Kultur

Gevelsberger übersetzt die „Canterbury Tales“ ins Deutsche

Der Gevelsberger Bruce Wadsworth nutzt die Zeit aktuell für sein Lebenswerk: Er übersetzt Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ ins Deutsche.

Der Gevelsberger Bruce Wadsworth nutzt die Zeit aktuell für sein Lebenswerk: Er übersetzt Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ ins Deutsche.

Foto: Stefan pieper

Gevelsberg.  Der Gevelsberger Bruce Wadsworth macht es sich zur Aufgabe, die „Canterbury Tales“ von Chaucer zu übersetzen. Was ihn daran so begeistert.

Schöpferische Menschen kennen keine Langeweile. Zwar ist der Alltag des Gevelsbergers Bruce Wadsworth im Moment etwas ruhiger: Die Konzertreihen, die er seit Jahrzehnten organisiert, machen zurzeit Pause, ebenso wie seine Lehrtätigkeit im Fach Konzertgitarre an der Musikschule Marl. So ist aber genug Muße da, um sich seinem persönlichen „Lebensprojekt“ zu widmen – denn nichts weniger ist für ihn die literarische Übertragung von Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ ins Deutsche.

Bruce Wadsworth, der seit 1992 mit seiner Familie in Gevelsberg lebt, bringt sein künstlerisches Credo auf den Punkt: „Schon seit meinem 15. Lebensjahr war ich von dieser bildhaften Sprachgewalt infiziert. Alles liest sich bei Chaucer so, als sei es gerade gestern erst geschrieben worden“. Wadsworths eigene Zweisprachigkeit ist ein wichtiges Kapital. Entsprechend blühen die „Canterbury Tales“ auch auf deutsch in pointierten, virtuosen Reimschemata neu auf. „Gute Dichtung ist wie Musik“, definiert der Gevelsberger seine Herangehensweise, die auch die eines Musikers ist.

Worum geht es in den „Canterbury Tales“ aus der Feder des mittelenglischen Dichters Chaucer, der von 1342 bis 1400 lebte? Den Rahmen bildet eine imaginäre Pilgerreise, eben nach Canterbury. Um sich die lange Zeit zu vertreiben, veranstalten die Teilnehmer einen Geschichtenerzählwettbewerb.

Die Erzählungen offenbaren wie kaum ein anderes mittelalterliches Zeitdokument, dass diese Menschen leben – und wie. Ein Gutsherr schwelgt in sinnlichen Genüssen und ist Lebemann im besten Sinne. Bei einem furchtlosen, kampferfahrenen Ritter offenbart sich ein sanftes Gemüt unter der stählernen Rüstung. Mit liebevoller Ironie wird eine adelige Priorin beschrieben, wenn sie etwa ihre Schoßhunde mit feinen Köstlichkeiten verwöhnt. Eine besonders herausgehobene Figur ist der Priester. Obwohl Chaucer in seiner Kirchenkritik seiner Zeit weit voraus ist, zollt er gerade dieser Figur höchsten menschlichen Respekt.

Auszüge als Bühnenspiel

Nicht zuletzt Chaucers aufrichtigen Blick für die Widersprüche der Klassen- und Ständegesellschaft findet Bruce Wadsworth revolutionär: „Chaucers Weltsicht ist weit ihrer Zeit voraus und nimmt schon die Aufklärung vorweg“.

Schon mehrfach hat Bruce Wadsworth Teile aus den „Canterbury Tales“ auf die Bühne gebracht. Dafür konnte er schon mehrfach den Schauspieler Thomas Gimbel als Rezitator engagieren. Atmosphärisch stimmig werden die Rezitationen dabei mit passender Musik verbunden, meist durch Ensembles aus der Alten Musik.

Eine Chaucer-Nacht fand in diesem Jahr auch im voll besetzten Café Dialog der Gevelsberger Volkshochschule statt. Während Gimbel Chaucers Sprachkunst an diesem Abend eine Stimme verlieh, spielten Studierende der Hochschule Köln Kompositionen von Guillaume Dufay und John Dunstable. Durch die gute Resonanz auf die Veranstaltung fühlt Wadsworth sich in seinem Anliegen einmal mehr bestätigt.

Geplant ist auch eine Hörbuch-Einspielung, zumal Wadsworth mit Tom Gimbel schon eine geeignete Stimme für Chaucers „Canterbury Tales“ gefunden hat.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben