Obermeidericher Bahnhof

Duisburg/Oberhausen: Nach Brand – „Bolleke“-Pächter glauben an Wiederaufbau der Kultkneipe

Es geht voran am Obermeidericher Bahnhof. In den nächsten Wochen soll das bei einem Brand schwer beschädigte Haus ein neues Dach bekommen, sagen die Bolleke-Pächter Isabella Blachut und André Grühn.

Es geht voran am Obermeidericher Bahnhof. In den nächsten Wochen soll das bei einem Brand schwer beschädigte Haus ein neues Dach bekommen, sagen die Bolleke-Pächter Isabella Blachut und André Grühn.

Foto: Kerstin Bögeholz / FUNKE FotoServices

Duisburg/Oberhausen.  Nach dem Brand an Allerheiligen läuft in der Kneipe „Bolleke“ der Innenausbau. Die Pächter geben die Hoffnung auf eine Wiedereröffnung nicht auf.

Vor einigen Tagen bahnen sich Isabella Blachut und André Grühn zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder den Weg in den zweiten Stock. Über das marode Treppenhaus, eine wackelige Treppe und durch eine Luke, geht es auf das, was jetzt und noch die „Dachterrasse“ des Hauses am Obermeidericher Bahnhof ist. Der Blick der Pächter des „Bolleke“ geht nach unten – es ist ein emotionaler Moment. An Allerheiligen des vorvergangenen Jahres stand Blachuts kleine Schwester hier mit den Füßen in der Regenrinne und klammerte sich an den glühend heißen Dachziegeln fest, bis sie die Feuerwehr über eine Drehleiter rettete. Dichter Rauch zog aus den Dachfenstern neben der Schwester. „Gänsehaut“, sagt Isabella Blachut, als sie ein Foto von damals zeigt, „das war wahnsinnig knapp.“

„Es hat sich alles in Rauch auflöst“, erinnert sich Blachut an den Tag vor anderthalb Jahren, als sie und ihr Freund André auch vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Von der Straße aus betrachtet sieht es so aus, als sei die Zeit und das bei dem Brand schwer beschädigte Gebäude seitdem stehen geblieben. Der Kran vor dem Haus zeugt davon, dass der Eindruck täuscht. In den Wiederaufbau des Hauses und der Kultkneipe soll jetzt Dynamik kommen. Endlich, hoffen die Pächter. „In den nächsten beiden Wochen geht es mit dem Dach los“, sagt André Grühn. Der Innenausbau ist bereits in Arbeit. Im früheren Biergarten hinter dem Haus laufen die Arbeiten für einen Anbau, in den die neue Sanitäranlage kommt.

Theke und Tresor haben die Flammen überstanden

Innen, wo früher das „Bolleke“ war, sind die Räume nackt, die Decken noch nicht wieder geschlossen. Handwerker werkeln. Die Theke hat den Brand überstanden. Und der Tresor im ehemaligen Büro. „Da sind noch die Millionen drin“, sagt Grühn und lacht. Alle übrigen Einrichtungsgegenstände sind Opfer der Flammen geworden oder wurden durch das Löschwasser beschädigt – inklusive der kurz vor dem Brand runderneuerten Küche und einer neu angeschafften Musikanlage. Für die Schäden am Haus sei die Gebäudeversicherung aufgekommen, hat der 41-Jährige von seinem Vermieter erfahren. Für eine neue Inneneinrichtung werden die Pächter aber auch selbst in die Tasche greifen müssen.

„Die Arbeiten konzentrieren sich auf das Erdgeschoss“, sagt Grühn, „danach geht es nach oben weiter.“ Der Betrieb im „Bolleke“ solle wieder aufgenommen werden, ehe das Haus in Gänze wieder hergestellt ist. „Der Fokus liegt auf der Kneipe“, sagt Grühn, „und der Vermieter steht auch voll dahinter.“

Blachut und Grühn haben sich in Geduld üben müssen in den vergangenen Monaten. Gutachten, Genehmigungen, solche Sachen dauern. „Und wir sind ja auch nicht die Bauherren.“ Über die erste Aussage der Versicherung – „in acht Monaten steht alles wieder“ - können sie heute nur müde lächeln: „Aber dass es so lange dauert, hätte keiner gedacht“, sagt Grühn. „Es ist nicht einfach, nicht die Hoffnung zu verlieren“, sagt Blachut. Aufgeben sei allerdings nie in Frage gekommen, sagen beide – egal, wie lange es sich hinziehe. Vor allem im Sommer des vergangenen Jahres herrschte monatelang Stillstand an der Baustelle.

„Bolleke funktioniert nicht mit Maske und Scheibe“

Grühn hat sich in der Zwischenzeit mit diversen Jobs unter anderem bei einer Sanitärfirma über Wasser gehalten. Blachut hat im Service ausgeholfen. Nebenan bei „Matus Burritos“, die kürzlich eine zweite Filiale eröffnet haben und die in den vergangenen Wochen vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen sind, und beim „Luikov“, das schon schwerer damit zu kämpfen hatte. Wäre die Kultkneipe schon wieder geöffnet, hätten auch sie ein Problem gehabt, sagen die Pächter: „Bolleke funktioniert nicht mit Maske und Scheibe.“

Es hat Blachut und Grühn auch geholfen, dass die rührige „Kulturoffensive Bolleke“ mit Aktiven aus Duisburg und Oberhausen immer wieder Aktionen zur Unterstützung der Pächter und ihrer Idee anschob. Das Bündnis soll im neuen „Bolleke“ einen eigenen Raum für Konzerte und Veranstaltungen erhalten. Ob die Kneipe am zweiten Jahrestag des Brandes, an Allerheiligen 2020, wieder offen hat? An einem Motto für die nächste Halloween-Party haben Blachut und Grühn schon gesponnen. „Wir haben darüber Witze gemacht“, sagen sie. Eine Prognose für einen Termin zur Wiedereröffnung wagen die beiden allerdings nicht mehr ernsthaft. „Die Erfahrung lehrt, dass man sich nicht festlegen sollte“, sagt Grühn vorsichtig.

Als „Techno Tom“ und „Heavy Metal Micha“ das Haus beschallten

Zurück auf der Dachterrasse: Blachut denkt an die Zeit vor dem Brand, als die Mieter „Techno Tom“ und „Heavy Metal Micha“ das Haus und sich gegenseitig beschallten. Ihre Schwester, die im zweiten Stock eine Wohnung hatte, musste nach dem Brand stationär in einem Krankenhaus behandelt werden, bleibende Schäden hat sie zum Glück nicht erlitten. Auch sie will zurückkehren: Wenn die Wohnungen wieder aufgebaut sind, nehme ihre Schwester eine im ersten Stock, sagt Blachut. Die 30-Jährige und ihr Lebenspartner, die bislang auf der anderen Seite der Obermeidericher Straße wohnen und täglich auf das Gebäude blicken, wollen dann auf der gleichen Etage einziehen. Im Erdgeschoss hätten sie und ihre Gäste dann ihr „Wohnzimmer“ wieder: das „Bolleke“.

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