Trauerbewältigung

Trauer bei Tod: Wenn gemeinsam Kochen gegen Einsamkeit hilft

Ist die Apfeltarte schon fertig? Iris Michalski und Silke Pfingsten (v.l.) wagen einen Blick in den Backofen. Sie sind Teilnehmer des Kochkurses gegen Einsamkeit und Trauer.

Ist die Apfeltarte schon fertig? Iris Michalski und Silke Pfingsten (v.l.) wagen einen Blick in den Backofen. Sie sind Teilnehmer des Kochkurses gegen Einsamkeit und Trauer.

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  In Duisburg können Hinterbliebene ihre Trauer und Einsamkeit bei einem kostenlosen Kochtreff vergessen. So schöpfen sie Hoffnung für das Leben.

Wenn der Partner stirbt, stehen Hinterbliebene der eigenen Trauer oft machtlos gegenüber. In Duisburg soll ein Kochtreff dabei helfen, den Verlust zu verarbeiten. Jeder in der Gruppe vermisst einen geliebten Menschen oder fühlt sich einsam. Bei dem kostenlosen Koch-Event vergessen sie eine Zeit lang den Kummer und Treffen auf Verständnis. Es ist wie Seelenfutter und das richtige Rezept gegen die Trauer.

An einem der Kopftöpfe steht Gisela Kiefer. Die Duisburgerin zaubert an diesem Abend für die anderen Teilnehmer eine Kürbissuppe mit einem Hauch Sellerie. „Kochen und ich – das passt eigentlich nicht“, sagt die 67-Jährige. Was sie zu dem kostenlosen Treff „Kochen gegen Trauer und Einsamkeit“ führt, ist die Gemeinschaft. „Ich rede gerne, auch über meinen verstorbenen Mann.“ Vor 19 Monaten hat sie ihn verloren. Da war sie gerade zwei Monate verrentet und die schöne gemeinsame Zeit sollte beginnen.

Die leere in der Wohnung überwinden

„Abends alleine Zuhause sein, ist schlimm“, gesteht sie. Eine Situation, an die sie sich noch gewöhnen muss. Schließlich war sie schon mit 17 verheiratet – in dieser Woche hätten sie Goldhochzeit gefeiert. „Ich gehe früh ins Bett. Hauptsache ich muss nicht alleine im Wohnzimmer sitzen“, sagt sie über die Leere in der Wohnung.

„Mal ein Bütterchen“ gibt es nun, statt einem schönen gemeinsamen Mahl. Denn dafür fehlt ihr das Gegenüber. In einem Tagebuch schreibt sie alles auf, was sie ihrem Mann erzählen möchte. „Wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, sag ich immer gut“, so die Witwe. Niemand solle sich Sorgen machen.

Trauer hat in der Gesellschaft keinen Platz

„In der Gesellschaft stört Trauer oft“, sagt Chefköchin und Therapeutin Christiane Honig. Beim regelmäßigen Koch-Event darf aber über den Verlust gesprochen werden. „Am Essenstisch merken Betroffene, dass das Gegenüber massiv fehlt“, erklärt die Therapeutin. Sie selbst schwingt an diesem Abend den Kochlöffel – Gulasch köchelt im Topf.

Silke Pfingsten und Iris Michalski sind für den Nachtisch zuständig. Gemeinsam werden Äpfel geschält, aus dem Backofen soll später eine Apfeltarte kommen. Zwischendrin bleibt Zeit zum Quatschen. Es sind Momente des Austauschs, die Silke Pfingsten seit dem Tod ihres Mannes vermisst. Das ist vier Jahre her. Seitdem quält sie vor allem am Abend die Einsamkeit. „Die Flimmerkiste läuft – damit ich was höre.“ Auf der Couch liegt sonst nur die Katze. „Die gibt aber keine Widerworte.“

Essen soll nur noch satt machen

„Mein Mann war ein guter Esser“, schwelgt sie in Erinnerungen. Was er heiß und innig geliebt hat: „Kalte Ravioli aus der Dose“, sagt sie lachend. Sie schüttelt es bei dem Gedanken noch heute. Gemeinsame Mahlzeiten am Tisch gehörten für sie zu einem willkommenen Alltagsritual. Jetzt bleibt der Stuhl gegenüber leer. „Ich habe die Lust zu kochen verloren“, sagt sie offen. Essen soll satt machen.

Beim Kochen gegen Einsamkeit und Trauer ist das anders – „Hier sind Gleichgesinnte. Menschen, die die Trauer verstehen.“ Der Austausch aber hilft, dem Leben nach dem Verlust wieder Orientierung zu geben. „Ich habe hier eine sehr gute Freundin gefunden.“ Der Verlust des Ehemanns schmiedet sie zusammen.

Kochtreff: Männer sind willkommen

Das Problem Einsamkeit betrifft aber auch Menschen nach einer Scheidung. Sie sind ebenso beim Koch-Event willkommen wie Männer. Doch gerade die lassen sich nur selten blicken. Sie haben andere Strategien der Trauerverarbeitung, glaubt Therapeutin Christiane Honig. Über den Verlust reden, gehöre nicht dazu.

Das hat in ihrem Freundeskreis auch Iris Michalski erlebt. Vor vier Monaten hat sie ihren Ehemann verloren. Ihre Freunde sprechen selten mit ihr über den Verlust. „Sie haben Angst, Wunden aufzureißen.“ Trauer wird so zu einem Tabuthema. Doch das muss es nicht. „Ich finde es schlimmer, wenn nicht gesprochen wird“, sagt Michalski. Seit dem Tod ihres Mannes ist die Duisburgerin viel unter Menschen. Halt geben ihr auch die zwei Söhne. „Das Leben geht weiter und es soll auch schön weitergehen“, sagt die 53-jährige. Die gemeinsame Zeit an der Herdplatte und anschließend an der schön gedeckten Tafel gehört dazu.

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