Jahresempfang Stadt Gevelsberg

Dr. NorbertLlammert: „Demokratie muss gelebt werden“

Dr. Norbert Lammert fesselt die Zuhörer im voll besetzten Saal des Zentrums für Kirche und Kultur mit einer Festrede, in der er große Zusammenhänge erklärt und aktuelle politische Entwicklungen bewertet.

Foto: Hartmut Breyer

Dr. Norbert Lammert fesselt die Zuhörer im voll besetzten Saal des Zentrums für Kirche und Kultur mit einer Festrede, in der er große Zusammenhänge erklärt und aktuelle politische Entwicklungen bewertet. Foto: Hartmut Breyer

Ennepetal.   Mit einem fesselnden Vortrag zum Thema „Deutschland gemeinsam gestalten“ beeindruckt Dr. Norbert Lammert beim Jahresempfang der Stadt Gevelsberg.

„Demokratie ist nicht selbstverständlich.“ In seiner Festrede zum Thema „Deutschland gemeinsam gestalten“, die er gestern beim Jahresempfang der Stadt Gevelsberg hielt, machte Dr. Norbert Lammert, ehemaliger Präsident des Deutschen Bundestages, den Zuhörern deutlich, dass sich nicht bei Festreden oder durch Koalitionsverträge entscheide, wie sich die Gesellschaft in Deutschland weiter entwickle. Es gehe um die Bereitschaft der Menschen, sich auch unangenehmen Veränderungen zu stellen. Demokratie sei ein langer historischer Lernprozess und müsse gelebt werden.

Bürgermeister Claus Jacobi hatte Norbert Lammert in seiner Begrüßung „als einen der besten Redner in der deutschen Politik“ angekündigt. Und nach dem 45- minütigen Auftritt, dem die Gäste im randvoll besetzten Saal des Zentrums für Kirche und Kultur gebannt gelauscht hatten, wollte dem wohl niemand widersprechen. Der 69-Jährige spannte einen großen Bogen, nahm Stellung zur langwierigen Regierungsbildung nach der Bundestagswahl, verteidigte die Arbeit des Parlaments, zeichnete Entwicklungslinien des Grundgesetzes sowie des demokratischen Systems in der Bundesrepublik nach und betonte die Bedeutung enger europäischer Zusammenarbeit. Lammert verwies auf die Erfolgsgeschichte der EU, stellte aber auch fest, das immer mehr Menschen Europa als lästig, unnötig, gar unzumutbar empfinden würden. In 20 von 28 Parlamenten der EU-Länder säßen Populisten, in zehn Ländern seien sie an der Regierung beteiligt. Doch angesichts der globalen Herausforderungen seien die Bestrebungen nach einer „Renationalisierung nur ein theatralische Form der Selbstaufgabe“, so Lammert. „Wir können uns nur als Europäer behaupten.“ Deutschland als größtem, wirtschaftlich stärkstem und politisch stabilstem Land komme in diesem Zusammenhang die Hauptrolle zu.

Claus Jacobi hatte dem Vortrag des Gastes vorangestellt, warum man sich beim Jahresempfang in Gevelsberg mit einem Thema von nationalem Anspruch befasse. Angesichts des „verstörenden Gesamteindrucks“ besonders im letzten Quartal des vergangenen Jahres müsse man für unsere nationale Demokratie die Vertrauensfrage stellen. Jacobi hob hervor, dass das Miteinander in der kommunalpolitischen Realität weitaus unverkrampfter sei, man immer noch um Kompromisse ringe, selbst wenn die Mehrheiten schon klar seien. In Land und Bund sei es hingegen schwer, Mehrheiten über die Parteigrenzen hinweg zu erreichen. „Etwas weniger starres Lagerdenken wäre vielleicht hilfreich.“

Norbert Lammert, der zwölf Jahre lang Präsident des Deutschen Bundestags war, betonte, dass er viele Parlamente kennen gelernt habe. „Ich habe noch keines erlebt, wo die Bereitschaft zum Kompromiss so groß war wie im Deutschen Bundestag“, sagte er. Dennoch erteilte er der von einigen ins Gespräch gebrachten Minderheitsregierung eine Absage. Eine solche hätte nach kurzer Zeit mehr Unterhaltungswert als faktischen Nutzen. Allein in der vergangenen Legislaturperiode seien 550 Gesetze verabschiedet worden. Für jedes einzelne immer eine Mehrheit zu suchen, sei kein gangbarer Weg.

