Politik

Eine Geburtsurkunde für die Ennepetaler SPD

SPD-Plakat zur Reichstagswahl 1919. Frauen durften erstmals daran teilnehmen.

Foto: privat

SPD-Plakat zur Reichstagswahl 1919. Frauen durften erstmals daran teilnehmen. Foto: privat

Ennepetal.   Jahrestag für die SPD Ennepetal: Vor 140 Jahren war erstmals von sozialdemokratischen Aktivitäten im Bereich des heutigen Stadtgebiets die Rede.

Für die SPD in Ennepetal ist der heutige Tag ein besonderes Datum: Genau 140 Jahre ist es her, dass erstmals von sozialdemokratischen Aktivitäten im Bereich der heutigen Stadt Ennepetal die Rede ist, und zwar in einem schriftlichen Bericht des Hammer Oberstaatsanwalts Irgahn vom 13. Juni 1878 an den Preußischen Justizminister in Berlin. In einem Gastbeitrag erinnert Hans Hermann Pöpsel, Vorsitzender des Arbeitskreises Stadtgeschichte und SPD-Mitglied, an dieses Datum.

Bericht des Oberstaatsanwalts

In dem Bericht des Oberstaatsanwalts ging es um „sozialdemokratische Umtriebe im Departement Hamm“ und vor allem um Majestätsbeleidigungen, die es nach dem missglückten Attentat auf den Kaiser am 2. Juni 1878 gegeben hatte. Bis zu fünf Jahre Gefängnis erhielten viele Arbeiter, die sich angeblich beleidigend über Wilhelm II. geäußert hatten. Dazu gehörten Sätze wie: Der Kaiser sei ein dummes Luder, es sei schade, dass er nicht getroffen wurde, „dann wären die Katholiken ihre Plagen los“, oder: „Der Kaiser bekommt zu viel Gehalt, er soll mehr arbeiten“. Ein Eisenbahnarbeiter aus Unna hatte gesagt: „Sie kommen alle dran, der Kaiser mitsamt dem Kronprinzen“.

In dieser Liste der wegen Majestätsbeleidigung angeklagten Sozialdemokraten findet sich auch der „Gärtner Wiegandt aus Vörde (Hagen). Zu 2 Jahren verurteilt“. Seine Erwähnung am 13. Juni 1878 ist also eine Art Geburtsurkunde für die SPD in der Stadt Ennepetal.

Die Sicherheitspolizei in den Gemeinden musste auch in den Folgejahren jeweils über die Bezirksregierung genaue Berichte über politische Aktivitäten an das preußische Innenministerium liefern. Diese Berichte sind, da man noch keine Kopierer kannte, fast nie in den Akten enthalten. Nur über eine Wahlversammlung in einer Voerder Gaststätte im Jahre 1903 ist ein Bericht überliefert. 400 Personen drängten sich in dem kleinen Saal, doch alles sei „in ruhigem Maße“ verlaufen. Das war neun Tage vor der Reichstagswahl 1903, bei der die SPD – zum Schrecken der Bürgerlichen – 82 Mandate errang. Das hatte die Ennepesträßer Polizei wohl so nicht erwartet, denn sie hatte kurz vorher an die Regierung berichtet: „Von einem Fortschritt oder Rückschritt der sozialdemokratischen oder anarchistischen Bewegung ist nichts zu berichten. Von den Sozialdemokraten hört man hier kaum noch etwas, da die allgemeine Geschäftslage auch den bisher unzufriedenen Arbeitern den Mund schließt, da sie sonst ihre Stellung verlieren.“

Beobachtung endet nach 1. Weltkrieg

Eine eigene sozialdemokratische Presse sei an der Ennepe nicht vorhanden: „Der Vertrieb sozialdemokratischer Schriften beschränkt sich auf das Halten der sozialdemokratischen Zeitschriften ‚Volkstribüne’ und ,Wahrer Jacob’.“

Die Beobachtung durch die Polizei, aber auch das Bemühen der Parteien um Wählerstimmen richtete sich im Kaiserreich noch ausschließlich auf Männer. Frauen durften in Deutschland erst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wählen – erstmals bei der Reichstagswahl am 19. März 1919 – auf Druck der SPD und der anderen linken Parteien. Auch die Zeit der polizeilichen Beobachtung war für demokratische Parteien in der Weimarer Republik beendet.

INFO:

Die Sozialdemokratische Partei ging vor 165 Jahren aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) hervor und war zunächst großen Anfeindungen ausgesetzt – auch im „Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet“, wie man das Ruhrgebiet einst nannte. Damals, zu Kaisers und zu Bismarcks Zeiten, rückte der Staat die Sozialdemokraten noch in die Nähe der „politischen Verbrecher“. Allerdings standen bis 1918 alle politischen Parteien unter Beobachtung der Sicherheitspolizei.

Im Stadtarchiv Ennepetal zum Beispiel lagern noch die Akten, in denen die entsprechenden Anweisungen gesammelt sind: „Sozialdemokratie und unerwünschte Personen“ hieß das Kapitel im damaligen Amt Ennepe (Milspe), aber auch die Akten mit den Sammelbezeichnungen „Überwachung von Personen“ und „Tumultschäden“ gehören zu diesem Komplex.

Im benachbarten Amt Voerde bezeichnete man den gleichen Vorgang mit dem Aktentitel „Politische Verbrecher, Sozialdemokraten und Anarchisten“.

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