Erinnerungen

Ennepetal und Schwelm: Bomben töten ganze Schulklasse

Aufklärungsfoto aus 9000 Metern Höhe der US Air Force vom Büttenberg mit den Bombentrichtern nach den Luftangriffen auf Milspe und Schwelm am 13. Februar 1945.

Aufklärungsfoto aus 9000 Metern Höhe der US Air Force vom Büttenberg mit den Bombentrichtern nach den Luftangriffen auf Milspe und Schwelm am 13. Februar 1945.

Foto: Stadtarchiv Ennepetal / WP

Ennepetal.  Grausam: Eine Schulklasse mitsamt ihrer Lehrerin wird in Ennepetal von Bomben getötet. Erinnerungen nach 75 Jahren.

Sie waren mit ihrer Lehrerin, Fräulein Zillich, auf dem gemeinsamen Heimweg von der Volksschule Rahlenbecke in Richtung Wuppermannshof. Als die 15 Jungen und Mädchen und ihre Lehrerin den Fliegeralarm hörten, suchten sie Schutz in einem nahen Wäldchen unterhalb der Straßenbahn-Haltestelle Aufsicht – vergeblich. Die abgeworfenen Bomben trafen die Schülergruppe und sechs weitere Personen, darunter der Bürgermeister und NSDAP-Kreisstabsamtsleiter Strack. Alle wurden auf grausame Weise getötet. Diese Tragödie ereignete sich heute vor genau 75 Jahren, nur zwei Monate, bevor hier an der Ennepe der Krieg und das Naziregime durch den Einmarsch der amerikanischen Soldaten beendet wurden.

Bombenalarm und Bombenabwürfe hatte es in dieser Region seit 1942 schon öfter gegeben. Vor allem die Hasper Hütte war Ziel der amerikanischen und britischen Flieger, aber auch die Talsperren des nördlichen Sauerlands wurden in diesem Korridor angeflogen. Die alliierten Truppen versuchten, die Sperrmauern durch Bombenabwürfe zum Brechen zu bringen. Gelungen ist ihnen das nur bei der großen Möhnetalsperre, aber was heißt schon nur: Mehrere tausend Menschen kamen entlang der Möhne und der Ruhr durch die Gewalt der ungeheuren Flutwelle ums Leben.

Der Luftangriff vom 13. Februar 1945 auf Schwelm und Milspe galt ursprünglich wohl dem Industriegebiet im Nordosten der Stadt Schwelm, dem Bahnhof und der Bahnstrecke. Die hier beschriebenen Treffer am Büttenberg waren eigentlich nur ein Ergebnis von Notabwürfen. Auf einem Aufklärungsfoto der US Air Force aus etwa 9000 Metern Höhe über dem Büttenberg und Oelkinghausen, das der Buchautor und Heimatforscher Dieter Wiethege im Archiv der Amerikaner gefunden hat, sind die verschiedenen Einschläge und Bombentrichter zu sehen. Bei den Menschen am Boden sahen die Folgen aber nicht so sauber aus wie aus dem Flugzeug. Einer der Zeugen der beiden Angriffe, die innerhalb von 15 Minuten stattfanden, Gustav Vormann, wird von Wiethege so zitiert: „Gleich nach dem ersten Angriff fuhren der Bürgermeister Strack und der stellvertretende Ortsgruppenleiter Stich mit einem PKW zur Unglücksstätte und gerieten in den 2. Luftangriff, wobei er das Leben verlor. Auf der Straße lag ein Flaksoldat ohne Kopf und ohne Hals in einer großen Blutlache. Wir mussten die Leichen einsargen und auf den Lastwagen schaffen. (…) Unter den Toten erkannten wir auch die Lehrerin Fräulein Zillich. Ein Bein von ihr lag 20 m entfernt, das andere war gräßlich zerrissen.“

Nach amtlichen Unterlagen, so schreibt Wiethege, wurden bei diesen Angriffen auch 60 Häuser beschädigt, und etwa 480 Personen waren von diesen Schäden betroffen. Als möglichen Grund für die Angriffe wird auch genannt, dass sich in einem Wäldchen in der Nähe des Schwelmer Brunnens ein Nachschublager der Organisation Todt befand, das zerstört werden sollte. Insgesamt wurden in Milspe während des Kriegs 263 Häuser beschädigt, in Altenvoerde 79.

Opfer liegen auf Milsper Friedhof

Es gab natürlich auch in anderen Stadtteilen Todesopfer, Zum Beispiel wurde Ende 1944 ein zehnjähriger Junge auf dem Heimweg von der Schule an der Bergstraße von einem Tiefflieger aus erschossen. Einen ähnlichen Todesfall gab es am Tage des amerikanischen Einmarsches an der Holthauser Talstraße in Königsfeld.

Keiner der Angriffe aus der Luft aber war in seinen Auswirkungen so verheerend wie der am Büttenberg. Die dort getöteten Kindern und Erwachsenen wurden zunächst am Ehrenmal der Gemeinde auf der Hardt in Milspe beigesetzt. Für den Milsper Bürgermeister Strack gab es abgetrennt eine gesonderte Feierstunde, und den Träger des Goldenen Parteiabzeichens würdigte mit einer Rede der eigens angereiste NS-Gauleiter Hoffmann.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ die Stadt Ennepetal die Bombenopfer vom Büttenberg umbetten auf den Friedhof in Milspe.

Hans Hermann Pöpsel ist Vorsitzender des Arbeitskreises Ennepetaler Stadtgeschichte und war viele Jahre lang Lokalredakteur der Westfälischen Rundschau.

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