Soziales

Gevelsberger AWo bangt um leistungsgerechte Entlohnung

Michael Stecken (rechts) und Kai Kraft (im Rollstuhl) zeigten Kerstin Griese, Hubertus Kramer (MdL), dem Vorsitzenden des AWO-Bezirksverbandes Westliches Westfalen, Michael Scheffler, René Röspel und dem SPD-Bundestagsabgeordneten Ralf Kapschak die Garagentorantriebe, die in  Gevelsberg montiert werden.Bernd Henkel 

Michael Stecken (rechts) und Kai Kraft (im Rollstuhl) zeigten Kerstin Griese, Hubertus Kramer (MdL), dem Vorsitzenden des AWO-Bezirksverbandes Westliches Westfalen, Michael Scheffler, René Röspel und dem SPD-Bundestagsabgeordneten Ralf Kapschak die Garagentorantriebe, die in Gevelsberg montiert werden.Bernd Henkel 

Die Ausbildungsvergütungen steigen. Das beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit der Behindertenwerkstätten der AWo in Gevelsberg.

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Gevelsberg. „Es gefällt mir nicht, dass viele von uns demnächst weniger verdienen sollen. Wenn wir das den Kollegen mitteilen, gibt das ordentlich Stimmung, und ich hätte gern jemanden von Ihnen dabei, um das dann zu erklären“, wandte sich Kai Kraft, stellvertretender Werkstattratsvorsitzender in der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen der AWo EN in Gevelsberg-Asbeck an die Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin für „Arbeit und Soziales“ Kerstin Griese (SPD). Die Politikerin war aus Berlin angereist, um sich vor Ort ein Bild davon zu machen, welche auch negativen Auswirkungen die Erhöhung des Ausbildungsgeldes für Menschen mit Behinderungen zum 1. August für die Werkstätten mit sich bringt.

Problematisch ist Grundlohnerhöhung

„Grundsätzlich finden wir die Erhöhung des Ausbildungsgeldes von 80 auf 117 Euro toll, aber sie hat für uns auch finanzielle Folgewirkungen, die wir allein über die Produktion in unseren Werkstätten nicht ausgleichen können“, stellte Jochen Winter, Geschäftsführer der AWo EN gleich zu Beginn des Gesprächs klar. Das finanzielle Problem, dem die Werkstätten entgegensehen, liegt in der Anlehnung der nach der Ausbildung gezahlten Grundentlohnung an das Ausbildungsgeld. Wird das von der Agentur für Arbeit gezahlte Ausbildungsgeld für Menschen mit Behinderung von 80 auf 117 Euro erhöht , müssen die Werkstätten den Grundlohn, den sie allein mit der Produktion selbst erwirtschaften müssen ebenso von 80 auf 117 Euro anheben – eine Grundlohnerhöhung von 46 Prozent.

Über den Grundlohn hinaus sind Werkstätten verpflichtet im Rahmen der Arbeitsergebnisse auch einen individuellen Steigerungsbetrag auszuzahlen. Erhöht sich der Grundlohn, bleibt für den Steigerungsbetrag weniger übrig.

Leidtragende, so AWo-Bereichsleiter Michael Stecken, seien die Leistungsträger unter den Beschäftigten: „Je nach Leistung liegt die Lohnspreizung jetzt zwischen 81,60 und 330 Euro. Um die Lohnerhöhung aufzufangen, müssen wir die Leistungszulagen kürzen. Die, die gut arbeiten, bekommen erheblich weniger Geld, im Einzelfall mehr als 100 Euro.“ Kerstin Griese verwies auf eine mittlerweile seitens der Politik vorgesehene Staffelung der Grundlohnerhöhung über vier Jahre, die die Belastung der Werkstätten abmildere und stellte klar: „Wir haben das Problem erkannt und eine Lösung gefunden. Die Lohnerhöhungen erfolgen schrittweise über vier Jahre und erst ab Januar 2020. Das verschafft den Werkstätten Luft. Die Erhöhung des Ausbildungsgeldes und der Löhne ist eine Sache der Wertschätzung und Anerkennung an der wir festhalten.“ Die Mehrkosten, so die Politikerin weiter, sollten die Werkstätten über Umsatzsteigerungen auffangen.

Dem hielt Jochen Winter entgegen, dass man die Mehrkosten keinesfalls in voller Höhe an die Kunden weitergeben könne. Auch die würden schließlich mit spitzem Stift rechnen. Ständige Neukundenakquise, so versicherte Michael Stecken, gehöre zum Tagesgeschäft der Werkstattleistungen, stoße aber an Grenzen „Wir profitieren hier im EN-Kreis davon, dass es noch recht viele familiengeführte Unternehmen gibt, die sich in einer sozialen Verantwortung für die Region sehen und uns deshalb Aufträge erteilen. Wir sehen aber auch, dass Aufträge wegbrechen, wenn solche Unternehmen von großen, überregionalen Firmen aufgekauft werden, die vor Ort keinerlei Bindung haben“, unterstrich René Röspel, Unterbezirks- und Kreisvorsitzender der AWo EN und SPD-Bundestagsabgeordneter.

Die bundesweit anstehende Erhöhung der Entlohnung in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen wird übrigens besonders von Trägern in NRW als sehr problematisch gesehen. Ursache ist der hier grundsätzlich andere Umgang mit Menschen, die infolge mehrfacher schwerer Behinderungen kaum Arbeiten verrichten können. Nur in NRW werden sie trotzdem in die Werkstätten integriert und erhalten eine Entlohnung, die von den anderen Beschäftigten solidarisch in der Produktion erwirtschaftet wird. Den Grundlohn von derzeit 80 Euro pro Monat bekommen deshalb alle. Ob die Solidarität, so Michael Stecken, aber so weit gehe, künftig sogar auf Lohn zu verzichten, sei sehr fraglich.

„Diesen besonderen Weg in NRW sollte man neu betrachten. Vielleicht würde keine räumliche aber eine finanzielle Trennung das Problem entschärfen“, überlegte Kerstin Griese, nachdem Jochen Winter darauf hingewiesen hatte, dass es auch für das Selbstverständnis der Schwerstmehrfachbehinderten wichtig sei, „zur Arbeit“ zu gehen. Letztlich einigte man sich darauf, im Gespräch zu bleiben, die Entwicklung nach der Lohnerhöhung zu beobachten und mögliche Lösungsansätze wie eine Berücksichtigung der Sonderstellung in NRW beim Umgang mit Schwerstmehrfachbehinderten anzugehen. Den Grundlohn von 80 Euro pro Monat bekommen trotzdem alle, weil die anderen leistungsfähigeren Kollegen von ihren Erträgen solidarisch etwas abgeben.

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