Schmieden im Krenzer Hammer

Im Ennepetal Zeitreise ins vergangene Jahrhundert erlebt

Expertin Ehrengard Krenzer führt WP-Redakteur Max Kölsch in die Welt des Schmiedens ein.

Expertin Ehrengard Krenzer führt WP-Redakteur Max Kölsch in die Welt des Schmiedens ein.

Foto: Stefan Scherer

Ennepetal.   WP-Redakteur Max Kölsch versucht sich in der historischen, noch produzierenden Werkzeugfabrik Krenzer Hammer als Schmied. Ein Erlebnisbericht.

„Sind Sie noch in der Ausbildung?“, fragt Ehrengard Krenzer WP-Redakteur Max Kölsch, als er am Feuer steht und das Stück Eisen hineinhält, aus dem später ein Flaschenöffner werden soll. Auf die Geschäftsführerin der Werkzeugfabrik und Freiformschmiede Krenzer Hammer sowie Vorsitzende des dazugehörigen Fördervereins scheint der Journalist einen unbeholfenen Eindruck zu machen. Handwerklich begabt ist er laut eigener Aussage nicht. Ein Grund mehr, ihn für ein paar Stunden in die Obhut einer richtigen Fachfrau mit viel Geduld zu geben, damit er das Schmieden lernt. Ein Erlebnisbericht.
„Ich würde gerne das Kinderprogramm mitmachen“, antworte ich kleinlaut auf Ehrengard Krenzers Frage, was ich mir denn für heute vorgenommen habe. Da könne ich zum Beispiel einen Kleiderhaken schmieden, sagt die 65-Jährige. Dem Kollegen, der mich begleitet, um Fotos zu machen, fällt ein, dass er an einem Junggesellenabschied beim Krenzer Hammer einen Flaschenöffner geschmiedet hat. Keine schlechte Idee, denke ich mir. Der soll es werden. Bevor es losgeht, heizt Krenzer den Ofen an. Ein Gebläse sorgt für die entsprechende Sauerstoffzufuhr. „Das dauert jetzt ein bisschen“, sagt sie. In der Zeit führt sie uns über das Fabrikgelände.


Der Rundgang

Im Nebenraum lagern einige Werkzeuge – Zangen und etwas, das für mich als Laie wie eine Stange mit kleinen Rädern an einem Ende aussieht. „Das ist eine Rollbrechstange“, erklärt Krenzer. „Damit lassen sich bis zu drei Tonnen anheben.“ Sie schiebt das untere gebogene Ende mit den Rollen unter ein imaginäres Gewicht, um zu verdeutlichen, wie eine Rollbrechstange funktioniert. Die Zangen, die ein Regal weiter liegen, würden zum Beispiel bei Gleisarbeiten eingesetzt. „Das sind Sondermaße“, sagt die 65-Jährige. Für größere Unternehmen würde es sich nicht lohnen, solche Werkzeuge in so kleiner Stückzahl zu produzieren. Wir gehen durch einen weiteren Raum, vorbei an verschiedenen Hämmern und einem Sensenkopf, bis wir in eine größere Halle kommen. Pressen, Fallhämmer, diverse Räder und Bänder, die etwas antreiben – es ist, als hätten wir eine Zeitreise ins vergangene Jahrhundert gemacht. Und tatsächlich: „Die Transmission und beide Fallhämmer sind noch von 1914“, erklärt Krenzer. „Der Strom kommt aus einer mit Wasser betriebenen Turbine.“ Man merkt ihr an, dass ihr die Fabrik wichtig ist, wie stolz sie darauf ist.

Die Produktion

An drei Tagen in der Woche wird hier heute noch produziert. Mit ihren 65 Jahren arbeitet Ehrengard Krenzer dabei aktiv mit. „Man darf sich hier nicht scheuen, auch mal einen Besen in die Hand zu nehmen“, weiß sie. Sie erledige die Vorarbeiten. Das Werkzeugschmieden selbst übernehmen Mitarbeiter. „Das kann ich nicht, dafür bin ich nicht schnell genug“, sagt die 65-Jährige.

Der Förderverein

Arbeit hat sie ohnehin genug. Sie sitzt neben ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der Werkzeugfabrik noch dem rund 75 Mitglieder starken Förderverein Krenzer Hammer vor. „Der Verein möchte, dass das ganze Ensemble erhalten bleibt“, erklärt sie. Die Ennepetaler hätten früher von Schmieden und Gießereien gelebt. „Das ist Kultur“, betont Krenzer. Um Menschen das ins Bewusstsein zu bringen, organisiert der Verein regelmäßig Führungen, gelegentlich auch Feste. Auch hier ist Ehrengard Krenzer vor Ort. Die Führungen macht sie selbst. „Im Moment ist das aber alles ein bisschen schwierig, weil ich mich hauptsächlich um die Firma kümmern muss“, gibt sie zu. Das habe früher ihr Mann gemacht. Sie wolle jeden zweiten Samstag Führungen anbieten. Die anderen Samstage versuche sie, sich ein wenig Zeit für sich und ihre Familie zu nehmen.

