Fußball

Reinhard "Stan" Libuda: Ein Mann ohne Allüren

Dortmund.  Reinhard Libuda gehört zu den stillen Stars des Fußballs. Trotzdem hat er es geschafft, sich einen festen Platz in den Annalen von Schalke 04 und Borussia Dortmund zu sichern.

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„Aber jetzt hat, äh, Libuda die Chance... der Ball... Tor! Tooor! Toooor! Der Ball ist im Netz! Der Ball ist im Netz! Der Baaall ist im Netz!“ – Radioreporter Kurt Brumme kannte kein Halten mehr. Gerade hatte Reinhard „Stan“ Libuda Borussia Dortmund zum Europapokalsieg geschossen.

In seinen drei Jahren beim BVB feierte Libuda seinen größten Erfolg. Es folgte noch der DFB-Pokalsieg 1972 mit dem FC Schalke 04, für den der gebürtige Wendlinghausener vor und nach seinem Dortmunder Intermezzo spielte.

In Gelsenkirchen verehrt

Obwohl der BVB durch Libudas Tor Europapokalsieger wurde, wird der dribbelstarke Rechtsaußen in Gelsenkirchen deutlich mehr verehrt als in Dortmund. Libuda war in Gelsenkirchen verwurzelt. Im Lipperland geboren, wuchs er direkt im Schalker Umfeld auf, im Gelsenkirchener Stadtteil Haverkamp.

Dort startete er auch seine ersten Kickversuche auf einer Wiese. 1952 schloss sich Libuda dem FC Schalke 04 an, für den er 1961 debütierte.

Mit Gründung der Bundesliga 1963 ging Libudas Stern erst richtig auf. Seine virtuose Spielweise machte den Rechtsaußen schnell zum Publikumsliebling in der Glückauf-Kampfbahn.

Libuda dribbelte jeden Gegenspieler schwindelig, seine Spezialität war der sogenannte „Matthews-Trick“ – links antäuschen, rechts vorbei gehen. Aus Reinhard Libuda wurde „Stan“ in Anlehnung an eben jenen Sir Stanley Matthews.

Auf Libudas großartige Dribblings spielte auch das wohl berühmteste Zitat über Stan Libuda an: Als der Wanderprediger Werner Heukelbach auf Plakaten für eine Veranstaltung mit dem Slogan „Niemand kommt an Gott vorbei“ warb, fügte ein Schalke-Fan hinzu: „Außer Stan Libuda.“

Eichengarnitur als "Handgeld"

Nach zwei Bundesliga-Jahren in Königsblau wechselte Libuda zum Revier-Rivalen nach Dortmund. Das „Handgeld“ damals: eine Eichengarnitur.

Der nach außen stille Libuda hatte es zunächst schwer, in Dortmund Fuß zu fassen. Doch er ließ auf dem Rasen Taten sprechen und gehörte bald zu den Stützen der Mannschaft. Gemeinsam mit Lothar Emmerich und Siggi Held bildete er eine der besten Angriffsreihen der Bundesliga und Europas.

Gleich in der ersten BVB-Saison gewann Libuda den Europacup. Doch auch im Triumph blieb Libuda still. Sein Mannschaftskamerad von damals, "Aki" Schmidt, erinnert sich: „Die anderen waren noch am Saufen, da sind wir zum Strand gegangen. Wir waren so aufgewühlt. Dann sagte ich: 'Du kannst dir nicht vorstellen, was morgen in Dortmund los ist.' Stan: 'Ach, hör doch auf.' Ich: 'Doch, Stan, das kannst du dir nicht vorstellen. Das ist so. Da ist die Hölle los.' Und er immer: 'Ach, hör auf.' Der war so. Ein ganz lieber Kerl."

Trotz Libudas Jahrhunderttor im Europacup-Finale und seiner grandiosen Spiele in der Bundesliga wurde Libuda 1966 nicht von Helmut Schön in den Kader für die WM in England berufen. Stattdessen holte der Bundestrainer das Nachwuchstalent Jürgen Grabowski.

Rückkehr zum FC Schalke

1968 kehrte Libuda zum FC Schalke zurück. Auch in der Nationalelf war er wieder gefragt. In der Qualifikation zur WM 1970 sicherte Libuda mit seinem Treffer zum 3:2 gegen Schottland die Teilnahme der Deutschen. Bei der WM in Mexiko zeigte der Schalker Junge im Spiel gegen Bulgarien (5:2) seine wohl beste Leistung im Dress der National-Elf. Auch beim „Jahrhundertspiel“ im Halbfinale gegen Italien stand Libuda auf dem Platz.

Doch nur ein Jahr nach der WM in Mexiko begann der Absturz des Stan Libuda. In der Saison 1970/1971 war er tief in den Bundesliga-Skandal verstrickt und leistete gemeinsam mit der Schalker Mannschaft einen Meineid, indem er leugnete, Geld für verschobene Spiele angenommen zu haben.

Zwar konnten die Schalker 1972 mit Libuda als Mannschaftskapitän noch den DFB-Pokal mit einem grandiosen 5:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern gewinnen. Doch längst liefen die Ermittlungen wegen des Bundesliga-Skandals.

Lebenslange Sperre

1972 wurde Libuda lebenslang gesperrt. Er wechselte zu Racing Strassburg, wo er aber nicht glücklich wurde. 1974 begnadigte ihn der DFB und Libuda kehrte für eine Ablöse von 350.000 Mark zum FC Schalke zurück. Dort spielte er noch zwei Jahre.

Das Karriereende war zwar absehbar, doch traf es Reinhard Libuda unvorbereitet. Hilfe von außen lehnte der den Medien gegenüber schüchterne Star entschieden ab, obwohl der Tabakladen, den er von Ernst Kuzorra gemietet hatte, Pleite ging. Statt sich vom FC Schalke helfen zu lassen, arbeitete Libuda in einer Druckerei in seiner alten Heimat Haverkamp.

1992 musste Libuda wegen Kehlkopfkrebs operiert werden. Nur vier Jahre später starb er an einem Schlaganfall.

Über das Privatleben Stan Libudas ist relativ wenig bekannt. Es heißt jedoch, dass der Privatmensch Reinhard Libuda weitaus fröhlicher gewesen sein soll als der schüchterne Anti-Star, der über die Medien transportiert wurde.

Ein Mann ohne Allüren

Sein Jugendfreund Günter Varney erinnert sich in einem Buch: „Er hat in der Bütt gestanden und Karnevalsreden gehalten, dass der Saal auf der Erde gelegen hat.“ Auch der Autor Norbert Kozicki schreibt über den genialen Fußballer: „Er ist nicht gescheitert. Er war nur ein Mann ohne Allüren.“

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