Tag der Architektur

Duisburger Denkmal: Eine Villa voller Geschichte(n)

Die Architekten Bibiana Grosser und Dirk Druschke sind mit ihrem Architekturbüro in die Villa Mülheimer Straße 43 in Duisburg. 10.09.2013 Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ Fotopool

Die Architekten Bibiana Grosser und Dirk Druschke sind mit ihrem Architekturbüro in die Villa Mülheimer Straße 43 in Duisburg. 10.09.2013 Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ Fotopool

Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ FotoPool

Duisburg.   Die markante weiße Villa auf der Mülheimer Straße in Duisburg ist ein Schmuckstück mit Geschichte: Marina Bross verlebte ihre Kindheit darin.

„Hier war früher das Badezimmer. Ich kannte ja nur Zinkwannen, bis mein Vater ein Bad eingebaut hat.“ Marina Bross, gebürtige Gerbaulet, tritt durch den Haupteingang der prachtvollen Patrizier-Villa, in der nun das Architekturbüro Druschke und Grosser seine Räume hat.

Vor fünf Jahren verlagerten sie ihr Büro an die Mülheimer Straße. Bei der ersten Besichtigung waren Bibiana Grosser und Dirk Druschke direkt begeistert, aber da ahnten sie noch nicht, welche schmucken Geheimnisse sich hinter den Wänden verbergen.

Umzug nach Duisburg war ein „doppelter Schock“

Als Bibiana Grosser in der Küche zum Beispiel mit einem Schlüssel über die Tapete kratzte, kamen die Original-Kacheln zum Vorschein. Dort, wo heute der Haupteingang ist, gab’s ein Bad. Als Reminiszenz wurde die alte Duschvorrichtung erhalten. Bei einem Abend des Lions Clubs lernte das Architektenpaar Marina Bross kennen. Die 75-Jährige hat Anfang der 1950er Jahre in dem Haus mit ihrer Familie gelebt - und hat jede Menge Erinnerungen an die Zeit. „Darf ich mal vorbeikommen und schauen?“, fragte sie. „Das war ein Geschenk“, erinnert sich Bibiana Grosser an den gemeinsamen Rundgang durch das geschichtsträchtige Gebäude.

Eigentlich war der Umzug als junges Mädchen für Marina Bross ein „doppelter Schock“, wie sie sagt. Der Vater, ein Radiologe, arbeitete in Berlin an der Charité, die Mutter wurde 1943 hochschwanger auf einen Gutshof nach Warendorf ausquartiert. Dort kam Marina Bross im Krankenhaus zur Welt. „Wir hatten Milch, Butter und immer etwa zu essen. Das war schon ziemlich privilegiert.“

Am liebsten erinnert sie sich an „die Omimi“, ihre Urgroßmutter, bei der sie aufwuchs und die sie auch später nach Duisburg begleitete, als sie eingeschult werden sollte. „Ich kannte drei verschiedene Sorten Hühnerfutter, aber wusste nicht, wie man die Straße überquert.“ Eine „Elektrische“, wie sie auf der Mülheimer Straße fuhr, gab es in Warendorf nicht. Dort durfte sie überall spielen, hatte einen Hund, viele Freiheiten.

Ihr Vater und die Mutter waren nach dem Krieg nach Duisburg gekommen. Die Charité schickte zwei Assistenzärzte in den Westen. In Duisburg eröffnete Dr. Fritz Gerbaulet die erste radiologische Praxis an der Friedrich-Wilhelm-Straße und fand die Wohnung in dem Stadthaus. Das Haus gehörte mittlerweile den Schiewekamps. Im Erdgeschoss richtete sich Familie Gerbaulet ein. „Der heutige Besprechungsraum, der ehemalige Salon, war geteilt.

In dem einen kleinen Raum haben Tante Anni und Herr Schäfer geschlafen.“ Die Familie hatte Platz, also wurde ihr jemand zugewiesen, der bei ihnen wohnen sollte. Tante Anni studierte in Düsseldorf und schlief nachts. Herr Schäfer hatte Nachtdienste und belegte das Bett tagsüber. „Mit dem hatte ich aber eigentlich nicht viel zu tun. Der Raum war tabu.“ Nebenan, über eine Tür verbunden, befand sich das Wohn- und Raucherzimmer mit zwei Betten für die Erwachsenen und die kleine Schwester. Als die 1952 geboren wurde, musste die kleine Marina kurzfristig wieder umziehen – sie hatte Keuchhusten bekommen. Als sie nach einem Monat wieder kam, war der Platz im Kinderbett vergeben. Sie teilte sich fortan mit der „Omimi“ ein Zimmer. Im Obergeschoss wohnte in einer Kammer die „gute Luise“, die sich um den Haushalt kümmerte.

