Gesellschaft

In Rheinhausen trainieren Senioren gegen Vorurteile

Renate Wendt (rechts) und ein Teil ihrer Gruppe. Jeden Freitag wird an der Arndtstraße im Sitzkreis trainiert. Hier gilt es, Tücher zu schwenken. Sieht einfach aus, ist aber auf Dauer anstrengend. Foto:

Renate Wendt (rechts) und ein Teil ihrer Gruppe. Jeden Freitag wird an der Arndtstraße im Sitzkreis trainiert. Hier gilt es, Tücher zu schwenken. Sieht einfach aus, ist aber auf Dauer anstrengend. Foto:

Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE Foto Services

Duisburg-Rheinhausen.  Renate Wendt leitet seit 20 Jahren den Kurs „Sitzgymnastik für Ältere“. Vor einiger Zeit stieß eine Gruppe geistig behinderter Senioren dazu.

Brigitte ist dran. Mit dem Ball sitzt sie da, muss kurz überlegen. Ein Wort mit „vor-“, also eins, das noch nicht war. Vorsitz, Vorfreude, Vorgarten wurden genannt, Vortrag auch - „vorbei“, ruft sie und wirft den Ball zurück. Renate Wendt fängt ihn. Sie sieht zufrieden aus. Sport plus Gedächtnistraining ergibt beste Voraussetzungen fürs Alter! Seit über 20 Jahre trainiert sie für die VHS mit Senioren. „Sitzgymnastik für Ältere“ heißt ihr Angebot, bei dem sich viele jedes Semester wiedertreffen. Und so zögerte die erfahrene Dozentin auch nicht lang, als das Heinrich-Tellen-Haus anfragte, ob nicht ältere Bewohner der Einrichtung mitmachen könnten. Der Beginn einer wunderbaren Zufallsfreundschaft, bei der es absolut keine Rolle mehr spielt, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht.

Eigentlich kein Ding, dachte Renate Wendt spontan, als sich die Asterlager Einrichtung an sie wandte. Für die Bewohner, die geistig oder mehrfach behindert sind, ist es essenziell wichtig, dass sie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, betont Ute Spicka, Mitarbeiterin des Tellen-Hauses, die die Senioren begleitet. Mittlerweile freuen sie sich die ganze Woche auf die Sportstunde und sind sehr traurig, wenn sie einmal ausfällt.

„Alles lief wie immer“

Vor vier Jahre begann das gemeinsame Training. Wendt erinnert sich: Damals sagte sie zu, das Ganze erstmal zu probieren. Dabei sei es nie eine Frage gewesen, ob die Rentner des Tellen-Hauses mit den nicht behinderten Senioren klar kämen, sondern umgekehrt. Vorbehalte, erlebt auch Spicka, bestehen immer nur auf der einen Seite. „Letzten Endes musste ich mich gar nicht anders aufstellen“, berichtet Wendt. „Alles lief von Anfang an wie immer.“

Der Raum füllt sich, vor der ersten Einheit wird Kaffee getrunken. Und geplaudert. Schließlich hat man sich eine Woche nicht gesehen! „Wie geht’s?“, „Warst du beim Friseur?“ fliegen Sätze hin und her, alle sind über 70 und per du - Sportsfreund Jochen, an diesem Tag der Hahn im Korb, parliert charmant nach allen Seiten. Dann fliegt die Tür auf, „und es kommt nochmal ordentlich Schwung in die Bude“ wie es Teilnehmerin Gisela angekündigt hat.

Elastische Bänder aus Strumpfhosen

Ute Spickas Truppe ist da. Hände werden geschüttelt, so viele glückliche Gesichter vor dem Training sieht man selten. Brigitte aus dem Tellen-Haus hat Geburtstag. „72!“, teilt sie allen mit, hat dann aber keine Lust mehr zu reden. Schließlich will sie etwas tun! Auch die lebhafte Jule ist kurz angebunden und bereits Richtung Stuhlkreis unterwegs. Und so übernimmt Hannelore, 90 Jahre.

Der Kreislauf kommt in Schwung und das Gehirn ebenfalls

Sie ist seit 19 Jahren bei Renate Wendt, „weil ich durch das Training fit bleibe!“ Der Kreislauf kommt in Schwung, die Muskeln haben was zu tun. Und auch die Seele profitiert. „Mit der anderen Gruppe ist es absolut schön! Die sind so aktiv und lustig. Und bringen nochmal einen anderen Ton hinein“, ergänzt Hildegard, die neben Hannelore sitzt.

Der Kreis wird gebildet, Walzermusik erklingt, der olle Strauß. Bunte Tücher werden im Dreivierteltakt geschwenkt, gehoben, gesenkt, gekreist - „jetzt schütteln wie Frau Holle! Arme ausgestreckt!“, ruft Wendt. Wangen röten sich, der gesamte Körper arbeitet mit. Das ist gut zum Aufwärmen und auch machbar, wenn man nicht richtig laufen kann. Später wird auch im Stehen trainiert, wobei die Gruppe aus dem Tellen-Haus das lieber macht, weil sie so viel Energie hat, wie Wendt erklärt. Das Gedächtnisspiel mit dem Ball beendet die Stunde. Wendt zeigt zum Expander umfunktionierte Strumpfhosen, die ebenfalls zum Einsatz kommen. „Die kann man benutzen wie ein elastisches Trainingsband. Aber sie flitzen nicht weg.“

Vor 20 Jahren war sie mit Sitzgymnastik Pionierin

Ende der 90er war sie mit ihrer Sitzgymnastik Pionierin. Heute gibt es viele Angebote. Die Gesellschaft wird älter, der Fitnesssektor passt sich an. Trotzdem bleiben alle bei ihr, „weil sie auf jeden eingeht“, wie Jochen sagt. Kürzlich waren er und die anderen im Tellen-Haus zum Kaffeetrinken eingeladen. „Die haben das so schön gemacht“, schwärmt Hildegard. „Und unsere Bewohner konnten etwas zurückgeben“, ergänzt Spicka. „Teilhabe als Selbstverständlichkeit“, sagt sie. Klingt sperrig, ist aber gar nicht so schwer.

>>>> Immer wieder freitags wird trainiert <<<<

„Sitzgymnastik für ältere Menschen“ heißt der Kurs, den Renate Wendt für die Volkshochschule in Rheinhausen gibt. Er findet jeden Freitag von 10.30 bis 11.15 Uhr im VHS-Gebäude an der Arndtstraße 7 statt. Der aktuelle Kurs dauert noch bis 20. Dezember

Ziel ist es, Körper und Geist aktiv zu halten und die Fertigkeiten der Alltagsmotorik zu fördern. Der Kurs soll auch weiterhin stattfinden und ist immer schnell ausgebucht. Alle Informationen stehen im Internet: vhs-duisburg.de, 0203 283 - 2616.

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