Leo Theater

Aus allen Ecken fliegt verbaler Schlamm

Adolphe mit „ph“ oder mit „f“? Die Diskussion um erlaubte und unerlaubte Vornamen führt zu verbalen Schlammschlachten, in denen sich zwischenmenschliche Abgründe auftun. Für die Darsteller eine schauspielerische Herausforderung, fürs Publikum ein wahrer Genuss mit viel Tiefgang.

Adolphe mit „ph“ oder mit „f“? Die Diskussion um erlaubte und unerlaubte Vornamen führt zu verbalen Schlammschlachten, in denen sich zwischenmenschliche Abgründe auftun. Für die Darsteller eine schauspielerische Herausforderung, fürs Publikum ein wahrer Genuss mit viel Tiefgang.

Foto: hb

Schwelm.   Die Premiere wird wegen eines gesundheitlichen Zwischenfalls zwar kurz vor Ende abgebrochen, ist bis dahin aber ein wahrer Genuss mit Tiefgang.

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Auch unvollendete Premieren können vollauf überzeugen. Das erlebten die Gäste im Leo Theater, wo mit dem Stück „Der Vorname“ vom Autoren-Duo Alexandre de La Patelliérre und Mattieu Delaporte die dritte französische Komödie („Das perfekte Desaster Dinner“, „Trennung für Feiglinge“) unter Leitung von Marc Neumeister aufgeführt wurde.

Hinter dem simplen Titel „Der Vorname“ verbirgt sich eine brillante kritische Gesellschaftskomödie, die nicht nur etwas für die Lachmuskeln ist, sondern auch Tiefsinniges fürs Hirn liefert. Wer hier das klassische Verwechslungsspiel einer Tür-auf-Tür-zu-Komödie erwartet, ist definitiv falsch.

Szenen mit Wiedererkennungswert

Viele Premierengäste fühlten sich ertappt bzw. ihnen kamen die Szenen zwischen den fünf Schauspielern irgendwie bekannt vor. Charmant wurde den Zuschauern vor Augen gehalten, wie sich Ehen entwickeln und welche verletzende Kraft Worte haben können. Diese Komödie brennt im Kopf nach.

Das Ensemble hatte im Vorfeld die strenge Anweisung, sich nicht die Verfilmung (2012) anzusehen. Es sollte im Leo eine eigene typische Inszenierung entstehen. Aus dramaturgischen Gründen wird das Stück in 90 Minuten ohne Pause gespielt, aber bekanntlich kommt vieles anders als man denkt.

Eingeleitet und kommentiert wurde die Geschichte durch einen Erzähler, während auf der Bühne bereits intensiv nach einem Kellerschlüssel gesucht wird. („Was bekomme ich denn, wenn ich ihn finde?“ „Meinen ewigen Dank“ „Das ist mehr als sonst.“)

Ist er ‘s oder ist er ‘s nicht? Ja, es ist Marc Neumeister, der dann auch gleich als Vincent Larchet auf der Bühne stand und alles zum Rollen brachte.

Zum Inhalt: Es soll ein gemütliches Abendessen unter Freunden werden. Eingeladen haben das Ehepaar Elisabeth Garaud-Larchet (Stefanie Bornhöft) und der Literaturprofessor Pierre Garaud (Luc Packlidad). Gekommen sind Elisabeths Bruder Vincent und seine schwangere Frau Anna (Anika Leveringhaus) sowie Claude Gatignol (Tim Müller), ein Posaunist und Freund seit Kindertagen.

Vincent provoziert mit dem Namen seines ungeborenen Sohnes: „Adolphe“ - bewusst mit „ph“ und nicht mit „f“, nach der Romanfigur des großen französischen Schriftstellers Benjamin Constant. Seine Freunde hingegen denken nur an den österreichischen Adolf (Hitler), und schnell ist eine politische Diskussion entfacht.

Gibt es erlaubte und unerlaubte Vornamen? Im Laufe des Abends tun sich zwischenmenschliche Abgründe auf, jeder hat ein Geheimnis oder versucht einen anderen – absichtlich oder unabsichtlich – zu verletzen. Die beiden Alphatiere Pierre und Vincent liefern sich einen Hahnenkampf – Geizhals gegen Egoist. Aus allen Ecken fliegt verbaler Schlamm, der treffend vom gesamten Ensemble abgefeuert und verteilt wird. Eine Komödie, die viele Überraschungen bereit hält und Platz für eigene Gedanken lässt. Mehr sei hier nicht verraten.

Ohne störende Ecken und Kanten

„Queen“ Tim Müller und Stefanie Bornhölt überzeugten in ihren Monologen, und Multitalent Marc Neumeister hat erneut fantastische Arbeit abgeliefert. Die Handlung läuft, die Schauspieler performen – ohne störende Ecken und Kanten. Es muss einfach so sein.

„Marc ist wie ein Anker. Er macht etwas vor und du musst es einfach nur nachmachen. Dann klappt das“, wird später Luc Packlidad sagen. „Er ist echt cool und erinnert mich daran, cooler zu sein.“ Anika Leveringhaus ergänzt: „Die Dialoge laufen so, als ob man sich einfach nur unterhält. Es ist schnell vergessen, dass man auf der Bühne steht.“ Für beide war dies die erste größere Rolle und sie schätzen die Ruhe, die Neumeister mit ihnen auf der Bühne stehend vermittle. Die Premierengäste waren von der Leistung des Ensembles begeistert und spendierten fleißig Applaus.

Doch zwei Minuten vor Premiereschluss schlug dann das wahre Leben zu. Nicht auf, sondern vor der Bühne. Ein Gast hatte einen Schwächeanfall erlitten. Zum Wohle des Patienten wurde das Stück kurzerhand abgebrochen und der Theatersaal geräumt.

Die Besucher versammelten sich gefasst wartend im Foyer. Dank guter Erstversorgung und des schnell eintreffenden Rettungsdienstes konnte Theaterleiter Andreas Winkelsträter zum Glück nach kurzer Zeit schon verkünden: „Es geht dem Herrn bereits besser. Sicherheitshalber ist er zur Beobachtung ins Krankenhaus gekommen.“

Nach dieser guten Nachricht, klärte Marc Neumeister die erleichterten verständnisvollen Zuschauer auf, wie es denn nun die letzten beiden Minuten weitergegangen wäre. Er führte die Besucher zurück in die angenehme Stimmung des bisherigen Abends und scherzte: „Ihnen ist mein Monolog erspart geblieben.“

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