Kunstaktion

Glashalle des Lehmbruck-Museums wird zum gigantischen Buch

Der Künstler Jochen Gerz erklärt an der Glashalle des Lehmbruck-Museums seine Kunstaktion „The Walk“.

Der Künstler Jochen Gerz erklärt an der Glashalle des Lehmbruck-Museums seine Kunstaktion „The Walk“.

Foto: Fabian Strauch

Duisburg.   Spektakuläre Kunstaktion mit Jochen Gerz am Duisburger Museum. The Walk: 100 Meter langer Steg führt an Texten des Künstlers vorbei.

Das Lehmbruck-Museum wird im September für sieben Monate Ort einer spektakulären Ausstellung und eines ungewöhnlichen sozialen Experiments.

Eigentlich wollte Museumsdirektorin Söke Dinkla den renommierten Künstler Jochen Gerz für eine Retrospektive gewinnen, doch die hat der Kritiker des Museums- und kommerziellen Kunstbetriebs abgelehnt. Allerdings hat er sich zur ersten Museumsausstellung seit 15 Jahren überreden lassen, wobei kein einziges Exponat zu sehen sein wird und die Besucher nicht ins Museum gelockt, sondern um das Gebäude herum geführt werden.

Besucher lesen auf dem Steg

„The Walk“ ist ein 100 Meter ­langer Weg auf einem drei bis sechs Meter hohen Steg entlang der ­Glasfassade des Museums – vom Skulpturenhof entlang der großen Glashalle rund um die Nordhalle bis hin zur Fassade an der Düsseldorfer Straße. Entlang des Wegs können die Besucher einen Text ­lesen, der Leben und Werk des Künstlers mit acht Jahrzehnten Zeitgeschichte verbindet und so das Museum in ein gigantisches Buch verwandelt: Jede Scheibe der sieben Meter hohen Glasfassade wird mit roten Buchstaben zu einer Textspalte.

Das soll anregen, über die Entwicklung der deutschen ­Gesellschaft und den eigenen Weg nachzudenken. Darüber hinaus kann man vom Steg durch die Fenster einen Blick ins Museum werfen, der sonst unmöglich ist.

„Das Museum soll in seiner Funktion, in seiner Schönheit und als kulturelle Errungenschaft wahrgenommen werden“, erklärt der 1940 geborene Gerz und sagt: „Ich komme aus dem Krieg.“ Und so wie ihm gehe es nicht nur vielen Menschen in Deutschland, sondern auch den Zugereisten. Die Kriegserfahrung und den Museumsbetrieb verbindet Gerz mit einem Experiment: „Jeder Angestellte hier soll Pate eines Zugereisten werden“, kündigt er an. Schließlich sei auch ein Museum ein Betrieb, in dem handwerkliche Arbeit und „geistige Wertschöpfung“ geleistet werde.

Patenschaften mit Flüchtlingen

Gerz wünscht sich Begegnungen auf Augenhöhe: „Eine intelligente Gesellschaft bekommt intelligenten Besuch.“ Für ein halbes Jahr soll das Museum zum Ausbildungsort werden. „Das wird das Museum neu sortieren“, ist Söke Dinkla gespannt darauf, wie sich diese Patenschaften und die damit verbundene Verantwortung auswirken.

Und schließlich sollen die Praktikanten auch über ihr Leben schreiben. Das erinnert an das Projekt „2 bis 3 Straßen“ im Kulturhauptstadtjahr 2010, in dem Gerz Menschen von außerhalb nach Hochfeld lockte, die eine zeitlang mietfrei wohnen konnten – sie waren lediglich verpflichtet, über ihre Erfahrungen zu schreiben.

Wie das mit den Flüchtlingen klappen kann, die wahrscheinlich noch nicht gut Deutsch sprechen? „Ich weiß es nicht“, sagt Jochen Gerz. Aber er ist zuversichtlich. Er habe in vielen Ländern gelebt, und seine Erfahrung mit voran gegangenen Autoren-Projekten stimmt ihn zuversichtlich.

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