Kurs für Flüchtlinge

Auf neuen Wegen in Gevelsberg zu der neuen Sprache

Daumen hoch! Wie die Flüchtlinge bei dem VHS-Kurs in Gevelsberg die Lehrmethoden von Michaela Kuhlmann (rechts) fanden, ist keine Frage.

Daumen hoch! Wie die Flüchtlinge bei dem VHS-Kurs in Gevelsberg die Lehrmethoden von Michaela Kuhlmann (rechts) fanden, ist keine Frage.

Foto: Klaus Bröking

Gevelsberg.   Die Gevelsberger Pädagogin Michaela Kuhlmann gibt ihre Erfahrungen mit ihrem außergewöhnlichen VHS-Flüchtlings-Kurs in einem Buch weiter.

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„Es hat fast meine ganze Kraft gekostet, es hat mir aber eine Menge Spaß gemacht und eine Menge gegeben“, sagt Michaela Kuhlmann. Die Gevelsbergerin meint damit einen Kurs der Volkshochschule (VHS) Ennepe-Ruhr Süd, bei dem sie Flüchtlingen die deutsche Sprache beigebracht hat. Begonnen hat es mit 19 Teilnehmern bei der VHS, geendet hat er mit über 30 Leuten im benachbarten Gemeindezentrum. Durchgeführt hat es die Pädagogin mit dem außergewöhnlichen Intra-Act-Plus-Konzept. Über ihre Erfahrungen hat die Gevelsbergerin ein Buch geschrieben.

Vom Buchstaben zur Silbe, zum Wort

Die Methode, die die Gevelsbergerin angewandt hat, soll es den Menschen leichter machen eine für sie fremde Sprache zu lernen. Aber die Menschen, die in ihren Kurs gekommen waren, mussten noch mehr als nur eine Sprache lernen. Es waren Analphabeten darunter und Männer und Frauen, die gewohnt waren, Bücher von hinten nach vorne und Seiten von rechts nach links zu lesen. Die Gevelsbergerin entschloss sich, eine Methodik aus der psychologischen Grundlagenforschung anzuwenden, die das Lernen leichter machen soll.

Keine Vokabeln pauken

Normalerweise lernt man Sprachen, indem Vokabeln gepaukt werden. Dass heißt: Da liegt ein Apfel und der Begriff für ihn wird übersetzt. Ein deutscher Apfel wird zum englischen „Apple“. Viel zu kompliziert, der lernende wird dabei überfordert, meinen die Mütter und Väter der neuen Methode. Sie lassen alles weg, was zuerst einmal überflüssig ist. Bestimmten Buchstaben werden erst einmal Laute zugeordnet. „Das wird so lange und geduldig wiederholt, bis die Aussprache sozusagen richtig sitzt. Es wird eine Automatisierung angestrebt, die Fehler verhindert“, erklärt die Gevelsberger Pädagogin.

Wenn die Buchstaben gelernt sind, werden mit ihnen Silben gebildet und schließlich kommen die ersten Wörter an die Reihe. Ob die Teilnehmer wissen, was sie sagen, ist erst einmal völlig nebensächlich: „Sie können die Begriffe zum Beispiel bei einer Suchmaschine im Internet eingeben und sehen sofort, was gemeint ist“, erklärt Kuhlmann. Inzwischen gebe es auch eine App fürs Smartphone, die die Suche erleichtern würden. Auf jeden Fall soll Überforderung vermieden werden.

Gruppe wird immer größer

Die Arbeit nach der Methode scheint den Schülerinnen und Schülern auch Spaß zu machen. Der Kurs von Michaela Kuhlmann bei der Volkshochschule (VHS) Ennepe-Ruhr-Süd wurde immer größer. Die 19 Teilnehmer, die im Herbst 2015 an den Start gegangen waren, brachten Verwandte und Bekannte mit. Zum Schluss saßen fast zweimal so viele Teilnehmer um die Kursleiterin herum. Der Kurs war längst für die VHS abgeschlossen, ging aber in den Räumlichkeiten der benachbarten Freien evangelischen Gemeinde weiter. „Nach sechs Wochen waren die Teilnehmer so weit, dass sie einfache Texte funktional lesen konnte“, berichtet Michaela Kuhlmann. Das heißt: Die Menschen, die aus fernen Ländern nach Gevelsberg gekommen sind, waren in der Lage, Bücher aus der Grundschule zu lesen, aber sie nicht auch unbedingt zu verstehen.

Unterstützung durch den Verlag

Unterstützt wurde Michaela Kuhlmann bei ihrer Arbeit in Gevelsberg vom Springer-Verlag, der Unterrichtsmaterialien auch kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Springer schlug ihr dann vor, ihre Erfahrungen mit dem Kurs nach dem Intra-Act-Plus-Konzept in einem Essay zu Papier zu bringen. Die Methode wurde eigentlich für die Arbeit mit Kindern konzipiert. Die Gevelsbergerin gibt nun Tipps, das Konzept auf Migranten zu übertragen. „Ich habe ein halbes Jahr daran gearbeitet“, sagt die Pädagogin.

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