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So arbeitet es sich im neuen Amazon-Logistikzentrum

Foto: dpa

Dortmund.  Mehr als 2000 Menschen können sich ein eigenes Bild von Amazon machen: Sie arbeiten im neu eröffneten Logistikzentrum auf der Westfalenhütte.

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Mit Amazon ist es so: Die einen finden den Online-Versandhändler cool, weil er ihnen schnell liefert, was sie auf dem Sofa sitzend bestellen. Und weil Amazon ein sich lässig gebender US-Konzern ist, und als solcher für manche per se cool ist. Die anderen kritisieren den Online-Riesen: weil er dem Einzelhandel arg zusetzt. Das machen andere auch, aber auf Amazon wird die gefühlt größte Kritik projiziert. Kritisiert werden immer wieder auch zu niedrige Löhne sowie die Arbeitsbedingungen.

Keine Frage, es gibt dort Menschen, die unzufrieden sind. Sie berichten der Gewerkschaft Verdi von „immensem Arbeitsdruck“ und unmittelbaren Feedback-Gesprächen, wenn sie Zielvorgaben nicht erfüllen. Es gibt im neuen Amazon-Logistikzentrum in Dortmund aber auch viele Menschen, die mit den Arbeitsbedingungen völlig einverstanden sind. Einer von ihnen ist Benjamin Wolfram, 29, ein kräftiger Typ mit kräftigem Händedruck, festem Blick und freundlichem Auftreten. Er mag Amazon („Ich bin top zufrieden“), sonst würde er nicht dort arbeiten. Und sonst hätte die Pressesprecherin ihn wohl nicht für ein Gespräch vermittelt.

Dass er aber freiheraus sagt, was er denkt, ist spätestens klar, als er vom Nena-Konzert erzählt. Nena? Die Pressesprecherin lächelt verlegen. Amazon darf mit ihr nicht werben. Aber die Sängerin hat neulich vor Weihnachten zwei halbstündige Konzerte für die Mitarbeiter in Dortmund gegeben. „War gut“, sagt Wolfram grinsend.

Innerhalb weniger Wochen befördert worden

Am Donnerstag vergangener Woche führt der Brechtener durch Halle 1 des riesigen Komplexes auf der Westfalenhütte, um seinen Arbeitsplatz zu zeigen. Die Mitarbeiter in Halle 1 öffnen Pakete mit Waren, zum Beispiel ein Paket mit 100 DVDs. Jede wird gescannt und landet in einem Korb, am Ende wird allen Amazon-Versandzentren ein Kontingent der DVDs zugeteilt; von dort aus werden sie zum Kunden geschickt. Dortmund ist ein Verteilzentrum.

Benjamin Wolfram packt keine Pakete mehr aus, er ist nach wenigen Wochen zum „Instructor“ befördert worden, was wörtlich übersetzt Lehrer heißt. Das meint er, wenn er sagt: „Man kann sich hier von unten hocharbeiten.“ Mit seinem blauen Halsband ist Wolfram kein Vorgesetzter; aber er ist der Ansprechpartner für 30 Leute der Linie 9 in Halle 1. Wochenweise wechselnd in der Frühschicht (6.15 bis 15 Uhr) oder in der Spätschicht (15 bis 23.45 Uhr) läuft er den 150 Meter langen Gang rauf und runter.

Sein Job ist es, neue Kollegen anzulernen, bei schweren Paketen mit anzupacken und Probleme zu lösen. Wolfram erkennt sie an gelb leuchtenden Lämpchen in Gang 9, mal sind es technische Probleme, mal muss entschieden werden, ob ein Artikel als beschädigt gilt oder nicht. Ist das Problem gelöst, leuchtet das Lämpchen wieder grün.

Verdrehtes Knie verhinderte Vertragsverlängerung

Der 29-Jährige hat mal eine Ausbildung zum Glaser gemacht, dann in einer Küche gearbeitet, dann in der Logistik. Er habe sich, räumt Wolfram ein, „immer so‘n bisschen durchgeschlenzt“. Dann heuerte er 2016 zum Weihnachtsgeschäft bei Amazon in Werne an, ein Kumpel hatte davon „geschwärmt“. Weil Wolfram sich das Knie verdrehte und drei Wochen ausfiel, musste er zum Jahreswechsel schon wieder gehen. In Dortmund erhalten 1800 der über 2000 Mitarbeiter ab 1. Januar neue (Halb-)Jahresverträge, die anderen – fürs Weihnachtsgeschäft eingestellt – müssen gehen.

Wolfram hat nun einen neuen Jahresvertrag erhalten; dass er Ende 2016 in Werne raus war, habe er Amazon aber auch nicht übel genommen. Er bewarb sich im Sommer in Dortmund, weil er unbedingt wieder zu Amazon wollte. „Das hier“, sagt er, und blickt einen Moment lang etwas ernster drein, „ist das, was ich will“. Sein Job, mit den Kollegen sprechen, ihnen helfen, auch mal einen Spaß machen, das mag er. Natürlich hört er, dass „manchmal schlecht über Amazon gesprochen wird“, dass hier schlechte Stimmung bei der Arbeit herrsche. Bestätigen könne er das nicht. Bei Amazon arbeiten Menschen vieler Nationalitäten, es gebe aber „keinen Stress“.

Wolfram will weiter aufsteigen

Die ganze Zeit zu laufen, finde er „nicht so anstrengend“, sagt Wolfram. In einer Küche etwa stehe man nur. Ist der Druck so hoch? „Natürlich hat man seine Ziele – aber das ist ja normal.“ Ist der Lohn zu niedrig? Amazon zahlt 10,52 Euro brutto pro Stunde als Basislohn. „Beim Lohn kann man nicht meckern“, sagt Benjamin Wolfram. Um nach kurzer Pause hinzuzufügen: „Klar will man mehr haben. Aber wer will das nicht?“

Benjamin Wolfram geht weiter durch Gang 9, grüßt hier und da Kollegen. „Tolles Lächeln“, feixt jemand aus dem Nachbargang, als Wolfram für ein Foto in die Kamera blickt. Er lacht, wirkt zufrieden. „Für 2018 ist es mein Ziel, Vorarbeiter zu werden.“ Ganz gleich, ob andere Amazon kritisieren oder nicht.

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