Heimatgeschichte

1000 Stunden Rheinhauser Arbeitskampf sind jetzt digital

Bei der offiziellen Übergabe von 1000 Stunden digital bearbeitetem Arbeitskampf (v.l.): Die Studenten Alex Bartsch und Jan Luca Ott, Amateurfilmer Erich Speh, Theo Stegmann vom Krupp-Archiv in der Bezirksbibliothek und Britta Peters (Urbane Künste Ruhr).

Bei der offiziellen Übergabe von 1000 Stunden digital bearbeitetem Arbeitskampf (v.l.): Die Studenten Alex Bartsch und Jan Luca Ott, Amateurfilmer Erich Speh, Theo Stegmann vom Krupp-Archiv in der Bezirksbibliothek und Britta Peters (Urbane Künste Ruhr).

Foto: Heiko Kempken

Duisburg-Rheinhausen.   Studenten der Kunsthochschule Leipzig haben in zehn Monaten mehr als 1000 Stunden Filmmaterial vom Rheinhauser Arbeitskampf gerettet.

Mehr als 1000 Stunden digitalisiertes Videomaterial über den Arbeitskampf von 1987 haben jetzt Studenten der HGB Kunsthochschule Leipzig an das Krupp-Archiv in der Bezirksbibliothek übergeben. Ein Prozess, der die beiden Leipziger Studenten Alexander Bartsch und Jan-Luca Ott zehn Monate beschäftigte.

„Wir mussten das Material, das sich auf den antiquierten Formaten VHS, Mini-DV oder Video 8 befindet, in stundenlanger Feinarbeit in Echtzeit digitalisieren. Ein Vorspulen war demnach unmöglich“, sagt Alexander Bartsch, der zur Zeit des Arbeitskampfes drei Jahre alt war.

„Faszinierende Bilder haben wir in guter Qualität von einem fast professionellem Amateurfilmer übergeben bekommen. Mich hat auch das gesellschaftliche Phänomen der Selbstermächtigung der Arbeiterschaft dabei fasziniert, ein Werk lahmzulegen, so was wäre heute nahezu undenkbar – trotz Kevin Kühnert“, meint der Filmstudent.

Auf einer Festplatte mit gut fünf Terrabyte befindet sich jetzt das Material, das ab dem Sommer der Öffentlichkeit in der Bibliothek für Recherchezwecke zur Verfügung gestellt werden soll. Noch wartet Arbeit auf die angehenden Filmprofis. „Wir sind noch längst nicht fertig, jetzt beginnt die Katalogisierung und Verschlagwortung der einzelnen Abschnitte des Arbeitskampfes“, ergänzt sein Kollege Jan-Luca Ott. Damit einzelne Sequenzen für den Benutzer besser auffindbar sind. „Bis wir damit online gehen können, ist es noch ein längerer Prozess, da einige Rechtsfragen zu klären sind“, weiß Ott.

Urheber des gesamten Materials ist der Amateurfilmer Erich Speh. Der heute 78-Jährige war damals Kranführer auf dem Krupp-Werk. Fast jede Minute des Aufbegehrens scheint er dokumentiert zu haben: Zu sehen sind die Anfänge, wie die Arbeiter den Arbeitskampf organisierten, von Besetzungen der Autobahnen bis zu der Sperrung der Brücke der Solidarität. Bilder, in denen Eier auf den Vorstandsvorsitzenden Cromme fliegen, sind dabei.

Fast alle Mahnwachen sind dokumentiert, der legendäre Fackelmarsch durch Rheinhausen wird erneut lebendig, aber auch die Demontage des Werkes bis zur Sprengung der Hochöfen ist darin enthalten. „Ich hatte bis zum Ende eine Genehmigung, das Werksgelände für Filmaufnahmen zu betreten“, sagt Erich Speh, der damals auch für den „Offenen Kanal“ tätig war.

„Wollen junge Leute ansprechen“

Das war ein von der Arbeiterschaft organisierter freier Amateur-Sender zur Berichterstattung über die Ereignisse in Rheinhausen. Der Leiter des Krupp-Archiv, Theo Steegmann, freut sich über die digitalisierte Dokumentation: „Wir hoffen, somit gerade junge Leute anzusprechen, damit sie die gesellschaftlichen Verhältnisse von damals verstehen lernen. Und Videos erreichen die Jungen heute eher als in Buchform gefasstes.“ Projekte mit der Lise-Meitner-Gesamtschule sind in Planung, in der die Schüler die Geschichte der Gastarbeiter der ersten Generation in Duisburg für sich mittels des Archivs erarbeiten sollen.

Ausschlaggebend für das Projekt der Digitalisierung des gesamten Filmmaterials war die Ausstellung der Leipziger Künstlerin Peggy Buth „Vom Nutzen der Angst“ im Rahmen der „Urbanen Künste Ruhr“ vor einem Jahr in der ehemaligen Kirche St. Barbara.

Schon da flimmerten von Erich Speh gefilmte Ausschnitte über fünf große Video-Monitore – und verbreiteten künstlerisch Angst. Nicole Hendricks von der Bezirksbibliothek war damals elf, als der Arbeitskampf begann: „Wir haben bei der Schülerdemo auf dem Hochemmericher Marktplatz gestanden und hatten Angst um die Arbeitsplätze unserer Väter. Der Wiedererkennungswert des gesamten Materials für die Bevölkerung ist undenkbar hoch.“ Auch für folgende Generationen wird diese Digitalisierung wertvoll sein.

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