Das Schätzspiel

Ehrengard Krenzer legt mehrere Köpfe von Hämmern vor mir auf den Fußboden, allesamt unterschiedlich. Manche haben Löcher in der Mitte, andere keine. Auch die Form unterscheidet sich leicht. Sie stellen die verschiedenen Produktionsschritte dar. Sie bittet mich, sie der Reihenfolge nach von links nach rechts zu sortieren. Auch das gehört zum Kinderprogramm. Ich brauche mehrere Anläufe, bis ich es raus habe. „Was denken Sie, wie lange dauert es, so einen Kopf zu machen?“, fragt Krenzer. „Einen ganzen Arbeitstag“, schätze ich. Stille. Ich meine, ein leichtes Schmunzeln in ihrem Gesicht zu erkennen. „Zweieinhalb Minuten circa“, löst Krenzer auf. Der Foto-Kollege muss sich zusammenreißen, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Als mein Vorgesetzter sei er einfach nur froh, dass ich mal „an richtige Arbeit“ käme, scherzt er. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie recht er hat. Wir gehen wieder zurück in die erste Halle.

Das Schmieden

Der Ofen ist mittlerweile bereit. Schmieden kann ich aber noch nicht. Erst müssen noch ein paar Vorbereitungsschritte gemacht werden.


Schritt 1: Krenzer deutet auf ein Regal im hinteren Teil der Halle. Darin liegen unter anderem alte Eierkartons. Die soll ich zerreißen, um sie in die Glut zu legen. Als Brennstoff nehmen wir Steinkohle. Davon schaufelt sie noch ein wenig auf die Kartons.

Schritt 2: Jetzt wird es rustikaler. Ich soll Holzscheite für das Feuer spalten. Dazu lege ich sie auf ein spitzes Stück Metall, dem Kopf einer Axt ähnlich, und schlage mit einem Hammer drauf. Anfangs bin ich zu zaghaft, nach zwei, drei Versuchen habe ich den Dreh raus.


Schritt 3: Sicherheit ist beim Schmieden natürlich sehr wichtig. Aus einem Regal nehme ich mir robuste Handschuhe. Eine entsprechende Jacke gibt es gleich dazu. Nicht vergessen: Schutzbrille auf. Ich komme mir vor, wie im Chemieunterricht in der siebten Klasse.



Jetzt geht es los. Ehrengard Krenzer drückt mir ein längliches, recht dünnes Stück Eisen in die Hand. Sie deutet auf den Ofen. „Dann halten Sie das mal da rein“, sagt sie erwartungsvoll. Das tue ich mit einer Zange. „Das Eisen muss weiter in die Mitte des Feuers“, korrigiert Krenzer direkt. Als es beginnt zu glühen, hole ich es aus dem Feuer. Wir gehen rüber zum Amboss. Krenzer erklärt mir genau, was zu tun ist. „Den Hammer mittig fassen“, sagt sie und macht es mir vor. Ich mache es ihr nach. Schlag für Schlag fange ich an, das Eisen zu bearbeiten. „Hauen Sie doch mal fester drauf“, sagt die 65-Jährige zu mir 28-Jährigem. Jetzt komme ich mir tatsächlich unbeholfen vor. Das ist schon etwas anderes, als in eine Tastatur zu tippen, denke ich mir. Auch wenn ich das – laut Aussage meiner Kollegen – in der Regel sehr kräftig tue. Immer wieder gehe ich zwischendurch zum Feuer und wieder zurück zum Amboss. Stück für Stück nimmt mein Flaschenöffner Gestalt an. Nach ungefähr einer halben Stunde ist er fertig.

„Das haben Sie doch ganz gut gemacht“, sagt Krenzer und mustert das Endergebnis. Ich fühle mich geschmeichelt. Testweise öffne ich ein paar Softdrink-Flaschen mit meinem neuen Öffner. Er funktioniert tatsächlich. „Die Flaschen trinken Sie aber aus“, sagt Krenzer. „Natürlich“, entgegne ich. Ich bedanke und verabschiede mich. Erschöpft und mit ganz viel Kohlensäure im Bauch trete ich den Rückweg in die Redaktion an.

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