Rassismus

Der Rassismus an deutschen Schulen, der von Lehrern ausgeht

Aylin Karabulut promoviert mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes an der Universität Duisburg-Essen. Sie schrieb eine Masterarbeit über Rassismuserfahrungen in der Schule, die mit dem Augsburger Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde.

Aylin Karabulut promoviert mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes an der Universität Duisburg-Essen. Sie schrieb eine Masterarbeit über Rassismuserfahrungen in der Schule, die mit dem Augsburger Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde.

Foto: André Hirtz / Funke Foto Services

Duisburg.  Die Duisburgerin Aylin Karabulut hat zu Rassismuserfahrungen von Schülern mit Migrationshintergrund geforscht. Ihre Arbeit wurde ausgezeichnet.

„Man merkt, dass du keine Deutsche bist“. Sätze wie diesen bekommen Kinder und Jugendliche an deutschen Schulen regelmäßig zu hören. Das jedenfalls, ist das Ergebnis einer preisgekrönten Studie von Aylin Karabulut. Die 26-jährige Doktorandin an der Uni Duisburg-Essen ist in ihrer Masterarbeit der Frage nachgegangen, welche Diskriminierungserfahrungen Schüler mit Zuwanderungsgeschichte machen. Das Ergebnis ist eindeutig.

„Wir müssen offen darüber reden, dass wir ein Problem mit strukturellem Rassismus in Deutschland haben - vor allem im Bildungswesen“, sagt Aylin Karabulut. Die 26-Jährige bezieht sich dabei auf Gespräche, die sie mit Schülern mit Migrationshintergrund an acht weiterführenden Schulen – unter anderem auch im Ruhrgebiet – geführt hat.

Schüler berichten von Rassismuserfahrungen in deutschen Klassenzimmern

„Ich habe Schüler in Gruppen gefragt, welche Erfahrungen sie im Schulalltag machen. Ich wollte nichts vorgeben, sondern wissen, welche Themen für Schüler mit Zuwanderungsgeschichte relevant sind. Sehr schnell sind dann die meisten auf ihre Rassismuserfahrungen zu sprechen gekommen“, so Karabulut.

Gewundert, hat dass die 26-Jährige, die im Duisburger Westen geboren und aufgewachsen ist, nicht. Dass es Ungleichbehandlungen gibt, belege die wissenschaftliche Studienlage bereits hinlänglich. „Und doch war ich schockiert, wie sehr sich Schüler an institutionellen Rassismus gewöhnt haben. Eine Schülerin sagte zum Beispiel, dass sie oftmals mit dem IS gleichgesetzt wird, weil sie sich selbst als Muslimin identifiziert. Ein schwarzer Schüler hat erzählt, dass er oftmals nicht als Individuum wahrgenommen wird, sondern als Vertreter einer vermeintlich homogenen schwarzen Bevölkerung. „Was total absurd ist“, sagt Karabulut.

Andauernd würden die Schüler zu „Anderen“ gemacht, die sie nicht sind. Karabulut nennt das „Othering“ - ein Begriff aus der Soziologie, der die Differenzierung einer Gruppe beschreibt, die sich von anderen, häufig defizitär dargestellten Gruppen, distanziert: Deutsch und nicht deutsch.

Schüler trauen sich nicht Diskriminierung anzusprechen

In den seltensten Fällen würden sich die Schüler dagegen zur Wehr setzen. Rassismus in der Schule geht hauptsächlich von Lehrern aus, so Karabulut. „Es gibt eben eine Machtasymmetrie, zwischen Lehrern und Schülern. Der Lehrer gibt die Noten und entscheidet maßgeblich über unser Lebens. Das ist – zumindest etwas verkürzt – die Wahrnehmung vieler Schüler mit Migrationshintergrund.“ Das habe weitreichende Folgen für Persönlichkeitsentwicklung, weil gerade diese Schüler oftmals ohnehin stark unter Druck stünden, da sie mit dem Wissen aufwachsen würden, dass beruflicher und gesellschaftlicher Erfolg für sie ungleich schwerer sei als für Herkunftsdeutsche.

Hauptschüler machtloser gegen rassistische Lehrer

„An den Hauptschulen war ich entsetzt, dass die Schüler dort noch viel machtloser sind als an anderen Schulformen. Oftmals fehlt diesen Schülern die Untersützung ihrer Eltern, was dazu führt, dass die Schüler eine besonders starke und offene Form von Diskriminierung erleben“, sagt Karabulut.

„Das macht es für die betroffenen Schüler umso schwerer, das Problem anzusprechen. Ein Schüler sagte, man sei dann ja richtig unten durch, wenn man über den Rassismus des eigenen Lehrers mit einem anderen Lehrer sprechen würde. Das Kollegium würde schließlich zusammenhalten“, berichtet Karabulut aus ihrer Arbeit.

Die 26-Jährige betont, dass sie keinesfalls alle Lehrer an den Pranger stellen will, unterstreicht aber auch, wie wichtig es sei, dass an deutschen Schulen Stellen eingerichtet werden, an denen Schüler offen über ihre Rassismuserfahrungen sprechen können. Auch die Lehrerausbildung müsse überarbeitet werden. Angehende Lehrkräfte müssten für das Thema Machtverhältnis und Diskriminierung sensibilisiert werden.

Die Duisburgerin hofft, dass ihre Arbeit etwas bewegen kann. „Wir müssen in Deutschland verstehen, dass Rassismus ein strukturelles Problem ist, das wir überwinden müssen. Eine plurale Gesellschaft der Vielen kann sich Rassismus nicht leisten.“

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