Auf dem Nachbargrundstück in den Trümmern gespielt

Marina Bross besuchte als Mädchen die Duissernschule. Vor dem Haus befand sich damals noch Rasen, auf dem sie spielen konnten. „Ein bisschen britisch, aber großzügiger“, ahnt Bibiana Grosser. „Am liebsten waren wir auf dem Nachbar-Grundstück und haben in den Trümmern Verstecken gespielt.“ Ein Stückchen weiter befand sich auch ein gemauerter Hühnerstall, in der eine Familie froh war, ein Dach über den Kopf gefunden zu haben. „Meine Mutter sah es nicht gerne, aber ich habe es geliebt, mich dort aufzuhalten.“

Sie durfte auch Freunde einladen und mit ihnen zu Hause spielen. Mit der Tochter von Schiewekamps verschwand sie zum Beispiel im Keller, um „so ein chinesisches Spiel zu spielen: Ping-Pong“, erzählt sie lächelnd. Zum Karneval war der Platz am Fenster besonders beliebt – der Zug lief direkt vor dem Haus vorbei. „Karneval, Karneval…, ich kann das Lied noch immer singen.“

Elf Monate nach der Geburt stirbt ihre Schwester. Die traurige Mutter lief zum Pfarrer und ordnete an: „Wenn der liebe Gott mir mein Kind nimmt, dann geht Marina nicht zur Kommunion.“ Die Grundschülerin war allerdings ziemlich traurig. „Dann hat Omimi das geregelt und gesagt: Natürlich geht sie.“ Die Zeit, in der sie in der Villa wohnte, war kurz. Nach ein paar Jahren bauten sie in Speldorf. „Trotzdem waren das für mich prägende, schöne Jahre.“ Als Erwachsene arbeitete sie als Grundschullehrerin in Moers - und heiratete einen jungen Radiologen, den sie auf einem Ball in Düsseldorf kennenlernte. Er übernahm die Praxis des Vaters.

Einen Kauf-Vorvertrag haben Dirk Druschke und Bibiana Grosser schon nach einer knappen Stunde unterschrieben, so begeistert waren sie. Gebaut wurde die Villa 1894 als typisches Stadthaus für Duisburger Industrielle. „Jeder, der mit Stahl zu tun hatte, baute sich so ein Haus. Hier in dem Viertel steckt unheimlich viel Geschichte“, sagt Bibiana Grosser und verweist auf die benachbarten Villen, die für die Gebrüder Kiefer und den Unternehmer Keetmann errichtet wurden. Nach ihnen wurden in der Innenstadt und in Duissern Straßen benannt.

Villa wurde behutsam modernisiert

„Wir haben eigentlich gedacht, dass die hintere Tür der Haupteingang war“, so Bibiana Grosser. „Dabei war das nur der Domestikeneingang für die dienstbaren Geister“, ergänzt Marina Bross. Die Architektin wunderte sich damals über den opulenten Architraven, ein Giebel-Ornament oberhalb der Tür des jetzigen Besprechungsraumes. Sie und ihr Mann fanden heraus, dass das Bad früher eine andere Bestimmung gehabt haben muss. „Das ist die klassische Raumaufteilung einer Patrizier-Villa. Wer hineinkam, nahm in diesem Raum Platz, und wer für gut befunden wurde, durfte weiter durch.“ Die Tür ist nur mit einer Wand aus Rigips verdeckt, aber erhalten geblieben.

Wer durch den heutigen Hintereingang kommt, schaut nicht auf eine Wand. In Absprache mit der Denkmalbehörde wurde ein hohes Fenster eingebaut, das den Blick bis auf die Mülheimer Straße ermöglicht. 350 Quadratmeter Bürofläche nutzt das Team inzwischen. „Wir haben behutsam modernisiert.“ Fliesen und Holzfußböden sind erhalten, in einigen Räumen liegt moderner Teppich. Im Eingangsbereich steht das Motto der Architekten an eine Wand geschrieben. Es ist ein Zitat des französischen Philosophen Auguste Comte: „Die Liebe als Prinzip, die Ordnung als Basis, den Fortschritt als Ziel.“

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