Buchvorstellung

Ideale des Schwelmers Fritz Helling leben weiter

Präsentieren die Doktorarbeit (von links): Stiftungssprecher Lothar Feldmann, Dr. Hans Graf (Direktor i.R. MGS), Katharina Vogt (amtierende Direktorin), Jost Biermann, Doktorvater Wolfgang Kein und Jürgen Sprave (Direktor i.R. MGS).

Foto: Bernd Richter

Präsentieren die Doktorarbeit (von links): Stiftungssprecher Lothar Feldmann, Dr. Hans Graf (Direktor i.R. MGS), Katharina Vogt (amtierende Direktorin), Jost Biermann, Doktorvater Wolfgang Kein und Jürgen Sprave (Direktor i.R. MGS). Foto: Bernd Richter

Schwelm.   Jost Biermann schreibt 1000-seitige Doktorarbeit über „Schwelmer Kreis“. Erfurt-Stiftung fördert Forschungsarbeiten über Fritz Helling.

Fritz Helling teilt das Los vieler Künstler. Und das, obwohl er kein Maler oder Bildhauer, sondern ein deutscher Reformpädagoge war. Sein Wirken und Werk wird erst nach seinem Tod so richtig gewürdigt. Einen maßgeblichen Anteil daran hat auch Jost Biermann. Der 41-jährige Gymnasiallehrer hat an der Universität Paderborn mit einer im „Peter Lang“-Verlag erschienenen Arbeit über den von Helling geleiteten „Schwelmer Kreis“ promoviert. Zur Vorstellung des 1000 Seiten starken Buches hatte die Wilhelm-Erfurt-Stiftung für Natur und Kultur ins Haus Martfeld eingeladen.

„Wir sind als Stiftung sehr an der Aufarbeitung von Geschichte interessiert, zumal der Schwelmer Geschichte, die ja die große deutsche Geschichte im lokalen Kleinen spiegelt“, sagte Stiftungssprecher Lothar Feldmann in seinem Grußwort. Die Erfurt-Stiftung unterstützt seit langem auch Publikationen über Fritz Hellings Leben und Werk ideell und finanziell. Helling habe eine Pädagogik etablieren wollen, die Bildung auch als Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft verstand. „Eine Pädagogik, die sich nach innen und außen öffnet und die frei sein wollte von Untertanengeist. Fritz Helling gehörte zu denen, die die heute normal gelebte Diskussionskultur als demokratisches Mittel in den Fokus gerückt haben“, so Feldmann.

Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs sei er für eine Pädagogik eingetreten, die frei von politischer Indoktrination sein sollte. Helling habe am Ideal einer Schülerschaft gearbeitet, die selbstdenkend und mündig mit Verantwortungsgefühl für eine freie Gesellschaft eintreten sollte. Lothar Feldmann: „Damit hat er einen Maßstab auch für Generationen von Lehrerinnen und Lehrern gesetzt. Ehemalige Schülerinnen und Schüler von Fritz Helling würden noch heute mit großer Dankbarkeit sagen: „Fritz Helling hat uns das eigenständige Denken beigebracht!“

52 Bände sind bisher in der Schriftenreihe zur Bildungsreform seit 1978 erschienen, 1000 Titel pro Jahr veröffentlich der Verlag Peter Lang pro Jahr. Dieses Buch sei aber etwas Besonderes, sagte Benjamin Kloss vom Verlag. 2003, 2008 und nun 2017 gebe es Veröffentlichungen zu Fritz Helling. „Und das ist noch nicht das letzte Buch“, kündigte Kloss noch eine dreibändige Werkausgabe zu und eine Tagung über Fritz Helling an. Sein besonderer Dank galt der Erfurt-Stiftung, die dies möglicht mache.

Jürgen Sprave, ehemaliger Direktor am Märkischen Gymnasium Schwelm, sprach von „einer großen Rolle“, die Fritz Helling auch in der Schullandschaft von Schwelm gespielt habe. Sprave wird auch als Herausgeber im kommenden Jahr die Werkausgabe zu Fritz Helling präsentieren – überwiegend Reden, Schriften und Zeitschriftenveröffentlichungen. „Die meisten Texte sind schwer zugänglich.“ Sprave erinnerte auch an die zwei Info-Tafeln am und im Märkischen Gymnasium, die Auskunft über das Wirken von Helling geben.

Fritz Helling war gebürtiger Schwelmer, wirkte von 1917 bis 1933 als Lehrer und von 1946 bis 1951 als Schulleiter am Schwelmer Gymnasium. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der regimekritische Lehrer aus dem Schuldienst gedrängt. Die britischen Besetzer holten Helling 1945 zurück nach Schwelm.

Erst in den letzten Jahren hat die Forschung die auch heute noch aktuellen Ideen von Fritz Helling, die er gemeinsam mit Kollegen im „Schwelmer Kreis“ entwickelt hatte, für sich entdeckt. Doktorvater Wolfgang Keim sprach im Zusammenhang mit der Arbeit von Jost Biermann von einem „ganz wichtigen Schritt in der Helling-Forschung“, in dem der Doktorand das Augenmerk „nicht auf eine Einzelperson, sondern auf einen über ganz Deutschland verstreuten Kreis“ gerichtet habe.

15 Jahre Lebenszeit

Für Jost Biermann selbst ist seine Doktorarbeit auch ein Teil seines Lebens. 15 Jahre lang hat es bis zur Veröffentlichung gedauert – begonnen mit einem im Jahr 2002 im MGS abgehaltenen Seminar „Auf den Spuren von Fritz Helling“. Seine wissenschaftliche Neugierde sei damals geweckt worden. Dem „Schwelmer Kreis“ habe die deutsch-deutsche Verständigung am Herzen gelegen. „Sie haben tatsächlich einen Austausch hergestellt zwischen Ost und West. Sie wollten politische Pädagogen sein, sich einmischen, wobei sie geprägt durch den Nationalsozialismus gewesen sind.“ Ihre Maxim sei gewesen: „Pädagogik darf nicht zum Werkzeug von Politik werden. Das haben die Schwelmer versucht – allen voran Fritz Helling“, so Jost Biermann.

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