Gefühl von Urlaub

Hildener hängen am alten Markt

Im Sommer hat der alte Markt etwas Mediterranes.

Im Sommer hat der alte Markt etwas Mediterranes.

Foto: Ralph Matzerath

Hilden.  Hildens Bürger haben zum Platz neben der Reformationskirche ein ganz besonderes Verhältnis. Hier wird sie erzählt.

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Das Kleinpflaster hat leichten Seegang. Fachwerkhäuser bilden auf einer Seite eine schöne Kulisse. Wenn die Sonne scheint, sitzt halb Hilden auf dem alten Markt. Man hat hat einen schönen Blick auf die alte Reformationskirche und das Treiben auf der Mittelstraße. Und bei vielen stellt sich ein Gefühl von Urlaub ein. Der alte Markt ist Hildens schönster Platz. Und vielen eine Herzensangelegenheit.

Das bekamen die Politiker 2006 zu spüren. Eigentlich hatten sie es nur gut gemeint. Für stolze 1,4 Millionen Euro wollte der Stadtrat den alten Markt umgestalten und schöner machen. Viele Einwohner sahen das aber ganz anders. Sie wollten den alten Markt genau so wie er war und organisierten ein Bürgerbegehren „Hände weg vom alten Markt“. Mehr als 13.000 stimmberechtigte Wähler sprachen sich dafür aus, dass Kleinpflaster nur auszubessern und wieder herzustellen. Daraufhin gingen die Volksvertreter in sich. Am 20. September 2006 trat der Stadtrat (bis auf die SPD) dem Bürgerbegehren bei und brachte eine „kleine Lösung“ auf den Weg. Statt der geplanten 90.000 Euro kostete die Reparatur des alten Marktes am Ende 136.000 Euro. Heute sind sich Einwohner und Besucher einig, dass der besondere Charme des Platzes darin besteht, dass er so ist wie er ist. Das Pflaster ist holperig und wird bei Bedarf geflickt – fertig.

Erstmals erwähnt wird das Gelände 1857 als Friedhof der Reformationskirche. Diesem Zweck diente der Platz bis 1805. Anschließend war das Gelände rund 50 Jahre lang der Privatgarten der Familie Bongardt. Eine Gruppe von Hildener Bürgern aber war entschlossen, das Areal für die Allgemeinheit zu erstehen und einen „Gemeindeplatz“ anzulegen.

Bürgerinitiative von 1857

1857 schlossen sich 37 Bürger zusammen und sammelten einen Betrag von 495 Talern. In einem Brief an Bürgermeister Albert Koennecke schrieb die damalige Bürger-Initiative: „Da es für unseren Ort ein Bedürfnis ist, einen Gemeindeplatz, besonders einen Marktplatz für die Folge zu haben und ein solcher außer dem jetzigen mitten im Dorfe gelegenen Bongardt‘schen Garten nicht zu finden ist, so verpflichten sich die Unterzeichneten, falls der genannte Garten zum Marktplatz angekauft und hergestellt wird, die auf ihren Namen zu diesem Zwecke verzeichnete Summe im Interesse unseres Ortes dazu beizutragen.“ Die Gemeinde kaufte das Gelände und errichtete den Marktplatz.

1863 pflanzte man zur Erinnerung an den 50. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig eine Gedächtniseiche. Den Baum kann man heute nicht mehr sehen. Die heutige Eiche (mit der Jau-Bank) wurde in den 1930er Jahren gepflanzt. 1894 kam ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal hinzu und seit 1899 krönte den Platz ein Bismarckbrunnen. Im Zweiten Weltkrieg wurden beide Denkmäler eingeschmolzen.

Die Büste des bekanntesten Hildeners, des Begründers der wissenschaftlichen Chirurgie, Wilhelm Fabry (1560 in Hilden geboren), hat seit 1986 – nach einer echten Odyssee – ihren Platz am alten Markt. Der Berliner Bildhauer Arnold Künne erhielt im März 1911 den Auftrag, eine ein Meter hohe Bronzebüste zu fertigen. Ebenso ein Bronze-Relief, das als Schmuck für das 2,50 Meter hohe Postament gedacht war. Das Relief zeigte Fabry als Samariter, nach einem Gemälde des Worpsweder Malers Hans am Ende. Kosten einschließlich der Gärtnerarbeiten: 4800 Mark; die Stadt trug 2600 Mark, der Rest floss aus Spenden.

Am 2. Juli 1911 wurde das Fabry-Denkmal enthüllt – am Bahnhof. Wegen Bauarbeiten der Bahn musste es 1921 an die Ecke Heiligen- und Kirchhofstraße, gegenüber dem Friedhof, umziehen. 1927 wanderte Fabry in eine öffentliche Grünanlage zwischen Bahnhof- und Feldstraße. Fast aber wäre die Bronze-Büste 1942 den Nazis zum Opfer gefallen, hätte es nicht einen Bittbrief vom damaligen Ortsgruppenleiter Heinrich Thiele an Hermann Göring gegeben. „Denkmal nicht entfernen! Erhaltung mit allen Mitteln sichern!“, telegrafierte der Reichsmarschall zurück.

1962 wurde die Büste eingelagert, 1969 wurde die Fabry-Büste im Vorgarten des ehemaligen Kulturamtes an der Mittelstraße aufgestellt. 1974 musste sie dem Neubau der Stadtsparkasse weichen. Seit 1986 schaut – nach Kaiser und Reichskanzler – Fabry auf dem alten Markt auf die Bürger hinunter.

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