Magersucht

Magersucht: stummer Hilfeschrei der Seele einer 14-Jährigen

Antonia Wesseling litt fünf Jahre an Magersucht. Im Kampf gegen Kalorien ging es ihr nie ums Dünnsein. Heute mit 21 sagt sie selbstbewusst: „Es geht mir gut. Ich bin im Frieden mit mir, habe alles im Griff.“

Antonia Wesseling litt fünf Jahre an Magersucht. Im Kampf gegen Kalorien ging es ihr nie ums Dünnsein. Heute mit 21 sagt sie selbstbewusst: „Es geht mir gut. Ich bin im Frieden mit mir, habe alles im Griff.“

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Toni Wesseling (21) litt an Magersucht. Sie wollte nicht dünn sein, sondern die Kontrolle über ihren Körper. So hat sie ihr Leben zurückgewonnen.

Mit 14 Jahren lebte Antonia Wesseling im unkontrollierbaren Gefühlschaos. „Damals wusste ich selbst nicht, wie viel Kummer in mir steckt“, sagt die heute 21-Jährige. Über fünf Jahre hinweg litt die gebürtige Duisburgerin an Magersucht. Im Kampf gegen Kalorien geht es ihr aber nicht ums Dünnsein. Vielmehr ist sie hungrig nach dem Gefühl der Kontrolle.

In der neunten Klasse zeigt sie die ersten Symptome einer Anorexia nervosa, dem Fachbegriff für Magersucht. Ihrer Freundin schlägt sie ein Experiment vor: „Lass uns 48 Stunden lang nichts essen.“ Ihre Intention dahinter war nicht das Abnehmen. „Ich suchte vielmehr nach dem Kick, nach etwas, womit ich zeigen konnte, wie stark ich war.“ Die absolute Kontrolle über sich selbst.

Antonia Wesseling litt unter Magersucht – Kalorien zählen und nächtliches Wiegen

Es beginnt eine Negativspirale. „Wie viel ich aß und mich bewegte, bestimmte meinen Alltag.“ Sie steht mehrmals nachts auf, um sich zu wiegen, lernt Kalorienangaben sämtlicher Lebensmittel und liest Bücher im Kinderzimmer nur noch stehend und mit einem Hula-Hoop-Reifen um die Hüften.

„Ein Fitnesswahn“, glauben ihre Eltern. Eine ihrer Schnapsideen, die schnell wieder vergessen ist. Doch Toni verfolgt ein Ziel: „Ich wollte magersüchtig werden. Ich fand die Krankheit faszinierend. Faszinierend gefährlich, aber auch berauschend.“

Mit dem Hungern betäubt Toni ihre Gefühle

Was ihre Eltern nicht ahnen: Mit dem Hungern betäubt Antonia ihre Gefühle. Den Selbsthass, die Zweifel und das Gefühl der Wertlosigkeit beim Blick in den Spiegel. Die Angst des Versagens, weil Papa in ihr eine „Heldin“ sieht und seine Worte in ihren Ohren niemals verstummen. Sie nutzt das Hungern, um all ihre innerlichen Konflikte zu kompensieren.

Essstörung: Das ist Magersucht
Essstörung- Das ist Magersucht

„Magersucht ist ein Hilfeschrei der Psyche.“ Ein Symptom dessen, was sich unter der Oberfläche des Hungerns abspielt. Und die Duisburgerin möchte so lange hungern, bis sichtbar wird, dass es ihr nicht gut geht – und ihr Schrei endlich Gehör findet.

Eltern weisen Toni in eine geschlossene Psychiatrie ein

Ihr Schulbrot lässt sie auf dem Pausenhof im Mülleimer verschwinden. Sie provoziert Streitereien, nur um eine Ausrede zu haben, um nicht am gemeinsamen Familienessen teilzunehmen. „Meine innere Stimme kontrollierte mich auf Schritt und Tritt.“

Ihre Eltern erkennen letztlich den Ernst der Lage und weisen Toni mit 15 Jahren in eine geschlossene Psychiatrie ein. Zwei weitere Klinikaufenthalte folgen. Schritt für Schritt habe sie so gelernt, besser mit ihren Gefühlen umzugehen und die Sprache ihrer Psyche zu entschlüsseln. Dabei sagt sie aber auch: „Keine Klinik dieser Welt kann dich ohne deine Mithilfe von einer psychischen Krankheit befreien.“

„Wie viel wiegt mein Leben?“ – ein Buch über ihre Erfahrungen

Heute mit 21 steht sie selbstbewusst auf dem Bahnhofvorplatz in Duisburg. „Es geht mir gut. Ich bin im Frieden mit mir, habe alles im Griff.“ Vor zwei Jahren hat sie ihre Heimatstadt verlassen und auch den Kampf gegen die Essstörung gewonnen. Sie lebt nun in Köln, und auch wenn sie noch immer in Therapie ist, um weiterhin über Gefühle sprechen zu können, bestimmt die Magersucht nicht mehr ihr Leben.

Anfang 2019 hat sie angefangen, über ihre Erlebnisse ein Buch zu schreiben. Entstanden ist mit „Wie viel wiegt mein Leben?“ ein über 200-seitiges Werk – eine Mischung aus Autobiographie und Ratgeber, der ihren Weg zurück zu einem selbstbestimmten Leben beschreibt, anderen Betroffenen eine Stütze sein und Angehörigen die Augen öffnen soll. „Es ist wichtig, sich nicht auf das Symptom ‚Magersucht‘ zu stürzen, sondern die Seele dahinter“, rät sie.

Bewusst keine Kalorien- und Gewichtsangaben

Auf den Seiten verzichtet die junge Autorin bewusst auf Gewichts- und Kalorienangaben. „Ich möchte auf Betroffene keinen Druck ausüben.“ Zu oft werde sich unter Magersüchtigen verglichen, so hat sie es auch in Kliniken erlebt. Stattdessen geht es etwa um den Mut, sich anzuvertrauen, den Willen, die Krankheit loszulassen und die Sprache der Gefühle zu lernen.

Rückblickend, sagt sie, habe sie ihre Jugend an die Essstörung verloren. Die erste rauschende Party, die große Liebe, der erste Kuss – „die Magersucht durchkreuzte all diese Pläne und betrog mich um fünf Jahre meines Lebens.“ Und trotzdem möchte sie das Erlebte nicht ausradieren. „Ich weiß nicht, ob ich ohne die Magersucht meinen Platz im Leben gefunden hätte.“ Sie weiß aber auch: „Es würde keinen Sinn mehr machen, nochmal in diese Sackgasse zu gehen.“

>>> „Wie viel wiegt mein Leben?“ – die junge Autorin Antonia C. Wesseling

Antonia C. Wesseling ist Autorin und Bloggerin. 2015 hat sie ihr erstes Jugendbuch veröffentlicht, es folgten zahlreiche weitere. Sie liebt Worte und Bücher. Auf Instagram und YouTube spricht sie unter dem Namen „tonipure“ über Bücher, Veganismus und psychische Gesundheit.

Ihr neuestes Buch „Wie viel wiegt mein Leben?“, erschienen im Verlag „Eden Books“, setzt sich mit dem Thema Magersucht auseinander. Es ist ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige. Sie weiß aber auch: „Kein Buch dieser Welt kann dein Leben retten, wenn du dich nicht selbst dazu entscheidest.“

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