Geschichte

Die Nazis waren in Emmerich ursprünglich eine kleine Gruppe

Wolfgang Urbach, Herbert Kleipaß Hans W. Friedrichs stellten den neuen Aufsatz: „Der Bote - Nationalsozialismus und Gleichschaltung in Emmerich vor.“

Wolfgang Urbach, Herbert Kleipaß Hans W. Friedrichs stellten den neuen Aufsatz: „Der Bote - Nationalsozialismus und Gleichschaltung in Emmerich vor.“

Foto: Christian Creon / FUNKE Foto Services

Emmerich.  Anfang 1933 gab es nur 120 Nazis in Emmerich. Trotzdem wurde die NSDAP im November mit 93,4 Prozent gewählt. Wolfgang Urbach analysierte warum.

Wie war es möglich, dass innerhalb eines halben Jahres die Zustimmung für die NSDAP in Emmerich so stark zunehmen konnte? Bei der Reichstagswahl im März 1933 verfügten die Nationalsozialisten in der Rheinstadt gerade einmal über 120 Mitglieder, die 27,2 Prozent der Stimmen erhielten. Nur ein halbes Jahr später, am 12. November 1933, machten 85 Prozent der Emmericher in Kreuzchen bei den Nazis. Und sogar 93,4 Prozent bekannten sich bei der parallel verlaufenen Volksabstimmung „feierlich zur Politik der Reichsregierung“.

Ein Umschwung in kürzester Zeit

Wolfgang Urbach hat sich mit dieser Phänomen jetzt intensiv beschäftigt. Der Studiendirektor und ehemalige stellvertretende Schulleiter des Willibrord-Gymnasiums analysierte die Lokalausgabe der Tageszeitung „Bote vom Niederrhein“ für das Jahr 1933. Damals gab es zwei Tageszeitungen am Ort: das Bürgerblatt, welches der Zentrumspartei nahestand, und den Boten, der klar deutsch-nationalistisch geprägt gewesen sei. „Es ist nach wie vor interessant zu sehen, wie ein Regime es schafft, Leute innerhalb kürzester Zeit auf ihre Seite zu bringen.“

Die Quellenlage ist dürftig

Urbach betont, dass die Ereignisse des Jahres 1933 noch nicht ausführlich aufgearbeitet seien. Die Quellenlage sei dürftig und auch die Zahl der Veröffentlichungen bislang bescheiden. Die örtlichen Tageszeitungen spielten in der Meinungsbildung der damaligen Zeit die entscheidende Rolle. 70 Prozent der Haushalte besaßen ein Abonnement. Der Bote verfügte über einen überregionalen Teil und einen kleinen Lokalteil, der täglich eine halbe bis eine Seite umfasste.

Berichtete der Bote 1930 noch kritisch über die erste NSDAP-Veranstaltung (es gab zu diesem Zeitpunkt nur 11 Mitglieder), ändert sich der Ton mit den März-Wahlen 1933 frappierend, sagt Urbach. Am 1. April gab es einen Judenboykott, über den die Zeitung berichtete und am 3. April titelte das Blatt über die „Amtsübernahme des neuen kom. Bürgermeisters“. Über Nacht war Bürgermeister Dr. Alff beurlaubt worden. Neuer Bürgermeister wurde Parteigenosse Peter Schuster. Obwohl die NSDAP nicht die stärkste Kraft im Stadtrat war, stellte sie plötzlich den Bürgermeister.

Ausführliche Berichte über Nazi-Aktionen

In den folgenden Wochen berichtete der Bote bereitwillig über mehrere Nazi-Aktionen: „Es gab innerhalb eines Monats zehn Ereignisse in der Presse“, schildert Urbach. Wurde einst das Deutschlandlied abgedruckt, ist es jetzt das Horst Wessel-Lied.

Der Bote habe sich zwar nicht zu einem Propaganda-Organ der Nazis entwickelt, aber doch zu einem bereitwilligen Verlautbarungsblatt. Hauptschriftleiter Walter Kirschner berichtete ausführlich über das politische Geschehen, meist mit Vor- und Nachberichten. Der Bote habe nach März 1933 eindeutig Hitler und seine Ziele unterstützt. 1936 wurde der Bote eingestellt und von der National-Zeitung abgelöst.

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