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Stadtteilgeschichte: Wie Alt-Walsum an Bedeutung verlor

Der heutige Duisburger Stadtteil Alt-Walsum verlor Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Status als Mittelpunkt Walsums.

Der heutige Duisburger Stadtteil Alt-Walsum verlor Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Status als Mittelpunkt Walsums.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Alt-Walsum war jahrhundertelang Mittelpunkt des heutigen Bezirks. Mit der Industrialisierung verlor das Dorf zunehmend an Bedeutung.

Alt-Walsum, das ist die Geschichte eines Dorfes, das jahrhundertelang der Mittelpunkt im heutigen Walsum war. Dem dann aber andere Ortsteile im Zuge der Indus­trialisierung den Rang abgelaufen haben. Dabei hat diese dort sogar begonnen.

Die große Rheinaue, heute ein Naturschutzgebiet, kam wegen häufiger Überflutung nie als Siedlungsgebiet in Betracht, aber als Weideland. Oberhalb jener meist hochwasserfreien Geländekante, der Niederterrasse, zeugen nach Angaben des Historikers Dr. Michael Kanther Bodenfunde im Bereich des Nordhafens von einer Besiedlung schon um 800 vor Christus. Aus einem 1500 Jahre später nachgewiesenen Einzelhof hat sich das heutige Straßendorf an der Kaiserstraße entwickelt. Sie war die alte Landstraße von Hamborn nach Wesel.

Grundbesitz hatten die Abtei Hamborn und die Herren von Holten

Erstmals urkundlich erwähnt wird das Dorf 1144. Die Existenz einer Kirche im Jahr 1269 ist nachgewiesen. Sie wurde 1880 abgebrochen und durch die heutige St.-Dionysius-Kirche ersetzt.

Die Burgfrau Mechthild von Holten schenkte die Kirche und den zugehörigen Landbesitz 1281 dem Johanniterorden. Der hatte sogar bis 1611 eine Residenz vor Ort, wurde aber 1806 von der französischen Besatzungsmacht aufgelöst. Grundbesitz hatten in Alt-Walsum aber auch die Abtei Hamborn und die Herren von Holten, nach ihnen die Grafen von Kleve. Bei ihnen lag auch die Grund- und Gerichtsherrschaft.

Schon 1397 gab es die neue Landstraße, heute die Römerstraße, die das Dorf umging. Die ersten Evangelischen gehörten ab 1570 zur Gemeinde Holten. 1682 wird in Alt-Walsum erstmals ein Lehrer erwähnt. 1755 gab es einen katholischen und einen evangelischen Lehrer. 1843 entstand neben der Kirche ein neues Schulgebäude, 1884 hatte es zwei Klassen. 1900 entstand am späteren Lehmkuhlplatz ein Neubau, die heutige Theißelmannschule. 1902 folgte an der heutigen Dr.-Wilhelm-Roelen-Straße die evangelische Volksschule. Sie wurde 1945 zerstört.

Das Dorf Walsum wurde im Jahr 1905 selbstständige Gemeinde

Schon vor 1657 gab es Fährbetrieb nach Orsoy. 1787 wurden im ganzen Dorf 41 Häuser, 46 Familien und 227 Einwohner gezählt. Heute sind es rund 4500 Einwohner. Seit 1808 gehörte Alt-Walsum zur französischen Bürgermeisterei Dinslaken, seit 1815 zur preußischen Bürgermeisterei Dinslaken. 1888 gab es an der Kaiserstraße erstmals eine Post.

Die Industrialisierung erreichte den Ort spät, 1897. 1899 ließ sich erstmals ein Arzt, Dr. Franz Schlagermann, im Dorf nieder. Er übernahm 1909 die Leitung des neuen katholischen St.-Camillus-Hospitals an der Kirchstraße. Es erlitt 1943 schwere Luftkriegsschäden, wurde wiederaufgebaut und 1980 zu einer Fachklinik für Suchtkranke.

Noch um 1900 hatte das Straßendorf erst 16 Häuser. Aber weil seine Nachbarorte stark gewachsen waren, wurde Walsum 1905 selbstständige Gemeinde, 1958 sogar Stadt.

Die bekannte Walsumer Hubbrücke über den Hafen wurde 1936 gebaut

Obwohl die Industrie näher an Alt-Walsum als an Aldenrade lag, löste sie hier keinen Entwicklungsschub aus. Das lag an der Römerstraße und ihrer schnelleren Anbindung an das großstädtische Marxloh, so dass Alt-Walsum seine Bedeutung als wichtigste Ortschaft Walsums einbüßte. Zwar gab es ab 1913 an der Kaiserstraße einen Marktplatz. Aber die Gemeindeverwaltung war nur bis 1917 hier ansässig.

1912 wurde auf der Grenze nach Aldenrade die Bahnstrecke von Hamborn nach Wesel fertig. Alle großen Betriebe waren daran angeschlossen. Die Gleise wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und erst 1952 wiederhergestellt, 1983 endete der Personenverkehr auf der Strecke.

1936 führte man die Königstraße mit einer Hubbrücke über den Hafen. Ein fünf Kilometer langer Hoch­wasserschutzdeich bis zur nördlichen Gemeindegrenze entstand. Artilleriebeschuss vom westlichen Rheinufer verursachte im März 1945 auch in Alt-Walsum schwere Schäden.

Südlich der Dr.-Wilhelm-Roelen-Straße entwickelte sich eine ungünstige Gemengelage aus Wohnbebauung, Wohn- und Geschäftshäusern, unzusammenhängenden Industrie- und Gewerbeflächen. Durch Abbruch von Wohnhäusern entstanden in den 70er und 80er Jahren Gewerbeflächen, die aber schlecht nachgefragt wurden. Ganz anders dagegen entwickelte sich ab 1986 das Einfamilienhaus-Neubaugebiet zwischen Kaiserstraße, Bahntrasse und Krummer Weg.

>> ALT-WALSUMS VIER GROßE INDUSTRIEBETRIEBE

Grillo in Hamborn errichtete 1897 am Rheinufer eine Zellstofffabrik. Zellstoff, das sind Watte, Verbandsmaterial sowie das Vorprodukt für Papier. Das Werk ging schon 1903 auf die AG für Maschinenpapier-Fabrikation in Aschaffenburg über und beschäftigte 1950 763 Personen. 1963 wurde es wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt, die Gebäude bis 1970 abgebrochen. Ab 1900 war es über eine Stichbahn an die neue elektrische Straßenbahn von Hamborn nach Dinslaken angebunden. Ihr Gleis wurde 1945 aufgegeben.

1904 begann August Thyssen mit Vorarbeiten zu einem Bergwerk. 1927 wurde der Schacht angelegt, 1930 die Förderung aufgenommen, zugleich ein zweiter Schacht gebaut. 1934 entstand ein eigener Hafen, der 1,6 Kilometer lange Nordhafen. 1945 war die Förderung nur kurz unterbrochen. Ab 1946 diente die Kohle der Stromerzeugung. 1952 wurde ein Zechenkraftwerk errichtet und mehrfach erweitert.

Anfänge des Getränkeherstellers Hövelmann gehen auf Bierhandlung zurück

Ab 1956 förderte auch Schacht 2. Mit 7078 Beschäftigten wurde damals ein Höchststand erreicht. 1969 ging die Zeche auf die Ruhrkohle-AG über. 1987 erreichte sie mit 3,4 Millionen Jahrestonnen bei 4606 Beschäftigten ihre Höchstförderung. 2008 wurde das Bergwerk stillgelegt, 2009 ein neues Kohlekraftwerk südwestlich des Bergwerks in Betrieb genommen.

Die Anfänge des Getränkeherstellers Hövelmann gehen 1905 auf eine Bierhandlung an der Kaiserstraße zurück. Zwischenzeitlich lag der Betrieb an der Dr.-Wilhelm-Roelen-Straße in Aldenrade, ist seit 1969 aber wieder in Alt-Walsum an der Römerstraße. 1986 war das der größte Mineralwasserbrunnen in NRW. 2007 arbeiteten dort 850 Beschäftigte.

Nordwestlich der Zellstofffabrik errichtete die Haindl Papier GmbH aus Augsburg 1962 eine Fabrik für Illustriertenpapier. Sie wurde 2001 von Norske Skog übernommen, zählte 2006 580 Beschäftigte und produzierte jährlich 425.000 Tonnen leichtes Papier, bis 2015.

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