Hilfseinsatz

Ennepetalerin operiert im afrikanischen Urwaldkrankenhaus

Christiane Zierer kümmert sich um einen ihrer kleineren Patienten in Manyemen. Im nächsten Jahr wird sie den Fortschritt der Heilung sehen.

Foto: Privat

Christiane Zierer kümmert sich um einen ihrer kleineren Patienten in Manyemen. Im nächsten Jahr wird sie den Fortschritt der Heilung sehen. Foto: Privat

Ennepetal/Manyemen.   OP-Schwester Christiane Zierer (50) hat zwei Wochen lang schwer verletzte und entstellte Menschen mitten im afrikanischen Urwald behandelt.

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Die Hand ist verkrüppelt, dichtes Narbengewebe zieht sich über eine Gesichtshälfte. Das rechte Auge kann die Frau kaum öffnen. Doch das linke strahlt. Lebensfreude. Dankbarkeit. Mut, nicht aufzugeben, fließt trotz der schweren Entstellungen aus jeder Faser der kamerunischen Sängerin, die für ihr Leben durch die heftigen Verletzungen gezeichnet sein wird.

Dies ist nur einer von unzähligen berührenden Fällen, von denen die Ennepetalerin Christiane Zierer (50) berichtet. Die OP-Schwester hat zwei Wochen lang mit einem deutschen Team schwer verletzte und entstellte Menschen mitten im afrikanischen Urwald behandelt. Nicht, weil sie es musste, weil sie Gutes tun wollte.

OP-Schwester im St.-Josefs-Hospital

Manyemen heißt das kleine Dorf in Kamerun, in dem die Frau, die normalerweise in den Operationssälen des Hagener St.-Josefs-Hospitals ihrem Broterwerb nachgeht, zwei Wochen mit dem Team des Interplast-Germany-Vereins im Urwaldkrankenhaus arbeitete. Eine Zeit, die sie sehr beeindruckt hat. Eine Reise in eine Welt, in der aus deutscher Sicht Selbstverständlichkeiten keine Bedeutung haben; nicht existieren.

Seit knapp 16 Jahren ist Christiane Zierer im St.-Josefs-Hospital beschäftigt, sie ist eine Frau, die anpackt anstatt zu diskutieren. Eine Weile schon schwelte tief in ihr der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, denen es nicht so gut geht wie ihr selbst. Als sie auf Interplast Germany stieß und sich mit deren Wirken in Schwarzafrika auseinandersetzte, fackelte sie nicht lange, klärte ihren ersten Einsatz mit ihrem Mann und den beiden erwachsenen Kindern ab. Nachdem die grünes Licht gegeben hatten, saß Christiane Zierer bald darauf im Flieger. Anfang 2016 nahm sie zum ersten Mal die Arbeit im Westen Kameruns auf. Schon die Reise erforderte gewisse Entbehrungen und war recht strapaziös. Allein die finale Etappe – die Fahrt vom Flughafen bis zum Krankenhaus im Urwald – dauerte etwa vier Stunden.

Was sie dort jedoch nun bereits zum zweiten Mal erlebt hat, entschädigt für all die Anstrengungen und den organisatorischen Aufwand im Vorfeld. „Wir sind eingetaucht in eine andere Welt. Man muss gewisse Dinge loslassen, locker werden“, sagt sie. Das heiße aber nicht, dass das Team bei tropischen Temperaturen und extremer Luftfeuchtigkeit eine ruhige Kugel geschoben hätte. „Wir haben jeden Tag zwischen zehn und zwölf Stunden im OP gestanden“, erzählt Christiane Zierer. Zeit, sich Land und Leute anzuschauen, bleibe da kaum.

Andere Bedingungen als hierzulande

Das siebenköpfige Interplast-Team aus Ärzten und medizinischem Fachpersonal aus ganz Deutschland schafft so pro Einsatz etwa 70 plastisch-chirurgische Operationen. Miss- und Fehlbildungen, Wucherungen und Abszesse, schlecht verheilte Brüche – die Liste ist lang, die Unfälle und Gewalttaten, die sich in einigen Fällen dahinter verbergen, machen betroffen. „Unterm Strich operieren wir diejenigen, die die einheimische Medizin in Kamerun überfordern“, sagt Christiane Zierer, und weiter: „Den Patienten kostet der Eingriff nichts, nur die Verpflegung muss er selbst organisieren“. Das sorge für Chaos vor der Klinik, denn für Essen, Trinken und Wechselwäsche sind in der Regel Verwandte zuständig.

Während der OP fällt der Strom aus

Spenden und ehrenamtliches Engagement sorgen für den Erhalt der Organisation und finanzieren die regelmäßigen Hilfseinsätze. „Natürlich gibt es immer wieder Probleme, die wir hier in Deutschland nicht hätten“, führt die Krankenschwester aus, die sich für ihren Aufenthalt in Afrika sogar Urlaub nahm – einige Tage gab ihr das Hagener Krankenhaus Sonderurlaub.

Neben defekten Toiletten und Sanitäranlagen hätten die Einwohner Manyemens mit Wasserknappheit und Stromausfällen zu kämpfen. Mehr als einmal fiel der Generator für den Operationssaal aus. Was in Deutschland eine mittelschwere Katastrophe wäre, wird ein paar tausend Kilometer weiter südlich recht gelassen gelöst. Die Interplast-Mitglieder operieren nach deutscher Methode, aber bei merklich anderen Bedingungen als hierzulande. „Dokumentenwust ist dort kein Thema, wir müssen oft einfach machen. Improvisation ist ein alltägliches Muss“, beschreibt Christiane Zierer den Arbeitsalltag. Ganz wichtig sei, dass sie ihre Erfahrung an die ortsansässigen Mediziner weiter geben würden. Hilfe zur Selbsthilfe.

Eigene Probleme verblassen

Die wichtigsten Punkte auf ihrer Liste der schönsten Erlebnisse sind die Rückmeldung und der Umgang mit den Patienten – die oft dutzende Kilometer zu Fuß anreisen – und Einwohnern Manyemens. Der Begrüßungsgottesdienst, den die Dorfbewohner für das deutsche Medizinerteam zelebrierten, oder strahlende Kinder, die nach geglückter OP endlich wieder lachen können, haben Christiane Zierer schwer beeindruckt. „Besonders die Sängerin ist mir im Kopf geblieben. Seit ihrer Erkrankung konnte sie nicht mehr singen. Trotzdem hatte sie eine einmalig positive Ausstrahlung.“

Nächster Hilfseinsatz im Jahr 2018

Da verblassen die eigenen Probleme. Schade sei nur, dass die Deutschen den Heilungsprozess fast nie miterleben und sie erst im Folgejahr sehen würden, wie erfolgreich ihre Arbeit war. Zumindest erhalten sie regelmäßige Berichte aus Afrika über den Zustand ihrer Patienten.

Dass Christiane Zierer in den nächsten Jahren auf jeden Fall wieder mit Interplast nach Kamerun reisen wird, steht schon jetzt fest. Dann wird sie sich wieder mit ihren Kollegen, die während dieser Zeit wie eine zweite Familie für sie geworden sind, ein Haus auf dem Krankenhausgrundstück teilen und den freien Sonntag auf dem Dorfmarkt verbringen. Aber am Wichtigsten: Sie wird Menschen helfen.

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