Düsseldorfer Geheimnisse

Düsseldorf: Navigationssysteme aus dem 19. Jahrhundert

Anders als sein vermuten lässt, zeigte der Stundenstein im heutigen Düsseldorf-Holthausen die Zeit an, die noch bis zum Ziel veranschlagt werden musste.

Anders als sein vermuten lässt, zeigte der Stundenstein im heutigen Düsseldorf-Holthausen die Zeit an, die noch bis zum Ziel veranschlagt werden musste.

Foto: Heike ThisseN

Düsseldorf.  An einigen Straßen der Stadt gibt es „Stundensteine“, an denen auch Heinrich Heine mehrfach vorbei gefahren ist und darüber geschrieben hat.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Längst haben Navigationssysteme die Herrschaft über viele Autos und deren Fahrer übernommen. Sie zeigen an, wo es lang geht, und geben Auskunft darüber, wie lange die Fahrt bis zum Zielort noch dauert. Beides – die richtige Strecke zu einem Ziel und die Zeit, die benötigt wird, um sie zurückzulegen – interessierte die Menschen aber schon vor vielen Jahrhunderten. An drei Stellen im Stadtgebiet ist dieses Informationsbedürfnis auch heute noch nachzuvollziehen. Denn in der Siegburger-, der Koblenzer- und der Bonner Straße stehen sogenannte Stundensteine, die einst dem Betrachter jene wichtige Mitteilung machten – wenn auch anders, als ihr Name es nahe legt.

Meilenstein sieht eher unscheinbar aus

Im Vorbeifahren sieht der historische Meilenstein an der Ecke Bonner Straße/Am Trippelsberg unscheinbar aus. Seine Inschriften sind weitgehend verblasst, er hat eindeutig schon bessere Zeiten gesehen. Das verwundert nicht weiter, ist der Stein aus Basaltlava doch inzwischen mehr als 210 Jahre alt und stand die meiste Zeit seines Daseins vor dem Benrather Rathaus. Damals diente er den Postkutschen als Wegmarke. Doch anders als seine Bezeichnung vermuten lässt, zeigte er nicht die Zeit an, sondern die Strecke. Denn als der Stein aufgestellt wurde, war die „Stunde“ nicht nur eine Zeiteinheit, sondern auch ein Längenmaß. Sie entsprach in etwa einer Strecke von 3,7 Kilometern. Mit einer Postkutsche ließen sich also ohne Probleme mehrere dieser Längenmaß-Stunden in einer einzigen Zeit-Stunde abfahren.

So kommt es, dass der Stein, der seit Anfang der 1990er-Jahre an seinem heutigen Platz steht, für die Fahrt nach Düsseldorf beispielsweise zwei Stunden angibt. Und um die Sache mit den Stunden so richtig kompliziert zu machen: Galt diese Angabe nur für die Postkutsche, dann waren 3,7 Kilometer gemeint. Ging es um herkömmliche Reisestraßen und nicht um Poststraßen, galt das Längenmaß der Reisestunden. Anstatt der 3,7 Kilometer betrugen diese in etwa 4,5 Kilometer.

Das Reisen war für Dichter kein Vergnügen

Einer, der auch an den heute noch bestehenden Steinen mehrfach vorbeikam, war der Dichter, Schriftsteller und Journalist Heinrich Heine (1797-1856). In seinem Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ dichtet er in Caput VIII die ironischen Verse:

Und auch auf den Zustand der Straßen neben den Stundensteinen geht er ein:

Was ihm so gut gefiel an dem Dreck und dem Regen? Heine erklärtes:

Reisen und Unterwegssein war zu Lebzeiten des Dichters kein Vergnügen, daran konnten auch die Stundensteine nichts ändern.

Preußenkönig kümmerte sich um Klarheit

Bis 1868 war die Bezeichnung „Stunden“ undurchsichtig, dann kümmerte sich der preußische König Wilhelm (1797-1888) um Klarheit: Er führte mittels der „Maaß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund“ das metrische System und damit einheitliche Maße ein. Ab 1872 waren als Längenmaße Millimeter, Zentimeter,Meter und Kilometer zugelassen und als Entfernungsmaß die Meile mit einer Länge von 7.500 Metern. Endlich konnte sich die Verwirrung rund um die Stundensteine legen. Denn von nun an waren sie veraltet,neue Wegmarken entstanden. Und die Steine wurden künftig nicht mehr groß beachtet. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der Stundenstein steht an der Kreuzung Bonner Straße/Am Trippelsberg in Holthausen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben