Prozess

Ex-Rockerchef sagt doch gegen Islamisten aus Duisburg aus

Abu Walaa (r), mutmaßlicher Anführer der Terrormiliz IS in Deutschland, steht mit bedecktem Kopf im Gerichtssaal.  Walaa und vier weitere mutmaßliche Top-Islamisten sollen Freiwillige für den IS rekrutiert haben.Foto:dpa

Abu Walaa (r), mutmaßlicher Anführer der Terrormiliz IS in Deutschland, steht mit bedecktem Kopf im Gerichtssaal. Walaa und vier weitere mutmaßliche Top-Islamisten sollen Freiwillige für den IS rekrutiert haben.Foto:dpa

Foto: Holger Hollemann

Oberlandesgericht lässt Ex-Rockerchef der Satudarah in Handschellen aus dem Saal führen. Daraufhin packt er gegen Duisburger Islamisten aus.

Der ehemalige Boss des Rockerclubs Satudarah kommt als Zeuge durch den Vordereingang des Oberlandesgerichts in Celle. Er trägt eine rote Schirmmütze, Bart. Am Hals zeichnet sich eine Tätowierung unter der schwarzen Jacke ab. Als er den Saal im Hochsicherheitstrakts betritt, lässt er den Blick über die fünf Angeklagten hinter der Scheibe aus Panzerglas schweifen. Nur kurz. Dann wendet er sich ab. Es ist der Beginn eines Verhandlungstages im derzeit wohl größten deutschen Verfahren gegen den islamistischen Terrorismus, der viele Überraschungen bereithält.

Die wohl größte ist, dass zur Mittagspause die Handschellen klicken und der Ex-Rockerboss und Zeuge Yildiray K. – in der Szene besser bekannt als Ali Osman – in die Zelle geführt wird. Weil der ehemalige Rocker wiederholt beteuert, dass er sich nicht erinnern kann und weil die Richter ihm das nicht abnehmen. Er kommt vorübergehend in Beugehaft. Nach der Pause kehrt seine Erinnerung zumindest teilweise wieder.

Sie sollen junge Gläubige radikalisiert haben

„Jeder denkt nur an sich. Ich wollte damit nichts zu tun haben“, erklärt Yildiray K. nach der Pause seine zunächst vorgeschobenen Erinnerungslücken. Mit „damit“ sind wohl die mutmaßlichen Islamisten auf der Anklagebank gemeint. Seit gut anderthalb Jahren müssen sich der Hildesheimer Prediger Abu Walaa und vier seiner mutmaßlichen Helfer unter anderem wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in der Terrormiliz IS in Celle verantworten. Sie sollen junge Gläubige radikalisiert und für den Kampf in Syrien und dem Irak geworben haben. Als eine Schlüsselfigur in dem mutmaßlichen Netzwerk gilt Hasan C., ehemals Inhaber eines Reisebüros in Duisburg-Rheinhausen. Aus seinem Dunstkreis kommen auch die Attentäter auf den Essener Sikh-Tempel.

Die Anklage geht davon aus, dass Hasan C. in seiner Hinterzimmer-Islamschule junge Männer indoktriniert und Hilfe bei dessen Ausreise in die ehemaligen Gebiete des IS geleistet haben soll. Gegenüber Ermittlungsbeamten der Polizei hatte auch Yildiray K. den „Islam-Lehrer“ schwer belastet. Vor Gericht räumt er nur zögerlich ein, dass er für den heute 53-Jährigen tatsächlich Briefe aus dem Hochsicherheitstrakt der JVA Düsseldorf schleuste, wo beide zusammen einsaßen. Es waren Schreiben, in denen von „Operationen“ gegen mögliche Belastungszeugen die Rede war; Yildiray K. sollte sie an Gefolgsleute weiterleiten. Stattdessen händigt er sie seinem Verteidiger aus – und trat eine Lawine in Gang, mit der er so offensichtlich nicht gerechnet hatte.

"Vielleicht sind die Jungs jetzt auch böse auf mich"

Yildiray K., einst als „Ali Osman“ als schillernde Person in der Duisburger Rockerszene bekannt und berüchtigt, spricht stockend, manchmal ist er kaum zu verstehen. Er bricht Sätze ab, als er von seiner Begegnung mit Hasan C. erzählt: Beide Männer aus Rheinhausen verbringen 2017 einige Monate zusammen in Haft; Yildiray K. sitzt in Düsseldorf dort wegen Drogen- und Waffengeschäften ein. Er schildert, wie sich ihm Hasan C. nach und nach anvertraut hat. Wie sie erst nur über den Koran sprechen, dann nach und nach die Gesinnung von Hasan C. immer deutlicher, seine Sympathien für den IS erkennbar werden und er auch Anschläge rechtfertigt. „Es wurde für mich unerträglich“, sagt er.

Als ehemaliger Satudarah-Präsident hatte Yildiray K. im eigenen Verfahren freimütig über Drogen- und Waffengeschäfte ausgepackt, Namen von Hintermännern genannt. Als Zeuge im Celler Terror-Prozess wirkt er dagegen unsicher. „Sie haben meine Familie in Gefahr gebracht“, sagte er zu den Richtern. Man versuche ihn, in irgendetwas reinzuziehen. „Wenn hier von Schutz die Rede ist – vielleicht sind die Jungs jetzt auch böse auf mich“, sagte er mit Blick auf die Angeklagten.

Ausgeklügeltes System, um Gläubige anzuwerben

Nur widerwillig bestätigt er, was er gegenüber Ermittlern des Landeskriminalamtes in Düsseldorf angegeben hat. Aus Aktenvermerken ist zu entnehmen, wie Yildiray K. ein ausgeklügeltes System beschreibt, in dem Gläubige für den IS geworben werden sollten: Demnach nimmt zunächst in Mitglied der Szene, der nicht als Salafist zu erkennen ist, Kontakt zu Jugendlichen auf, gewinnt ihr Vertrauen und lädt sie zu Unterrichten ein. In einem zweiten Schritt werden die frisch Geworbenen zu Hasan C. gebracht und dort „ideologisch geschult“.

Ausgewählte sollen dann in einer dritten Stufe weiter radikalisiert und auf bestimmte Aufgaben vorbereitet werden. Das heißt: In die Kampfgebiete des IS geschickt oder für „Tätigkeiten“ in Deutschland eingesetzt werden. Hasan C. soll sich als Gebietsvertreter für den Raum Duisburg ausgegeben haben. Über allem schwebte den Schilderungen zufolge aber Abu Walaa, als letzte Instanz. „Herr C. hat ihn in laut Yildiray K. in solch leuchtenden Farben beschrieben, dass er wie ein Heiliger dastand“, erinnert der Leiter der Ermittlungskommission.

Und er erinnert sich auch, wie erschüttert sich der sonst eher hart gesottene Rocker in den Vernehmungen gab. „Er sprach von Bildern, Symbolen, von psychologischen Mitteln, die angewandt wurden, um Menschen zu manipulieren.“ Er habe die Islamisten fortlaufend als Parasiten bezeichnet, so der LKA-Beamte – als jemanden, der sich in die Gehirne anderer einnistet. Das wiederholt Yildiray K. so vor Gericht nicht. Er erwähnt aber die Zwillinge Mark und Kevin K., die ehemals den Unterricht des Reisebüro-Inhabers besuchten und bei Selbstmord-Attentaten im Irak viele Menschen mit in den Tod rissen. Hasan C. sei sehr stolz auf sie gewesen. „Er sagte: Das sind Löwen.“ Von einem deutschlandweiten Rekrutierungs-Netzwerk will er indes nichts wissen.

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