Roma

Gevelsberger setzt sich gegen Roma-Feindlichkeit ein

Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal arbeitete 20 Jahre an seinem Buch „Europa erfindet die Zigeuner – Eine Geschichte  von Faszination und Verachtung“ und erhielt dafür den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung.

Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal arbeitete 20 Jahre an seinem Buch „Europa erfindet die Zigeuner – Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ und erhielt dafür den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung.

Foto: Carmen Thomaschewski

Gevelsberg.   Bundeskabinett holt Gevelsberger Klaus-Michael Bogdal in neu gegründete unabhängige Bundes-Kommission Antiziganismus. Nur elf Experten dabei

Sein Buch „Europa erfindet die Zigeuner – Eine Geschichte von Faszination und Verachtung“ wurde in dutzende Sprachen übersetzt und gilt als Standardwerk. Es machte Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal zum viel gefragten Experten zum Thema Roma und Sinti. Und es führte ihn jetzt in die neu gegründete unabhängige Kommission Antiziganismus der Bundesregierung. Ihr gehören elf renommierte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis aus ganz Deutschland an.

Traditionell geprägte Vorurteile

Was Antiziganismus bedeutet? „Ich nenne es Romafeindlichkeit“, erklärt der Gevelsberger. Ein Begriff, der für den Hass gegen diese Menschen steht, wie der Antisemitismus den gegen Juden beschreibt.

„Die Vorfälle, in denen Roma diskriminiert werden, haben in erschreckendem Maße zugenommen“, sagt Klaus-Michael Bogdal und sieht Handlungsbedarf. Auch wenn das Thema die Menschen schon lange begleite, wissenschaftlich untersucht wurde es bisher wenig. Das war auch der Grund, warum er damit begann, sich damit zu beschäftigen.

Der Gevelsberger, der an der Universität Bielefeld in der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft unterrichtet, hat schon viele Bücher geschrieben. Doch keines sorgte für so viel Wirbel und Anerkennung. 2013 erhielt er den Leipziger Buchpreis für europäische Verständigung. Etwa 20 Jahre hat er daran gearbeitet, mehr als 3000 Quellen gesichtet und nach Erklärungen für die vielen Vorurteile gesucht, die sich gegen Roma und Sinti richten. Es wurde ein weltweit recherchiertes und umfassendes Werk, das es so noch nicht gab.

Leben in großem Elend

Angeborener Wandertrieb, Fahrendes Volk, Diebe und Betrüger, magische Kräfte. „Alles traditionell geprägte Vorurteile“, sagt Bogdal, die Wahrheit dahinter werde nicht ausgesprochen. Fakt sei, dass sie Vertriebene seien, versklavt wurden, seit Jahrhunderten kein Heimatland mehr haben und auf der ganzen Welt verteilt seien, und vor allem in großem Elend leben. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in den 90er Jahren seien Roma die ersten gewesen, die ihre Arbeit verloren hätten, sagt Bogdal. Es folgte die EU-Erweiterung, bei der die Wirtschaftlichkeit, aber nicht der soziale Aspekt im Blick stand. Der Germanist nennt auch Zahlen. „40 Prozent der Roma, die in Bulgarien leben, haben kein Strom oder fließend Wasser.“ 15 Milliarden Euro sei für die Integration in den Ländern für die Roma von der EU gezahlt worden. Doch es sei nicht dafür genutzt worden, erklärt der Germanist. Kein Wunder, dass viele flüchten, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ansatzpunkte für Integration

Was fehle, seien Ansatzpunkte, wie man der Romafeindlichkeit begegnen könne, wie eine Integration gelingt, Vorurteile abgebaut, wie die Lebenssituation verbessert werden und auch welchen Beitrag die Roma bei diesem Prozess leisten müssten. „Ziel der Kommission ist eine Bestandsaufnahme der Entstehung, der Erscheinungsformen und der Folgen des Antiziganismus sowie Empfehlungen, wie Programme zur Bekämpfung entwickelt werden können.“ Was Klaus-Michael Bogdal in einem Satz zusammenfasst, sei ein sehr komplexer Sachverhalt.

Was am Ende konkret in dem Bericht stehen wird? „Das kann ich noch nicht sagen“, sagt Bogdal, verweist aber auf die Ergebnisse der Antisemitismus-Kommission, die einen ähnlichen Auftrag hatte, wie die Antiziganismus-Gruppe jetzt. Ein Ergebnis daraus sei, dass jedes Bundesland jetzt einen Beauftragen zu dem Thema hat. Der Gevelsberger könne sich das auch in Sachen Antiziganismus vorstellen. Er spricht von einem System von Mediation, die dafür sorge könne, dass die Kinder in die Schule gehen, und nicht mitarbeiten, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. „Wir wollen nicht über Roma sprechen, sondern mit ihnen“, sagt Bogdal - und sie auch in die Pflicht nehmen. Ein Augenmerk soll sich auch auf Bildung richten, denn gerade in den Schulen gebe es zum Thema Sinti und Roma kaum Unterrichtsmaterial. Deshalb habe die Arbeitsgruppe bereits den Auftrag ausgegeben, die Schulbücher zu überprüfen.

Der Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, sagte im Rahmen der konstituierenden Sitzung des Gremiums: „Die Aufgabe der Expertenkommission Antiziganismus ist von grundsätzlicher Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Stabilität unserer demokratischen Verfasstheit“, so Rose. Eine große Verantwortung und viel Arbeit, die Klaus-Michael Bogdal gerne annimmt. Und mit der er vor seinem Buch nie gerechnet hätte.

>>> INFO

Im Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass der Antiziganismus wie der Antisemitismus zuvor, aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden soll. Außerdem gab es den Anstoß dazu auch im Bundestag und die Resolution „das Komitee in allen Belangen zu unterstützen“, sagt Klaus-Michael Bogdal.

In dem neuen Gremium sind Fachleute aus der Wissenschaft und der Praxis wie ein Vertreter aus dem Institut für Menschenrechte, ein Sozialarbeiter, Jurist, Historiker etc.

Bis Dezember 2020 soll der Bericht vorliegen. Inhalt: Dokumentation antiziganistisch motivierter Straftaten wie die Beobachtung von Antiziganismus in den Medien und den Auswirkungen bei den Einstellungen in der Bevölkerung. Das Ziel: Konkrete Handlungsempfehlungen an die Politik.

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