Integration

In Düsseldorf ist die „Zeit des Händchenhaltens“ vorbei

Geflüchtete mit unterschiedlichen Geschichten: Aareg Hlal und Ahmad Manja haben sich in Düsseldorf gut eingelebt.

Geflüchtete mit unterschiedlichen Geschichten: Aareg Hlal und Ahmad Manja haben sich in Düsseldorf gut eingelebt.

Foto: STEPHAN WAPPNER

Düsseldorf.  Weniger Engagement in der Stadtgesellschaft und gesetzliche Verschärfungen erschweren aktuell die Flüchtlingsarbeit in Düsseldorf.

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Zwei Geschichten von Geflüchteten: Die eine erzählt Ahmad Manja , 27-jähriger Syrer, der ohne Beine auf die Welt gekommen und dessen rechte Hand dazu noch verkrüppelt ist. Der damalige Chemiestudent floh 2015 vor dem Krieg in seiner Heimat über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. „Das war schwer“, sagt er, „aber es hat sich gelohnt“. Manja, der auf Prothesen und mit Krücken läuft, hat sehr gut Deutsch gelernt, befindet sich gerade in der Bewerbungsphase. Er würde gern Chemikant oder Chemielaborant werden, aber bisher bekommt er nur Absagen.

Schnell Fuß gefasst in Düsseldorf

Die andere Geschichte gehört Aareg Hlal, 50, Mutter von zwei Kindern, die im April 2015 mit ihrer Familie aus dem Libanon kam. Die Frau mit dem warmen Lächeln fasste schnell Fuß in Düsseldorf, die Tochter studiert Pharmazie, der Sohn Sozialarbeit, sie selbst hat einen Job als Sprachlehrerin. „Wir sind damals sehr freundlich empfangen worden, wir fühlten uns willkommen“, sagt sie. Heute empfindet sie das manchmal anders. „Weil ich mittlerweile sehr gut Deutsch verstehe und höre, was die Leute über mich sagen.“

Nur noch 26 städtische Unterkünfte

Nach der überwältigenden Hilfsbereitschaft in 2015 habe sich der Umgang mit Geflüchteten leicht ins Gegenteil bewegt, das empfindet auch Diakoniepfarrer Thorsten Nolting so. „Das hat auch damit zu tun, dass Normalität nicht auffällt“, sagt er. Befindlichkeiten haben sich verschoben. Die Menschen gehen immer mehr raus aus den Unterkünften und rein in die Wohnungen und wollen arbeiten – endlich ankommen. Die Stadt betreibt aktuell 26 Unterkünfte für Geflüchtete mit einer Auslastung von 95 Prozent. 2017 zählte die Stadt noch 56 Unterkünfte, mehr als doppelt so viel. „Die Zeit des Händchenhaltens ist vorbei, die Menschen wollen arbeiten und ein eigenständiges Leben führen“, weiß Nolting.

Die Diakonie begann in Düsseldorf früh mit systematischer Flüchtlingshilfe. 2015 betreute sie rund 3000 Flüchtlinge, dann wurde es zu viel. Nolting erinnert sich daran, dass es Massenschulungen für Ehrenamtliche gab. „Die Leute mussten ja wissen, was überhaupt ein Trauma ist, und wie man damit umgeht“, so der Diakoniepfarrer. Heute kümmern sich unter dem Dach des evangelischen Trägers rund 150 Ehrenamtliche um die Belange von Flüchtlingen. Es geht dabei heute vor allem um die Vermittlung von Wohnungen – oder Jobs.

630 Geflüchtete in rund 200 Haushalte vermittelt

Nach einem Bericht der Freien Wohlfahrtspflege der Caritas unter der Überschrift „Ankommen, Einkommen, Weiterkommen“ gab es in Düsseldorf im September 2018 insgesamt 3760 geflüchtete Menschen, die eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hatten, 50 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Zwei Drittel der Geflüchteten sind dabei – NRW-weit – allerdings nur im Niedriglohnbereich beschäftigt, mit einem monatlichem Bruttoeinkommen unter 2100 Euro. Fast die Hälfte ist in Helferjobs tätig, mehr als jeder Fünfte in Leiharbeit. „Viele Flüchtlinge arbeiten also deutlich unter ihren Möglichkeiten“, betont der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege NRW, Christian Heine-Göttelmann.

Und auch in Sachen Wohnraumvermittlung könnte mehr passieren, betont Sabine Hollands von der Diakonie in Düsseldorf. Seit 2015 habe man geschafft, 630 Geflüchtete in rund 200 Haushalte/Wohnungen zu vermitteln. „Das ist gut, aber auch in diesem Bereich stellen wir fest, dass die Bereitschaft der Vermieter zurück gegangen ist.“

Diakoniepfarrer spricht von „Duldung light“

Ein großes neues Problem für die Flüchtlingshilfe sind die gesetzlichen Verschärfungen, das führe oft zur „Duldung light“, wie Pfarrer Nolting meint. Menschen mit einer unsicheren Bleibesituation stießen bei den Behörden schnell auf große Hindernisse, da werde schon bei einem Erstinterview oft die Norm nicht erfüllt. Oliver Targas, bei der Diakonie Beratungsleiter in den städtischen Unterkünften, erfährt tagtäglich von diesen Problemen. „Es kann nicht sein, dass ein Mensch unbedingt arbeiten will, und dann manchmal bis zu acht Wochen auf eine Genehmigung warten muss.“ Dann nämlich, so Targas, sei der Job in der Regel längst weg. „Da würden wir uns bei den Behörden größere Ressourcen beim Personal wünschen.“

Wünsche haben auch Ahmad Manja und Aareg Hlal. Während der Chemiker nach einem Ausbildungsplatz sehnt („Ich habe zwar keine Beine, aber dafür viel im Kopf“), hofft Hlal, weiter friedlich in Deutschland leben zu können. In ihre Heimat Syrien will sie auch irgendwann mal wieder zurück. „Aber nur zu Besuch.“

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