Jugendtheater

„Rattenkinder“ rebellieren in Duisburger Theaterstück

Echo (Emma Stratmann, r.) ist die Anführerin der Rattenkinder, Bibi di Boppola (Ferit Albayrak, l.) folgt ihr blind. Andere Rattenkinder im gleichnamigen Theaterstück des „Spieltrieb“ in Duisburg haben ihre Zweifel.

Echo (Emma Stratmann, r.) ist die Anführerin der Rattenkinder, Bibi di Boppola (Ferit Albayrak, l.) folgt ihr blind. Andere Rattenkinder im gleichnamigen Theaterstück des „Spieltrieb“ in Duisburg haben ihre Zweifel.

Foto: Sascha Kreklau

Das neueste „Spieltrieb“-Stück im Duisburger Theater trägt den Titel „Rattenkinder“. Es geht um Rebellion, Verrat und Verfall.

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Als es losgeht, ist es stockfinster. Nach und nach erhellen kleine Lampen das dunkle Foyer III im Stadttheater, und die Rattenkinder fangen an zu sprechen. Am Samstag feierte „Rattenkinder“, das neue Spieltrieb-Stück von Regisseur Simon Paul Schneider, der schon mit „Die Hütte im Wald“ ein hervorragendes Stück auf die Bühne brachte, Premiere.

Sehr düster und metaphorisch deckte das surreale Schauspiel gleich mehrere Themenfelder ab: Die Vergänglichkeit, die Orientierungslosigkeit der Generation Y, eine Coming-of-Age-Geschichte und sogar verbotene Liebe, die eigentlich gar nicht verboten ist.

Rattenkinder wollen im Duisburger Theaterstück aussteigen und frei sein

Die offensichtliche, weil sichtbare, Geschichte ist schnell erklärt. Die Geschwister Fanny und Theo Brandt wollen ihren Eltern und deren zerrütteter Ehe entkommen und fliehen zu den Rattenkindern. Unter dem Kommando der mysteriösen „Echo“ wollen die Kinder ein altes und verlassenes Dorf wieder aufbauen und dort leben, fernab vom Establishment und seinen Zwängen. Doch das Vorhaben endet in einer Katastrophe, als Echo ihr wahres Gesicht zeigt – oder zumindest ihre erste Maske ablegt.

Fanny und Theo, der von der Aussteigeridee seiner Schwester zunächst gar nicht angetan ist, hören die Geschichte einer Entität im Maisfeld, die die Kinder zu verstehen scheint und anleitet. Vor allem Echo, das finden die Geschwister schnell heraus, ist radikal, wenn es um den Ausstieg geht.

Die Vergänglichkeit der Dinge und die Suche nach der Wahrheit

Alpha und Omega des Theaterstücks ist das berühmte „Ozymandias“-Gedicht von Shelley. „My name is Ozymandias, king of kings, look on my works, ye Mighty, and despair!“ So lautet das berühmteste Zitat aus dem Gedicht, tatsächlich steht dieser Spruch aber bloß auf dem Sockel einer zerstörten Statue einer längst vergangenen Zivilisation. Dieser Defätismus wohnt auch dem Stück zu jeder Zeit inne, es ist die Selbstzerstörung der Zivilisation und ihrer Menschen, der die Rattenkinder entfliehen wollen, und dem Gefühl, bloß die Last ihrer Eltern zu sein.

Oder zumindest glauben sie das. Denn Echo ist nicht, wer sie zu sein scheint. Wer das Stück noch sehen will, und das sei an dieser Stelle Jedem ausdrücklich empfohlen, sollte jetzt direkt zur Infobox mit den Spielterminen springen, um sich die „Rattenkinder“ nicht zu verderben.

Rattenkinder spielen in Duisburg mit den Grenzen des gesellschaftlichen Konsens

Echo und die Entität sind ein und dasselbe Wesen: Als ein „Rattenkind“ die Aussteiger verlässt, was laut Echo jederzeit möglich und erlaubt ist, stirbt das Mädchen kurze Zeit später. Wie ein Sektenführer, oder ein Rattenfänger eben, schart Echo die Kinder um sich und vergiftet sie im Finale.

Zufrieden und grinsend zieht der Dämon von dannen, vermutlich um sich seine nächsten Opfer zu suchen. Zurück bleiben die Eltern von Fanny und Theo, der adoptiert ist, wie Fanny ihren Eltern entlocken kann. Das ist für die Geschwister nicht ganz unwichtig, denn die beiden sind auch ein Liebespaar. Beim ersten Kuss – da wissen die beiden und das Publikum noch nichts von Theos Adoption – rutschen die Zuschauer unangenehm berührt auf ihren Stühlen herum.

Was ist echt, und was bloß Echos List?

Der größte Clou von Regisseur Schneider ist aber der finale Dreh, mit dem Echo, theoretisch, selbst die schönste verkopfte Theaterinterpretation zunichte macht. Wenn die Rattenkinder und ihre Ideale bloß eine List der urbösen Echo waren, zählt dann das, was die Kinder über sich gelernt haben, nichts mehr?

Markige Zitate wie Theos „Wir sind euch nicht genug“ an seine Eltern klingen nach Tiefgründigkeit und hoher Kunst – aber sind sie, zusammen mit der Rebellion gegen die festgetretenen Pfade der Menschen, nur Früchte der Hirngespinste, die Echo den Kindern eingepflanzt hat?

Dass die Zuschauer nach dem Stück noch eine weile wach im Bett liegen und grübeln, ist sehr wahrscheinlich. Simon Paul Schneider und „Spieltrieb“ schaffen es schon wieder, das kleine Foyer III zum größten Saal im Stadttheater zu machen.

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