Etwas süffisant kommentierte Lammert, dass nach der Wahl zwei Drittel der Deutschen mit dem Ergebnis unzufrieden seien. „Die meisten tun so, als ob sie nichts mit dem Ergebnis zu tun hätten“, sagt er. Doch dass die Wahlergebnisse nicht immer gleich seien, sei eine der Errungenschaften unserer Demokratie. Er konstatierte auch einen ewigen Zielkonflikt: Die Parteien sollten sich vertragen und zusammenarbeiten, dabei aber glasklar unterscheidbar sein. „Wie das gehen soll, hat mir noch nie jemand erklären können.“

Nach seiner mit langem Applaus bedachten Rede beteiligte sich Lammert gemeinsam mit dem heimischen SPD-Bundestagsabgeordneten René Röspel und Claus Jacobi an einer Diskussionsrunde mit drei Schülerinnen. Maria Krämer und Kiana Kraut vom Städtischen Gymnasium sowie Esra Akdogan, Schülersprecherin der Städtischen Realschule nahmen daran teil. Viele Menschen hätten vergessen, dass es wichtig sei, in Frieden zu leben, sagte Maria auf die Frage nach dem Zustand der Demokratie in Deutschland. Doch das sei nicht selbstverständlich. Kiana erklärte, dass sie sich weniger Sorgen um die Demokratie mache. Auch ihre Freunde fänden, dass Demokratie das beste System sei, weil man mit entscheiden könne. Und Esra, die türkische Wurzeln hat, sagte, das man an anderen Ländern, die trotz ihrer Vergangenheit wieder in einer Diktatur leben würden, sehe dass Demokratie nicht selbstverständlich sei. Deutschland habe aber aus seinen Fehlern gelernt.

Norbert Lammert sagte, dass man ein waches Bewusstsein für die Errungenschaften wie auch die Verletzlichkeit dieses Systems haben müsse. René Röspel und Claus Jacobi berichteten von Mut machenden Erfahrungen mit Schülern. „Ich mach mir keine Sorgen, wenn wir die Voraussetzungen schaffen“, so Röspel, der darauf hinwies, dass junge Menschen eine Perspektive für ihre Leben bräuchten. Und Jacobi hob die Realschule als Beispiel hervor, deren Schüler auf dem Weg zur „Schule ohne Rassismus“ mit riesiger Mehrheit sich zur Demokratie, zu Toleranz und Engagement sowie gegen Ausgrenzung aller Art bekannt hätten.

Moderiert wurde der Jahresempfang wieder von der Journalistin Christiane Tover (u. a. WDR). Sie leitete die Diskussionsrunde und führte Gespräche mit den musikalischen Gästen des Tages.

So sorgte die Peanuts Big Band der Musikschule unter Leitung von Lasse Öqvist für Unterhaltung. Außerdem beeindruckten vier jungen Damen mit ihrem Können am Flügel. Ariana Selewski und Alicia Bochkarova sowie Ksenia Rose und Violetta Schwebel spielten jeweils vierhändig Werke von Bach, Diabelli und anderen.

Dazu war die Malschule „Maldumal“ von Annette vom Bruch wieder zu Gast. Das Team gestaltete mit einigen Kindern Frühlings- und Osterbilder.

Bürgermeister Claus Jacobi nutzte den Rahmen des Empfangs, um eine besondere Ehrung vorzunehmen. Fritz Sauer, langjähriger Redaktionsleiter von Gevelsberger Zeitung und Westfalenpost und bis heute unermüdlicher Chronist des Geschehens in der Stadt, erhielt anlässlich seines kürzlich begangenen 90. Geburtstags ein Geschenk in Form einer Segelschiff-Skulptur. Sauer meinte zunächst, dass er nicht gekommen wäre, wenn er gewusst hätte, was ihn erwartet. Um dann verschmitzt hinzuzufügen: „Was ich heute erlebt habe, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das sollte Ansporn sein, die 100 auch noch zu erreichen. Ich bin gespannt, was dann passiert...“

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik