Pandemie

Corona-Tagebuch: „Ich habe Sorge, dass die Kita schließt“

„Kerzen oder Klatschereien abends am Fenster helfen mir nicht, meine monatlichen Kosten zu bezahlen“:  Nadine Rüggeberg

„Kerzen oder Klatschereien abends am Fenster helfen mir nicht, meine monatlichen Kosten zu bezahlen“: Nadine Rüggeberg

Foto: Privat

In unserer neuen Reihe „Corona-Tagebuch“ erzählen Menschen über ihre Gefühle, ihren Alltag und ihre Sorgen. Heute: Nadine Rüggeberg aus Schwelm.

„Am Anfang der Pandemie hätte ich nie gedacht, dass es so lange dauert. Ich habe angefangen, nach der Elternzeit im Krankenhaus zu arbeiten. Dort musste ich dauerhaft einen Mundschutz tragen. Die Patienten verstehen mich schlechter und können mein Lächeln nur an meinen Augen erahnen. Das Atmen fällt mir schwerer. Anfangs waren Desinfektionsmittel und Masken Mangelware, es wurde immer wieder in den Zimmern oder auf dem Flur von Menschen geklaut. Dann kam das Besuchsverbot und es wurde stiller. Menschen überlegen zweimal, ob sie mit zum Beispiel dem kleinen Schnitt im Finger wirklich ins Krankenhaus müssen, oder doch ein Pflaster zuhause haben (so sollte es immer sein, auch NACH Corona).


Gerade ältere Patienten fühlen sich verlassen und ich versuche mit jedem wenigstens kurz zu sprechen, obwohl ich weiß, dass ich keine Zeit habe, weil schon wieder eine Kollegin krank ist und es keinen Ersatz gibt. Aber die Kollegen, die täglich vor Ort sind, halten zusammen und versuchen, mit dem Wahnsinn klar zu kommen.


Ich habe das Gefühl, Freunde meiden mich, seit ich im Krankenhaus arbeite. Schließlich helfe ich auch auf der Covid-Station aus. Obwohl ich mich dort durch die Schutzkleidung am besten geschützt fühle, scheint es, als würde die Unwissenheit der Menschen diese Panik auslösen.


Die Kerzen oder Klatschereien abends am Fenster helfen mir nicht, meine monatlichen Kosten zu bezahlen und auch der Corona-Bonus bleibt aus, obwohl ich immer wieder einspringen muss.


Während einer Mandelentzündung wollte mein Hausarzt mich nicht behandeln. Ich musste mich erst abstreichen lassen. Mit tagelangen Halsschmerzen und Schluckproblemen wartete ich nach der Meldung beim Gesundheitsamt darauf, endlich am Kreishaus einen Abstrich zu bekommen und dann auf das Ergebnis. Natürlich negativ.


An freien Tagen versuche ich, das Wetter mit meinem Kleinkind zu genießen und spaziere mit ihm durch den Wald. Der Spielplatz war schließlich lange abgesperrt. Soziale Kontakte konnte man während des ersten Lockdowns nur wenig pflegen. Einkaufen war auch immer ein Kampf, mein Kind verträgt nicht jedes Essen aufgrund vieler Allergien, aber scheinbar waren die Hamsterkäufer schneller und haben genau das weggekauft, weil nichts anderes mehr da war. Also auf zum nächsten Laden.


Während des zweiten Lockdowns light ist mein Kind in der Kita. Täglich habe ich Sorge, dass die Kita schließt und mir dann die Betreuung fehlt. Feiern gehen kann ich auch nicht zum Stressabbau, ich muss mir etwas anderes dafür suchen.


Alles in allem sehe ich, wie stark meine Kollegen doch während dieser Zeit sind und hoffe, dass endlich erkannt wird, wie wichtig Pflegekräfte sind!“


Nadine Rüggeberg , Schwelm

Corona-Tagebuch: Erzählen Sie uns Ihre Geschichte

Im Corona-Tagebuch wollen wir die Coronakrise und Lockdown-Folgen ganz nah aus der Sicht der Betroffenen beleuchten.

Täglich sollen unterschiedlich­ste Menschen aus unserer Region ihre Sorgen und Nöte während der Pandemie schildern. Sie sollen erzählen, was ihnen Freude macht, was sie erleben, welche Gedanken sie bewegen.

Wie freuen uns über jeden Beitrag, der unsere Redaktion erreicht – am besten per E-Mail an die Adresse: schwelm@westfalenpost.de

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