiert. Zuckerfest sagen sie hier nicht in der Moschee. Ein frohes Ramadan.

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