Jüdisches Leben

Michael Rubinstein stellt bohrende Fragen in Emmerich

Michael Rubinstein hielt einen Vortrag über Jüdisch sein im heutigen Deutschland im Pan in Emmerich. Michael Rubinstein ist Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Nach seinen Vortrag fand eine Diskussionsrunde mit den Anwesenden statt.

Michael Rubinstein hielt einen Vortrag über Jüdisch sein im heutigen Deutschland im Pan in Emmerich. Michael Rubinstein ist Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Nach seinen Vortrag fand eine Diskussionsrunde mit den Anwesenden statt.

Foto: Thorsten Lindekamp / Funke Foto Services GmbH

Emmerich.  Michael Rubinstein beeindruckte die Zuhörer im Pan in Emmerich mit seinem Vortrag über Jüdisch sein im heutigen Deutschland.

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Viele der 80 Besucher werden lange an diesen Abend im Pan mit dem Vortrag von Michael Rubinstein zurückdenken. Schon die einleitenden Worte von Bürgermeister Peter Hinze setzten ein starkes Zeichen: „Ich schäme mich, dass Juden wieder Angst haben müssen in Deutschland“.

Irene Möllenbeck, Vorsitzende von Pro Kultur und Organisatorin der Veranstaltung, ergänzte: „Die Angst ist nicht neu, sie war immer da“. Beide waren sich einig, nur durch gegenseitiges Verständnis und vor allem durch Wissen voneinander, führen aus der ideologischen Verblendung des Antisemitismus und der Judenfeindlichkeit heraus.

Ohne „Mit und Aber“

Damit war der Weg frei für den Referenten des Abends, Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, der diesen Ball freudig aufnahm und gleich zu Beginn seines Vortrages mit dem sperrigen Thema: „Ohne Mit und Aber – Jüdisch sein im heutigen Deutschland“ klarstellte: „Ich bin Deutscher jüdischen Glaubens und kein Mitbürger, sondern Vollbürger. Wir Juden sind Menschen und Bürger dieses Landes ohne ‘mit und aber’ und möchten auf Augenhöhe als integrierter Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden“.

27.000 Juden leben in NRW

Und dann legte er los, spannte einen weiten Bogen durch alle Bereiche des jüdischen Lebens. Zurzeit leben in Deutschland circa 200.000 Juden leben und die meisten mit 27.000 in NRW. Rund 50 Prozent sind in Gemeinden organisiert. Die größte Gemeinde in NRW mit 7000 Mitgliedern sitzt in Düsseldorf.

Im Judentum gebe es verschiedene Glaubensrichtungen: den orthodoxen, liberalen oder konservativen Juden und die Reformjuden. Mit einem Augenzwinkern und einem kleinen Seitenhieb auf das Christentum nannte er dann noch den Drei-Tage-Juden, der dreimal im Jahr an hohen Festlichkeiten in die Synagoge geht. Irgendwo zwischen den orthodoxen und den Drei-Tage-Juden findet sich jeder Jude wieder. Wussten sie, so die Frage des Referenten, dass ein orthodoxer Jude über 600 jüdische Gesetze und Regeln einhalten muss?

Zuwanderung war große Herausforderung

Eine große Herausforderung aber auch eine große Bereicherung sei die Zuwanderung osteuropäischer Juden vor allem aus Russland Ende der 80-er Jahre gewesen. Mangelnde Sprachkenntnisse und fremde Sozialisation galt es zu überwinden, doch gemeinschaftlich sei das gelungen.

Im Judentum steht Bildung an oberster Stelle. Mit Stolz sprach der Referent von dem hohen Bildungsstand der jüdischen Bevölkerung. Grundlage sind die vielen jüdischen Kindergärten und Schulen. Es gibt jüdische Beratungsstellen für Integration und eine Antidiskriminierungsstelle und das besondere, die Beratung kann jeder in Anspruch nehmen, egal ob Jude, Christ oder Muslime.

Appell an Zivilcourage

Abschließend stellte Michael Rubinstein bohrende Fragen: Wie kann es sein, dass 1500 jüdische Kinder und Jugendliche, die ein großes Musikfest in Deutschland feiern, von der Polizei und aufwendiger Überwachungstechnik geschützt werden müssen? Man stelle sich vor, der Attentäter von Halle hätte am 9. November das gesicherte Portal zur Synagoge überwunden und ein Blutbad unter den 50 Juden angerichtet, wie stände Deutschland dann in der Welt dar? Sein Appell: Zivilcourage zeigen, wenn einem Antisemitismus begegnet. Dazu brauche man keinen Helden, denn Antisemitismus beginnt im Kleinen. Es beginnt mit dem Stirnrunzeln wenn ein „jüdischer Name“ genannt wird und endet in der ewigen Mär von der Weltverschwörung der Juden.

Norbert Kohnen leitet Diskussionsrunde

„Früher wurden wir anonym beschimpft, heute nennt man seinen Namen, das macht uns Angst. Zurzeit ist Auswanderung kein Thema und das soll so bleiben. Dazu brauchen wir die Hilfe eines jeden von ihnen“, so Rubinstein.

In der abschließenden Diskussion unter Leitung des ehemaligen Redaktionsleiters der NRZ Emmerich, Norbert Kohnen, ging es um den israelisch-palästinensischen Konflikt, um Kennzeichnung von Waren aus besetzten Gebieten bis hin zur Zwei-Staatenlösung. Mit großem Applaus bedankte sich das Publikum bei Michael Rubinstein für seinen sehr informativen Vortrag.

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