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„Glaubst du noch oder denkst du schon?“

50 Hochzeiten im Jahr, Tendenz steigend: Immer mehr Paare wie Swetlana (links) und Daniel Schmidt (mitte) entscheiden sich für eine weltliche Feier. Armin Schreiner (rechts) stellt in seiner Rede die Beziehung der beiden Partner in den Mittelpunkt.

Foto: Michael Breuer/

50 Hochzeiten im Jahr, Tendenz steigend: Immer mehr Paare wie Swetlana (links) und Daniel Schmidt (mitte) entscheiden sich für eine weltliche Feier. Armin Schreiner (rechts) stellt in seiner Rede die Beziehung der beiden Partner in den Mittelpunkt. Foto: Michael Breuer/

Sprockhövel.   Atheist Dr. Armin Schreiner ist als Redner auf Festen gefragt. Weltliche Hochzeiten sind ein neuer Trend.

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Ernest Hemingway war einer. Sigmund Freud und die amerikanische Schauspielerin Jody Foster ebenfalls. Dr. Armin Schreiner aus Sprockhövel erst recht. Sie alle sind oder waren Atheisten bzw. Agnostiker. „Ich glaube an gar nichts“, sagt Armin Schreiner (48) ganz deutlich. Warum auch, fragt er. „Entweder weiß ich etwas oder ich gebe zu, dass ich es nicht weiß.“ Und damit hat sich die Sache mit dem Glauben für den 48-Jährigen erledigt.

Und das schon in jungen Jahren. Mit 14 Jahren hat er sich vom Religionsunterricht in der Schule abgemeldet. Der Mikrobiologe war schon früh naturwissenschaftlich interessiert. „Dinge, die man weder beweisen noch wiederlegen kann, fand ich nicht spannend. Und dazu ist der christliche Glaube einer von vielen und alle sagen, dass sie recht haben.“ Das wollte Armin Schreiner nicht für sich akzeptieren. Sobald die Kirche auch noch Steuer von ihm forderte, ist er ausgetreten.

Namensfeier statt Taufe

Seit sieben Jahren tummelt er sich nun schon in der religionsfreien Szene zwischen Wupper und Ruhr. So ist er letztlich zum Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) gelangt und bis heute dabei geblieben. Denn „da kann ich mich konkret vor Ort einsetzen und in meinem Umfeld einen gewissen Einfluss ausüben.“

Seit zweieinhalb Jahren ist er für den HVD als Feiersprecher tätig. Von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung. Durch alle Phasen des Lebens begleiten der christliche Glaube und die Kirche viele Menschen. Doch wer nicht an Jesus und Gott glaubt, kann diese Lebensereignisse trotzdem feiern. Sie heißen nur anders. Statt der Taufe feiert der Humanistische Verband eine Namensfeier für neue Erdenbürger. Und an Stelle der Kommunion bzw. Konfirmation steht für junge Religionsfreie eine Jugendfeier an. „Das ist eine große, gemeinsame Feier für viele Jugendliche in der Region. Es geht darum, die Kindheit symbolisch hinter sich zu lassen“, erklärt Schreiner.

Das Programm für die Feier können die Jugendlichen mitgestalten, ihre Wünsche und Hoffnungen für den neuen Lebensabschnitt künstlerisch ausdrücken. Armin Schreiner ist als Redner häufig bei Hochzeiten und Beerdigungen unterwegs, dafür hat er eine dreimonatige Ausbildung beim HVD absolviert. Im letzten Jahr hat der Verband 50 Hochzeiten begleitet, in diesem Jahr werden es wohl an die 100, schätzt Schreiner.

Humanistische Redner sind gefragt, immer mehr Menschen wenden sich von der Kirche ab. „Das hat ganz unterschiedliche Gründe, viele treten wegen der Steuer aus und sind enttäuscht von der Kirche.“ Und solche Auswüchse wie die Affäre um Tebartz van Elst rege zu noch größeren Austrittswellen an, sagt Schreiner. Aber gerade diejenigen, die sich aus finanziellen Gründen von der Kirche abwenden, wollen sich häufig nicht in einer anderen Form organisieren oder glauben trotz des Austritts weiterhin an Gott.

Eher Menschen, die aus Überzeugung nicht bzw. nicht mehr glauben oder eine politische Trennung von Staat und Kirche fordern, wenden sich den atheistischen Verbänden zu.

Humanistische Kita

Auch Armin Schreiner wünscht sich eine deutliche Trennung der beiden Bereiche: „Wir leben in einem christlichen Tendenzstaat“. Ein Beispiel sei das kirchliche Arbeitsrecht. In Wuppertal soll demnächst eine humanistische Kindertagesstätte eröffnen, die erste ihrer Art in der Region. Dass sich immer mehr Menschen der religionsfreien Szene zuwenden, begrüßt Schreiner und hofft, dass dieser Trend anhält. „Ich bin grade richtig in Form“, sagt Armin Schreiner lachend und freut sich über die gute Auftragslage. „Bei meinen Reden stehen die Menschen im Mittelpunkt“, sagt Schreiner. Bei einer humanistischen Hochzeitszeremonie gehe es zum Beispiel um zwei Menschen, die ihr Leben nicht vor einer höheren Macht verantworten wollen, sondern alleine vor sich selbst, ihrem Partner und ihren Mitmenschen. Bei der Musikauswahl ist Schreiner sowohl bei Hochzeiten als auch bei Beerdigungen tolerant, aber „Gebete sind ein No Go.“

Auch ohne auf einen „irgendwie gearteten Himmel“ zu verweisen, spendet Schreiner Angehörigen von Verstorbenen Mut: „Jeder Mensch lebt in unseren Erinnerungen weiter und in den Beziehungen, die er während seines Lebens eingegangen ist.“ Dafür brauche es keinen Glauben.

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