Gericht

Angeklager im Fall Nadia S.: Nachts holen ihn die Taten ein

Dem Angeklagten wird vorgeworfen am 9. März die 41-jährige Nadia S. in Gevelsberg erstochen zu haben. Hier mit Verteidiger Anwalt Dirk Löber.

Foto: Michael Kleinrensing

Dem Angeklagten wird vorgeworfen am 9. März die 41-jährige Nadia S. in Gevelsberg erstochen zu haben. Hier mit Verteidiger Anwalt Dirk Löber. Foto: Michael Kleinrensing

Gevelsberg.   Das Leben des mutmaßlichen Mörders der Gevelsberger Autorin Nadia S., Hardy J.-S., ist geprägt von Niederlagen.

Wenn Hardy J.-S. tief schläft und die Nacht um ihn herum ruhig ist, fängt er plötzlich an zu wimmern, zu rufen. Er schlägt um sich. „Dann holt ihn ein, was er getan hat“, vermutet die Mutter des Mannes, der sich aktuell vor dem Hagener Landgericht verantworten muss, weil er die Gevelsbergerin Nadia S. erstochen hat. Es ist die zweite Frau, die er getötet hat.

Sein Leben beginnt unspektakulär. Als jüngstes von drei Kindern kommt er am 4. Januar 1962 in saarländischen Saarlouis auf die Welt. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater gelernter Maurer, der als technischer Bediensteter im Landtag angestellt ist. Bald folgt aber der erste Schock für die Familie: Bei dem Kleinkind wird eine Entzündung der Herzinnenhaut festgestellt. Die Mutter umsorgt ihr Nesthäkchen nach Leibeskräften. „Meine Tochter wirft mir noch heute vor, dass ich ihn zu sehr verwöhnt habe“, sagte die 80-jährige im Zeugenstand. Obwohl bei ihm ein IQ von 143 festgestellt wird, lernt der junge Hardy Leistungsdruck nie kennen. Das Abitur schafft er nach zwei Ehrenrunden im Jahr 1984 mit Ach und Krach. Im Schachclub glänzt er jedoch da schon seit einigen Jahren mit hervorragenden Leistungen. „Ich habe damals sogar überlegt, Berufsschachspieler zu werden“, sagt er. Statt dessen studiert er kurz Literaturwissenschaften, bricht dies jedoch vorzeitig ab. Ein Sinnbild für seinen beruflichen Werdegang. Er ist Kellner, jobbt auf dem Bau, hält sich irgendwie über Wasser.

Tochter mit Down-Syndrom

Eine Zeit lang begleitet ihn seine Ex-Frau, die er 1985 kennenlernt und ein Jahr später heiratet. Im Jahr 1990 wollen die beiden ihr Leben neu ordnen. Hardy J.-S. will den Abschluss auf der Schule für Wirtschaftsinformatik machen. Dann wird seine Frau schwanger und bringt eine Tochter mit Down-Syndrom zur Welt. Die Mutter lehnt ihr Kind ab. Hardy J.-S. kümmert sich um die Kleine, bricht die Schule ab, fängt parallel laut eigener Aussage an zu trinken. Zwei Jahre später: Scheidung, das Kind bleibt beim Vater. Das Wohl seiner Tochter, der Schachclub, dessen Vorsitzender er mittlerweile ist, und zunehmend der Alkohol bestimmen sein Leben. Hardy J.-S. wird dick, es fällt ihm zunehmend schwerer, seinen Alltag zu regeln. Dann passiert ihm 2007 im Suff ein schwerer Fehler. „Ich habe meiner Tochter, die zusätzlich an Diabetes leidet, falsches Insulin gespritzt.“ Da habe er schlagartig aufgehört zu rauchen und zu trinken.

Etwa eineinhalb Jahre lang trieb Hardy J.-S. viel Sport, „und ich hatte vor, mich beruflich neu zu orientieren, habe mich wieder mit Computersprachen auseinander gesetzt“, erzählt er dem Gericht. Daraus wurde aber wieder nichts, denn im Internet traf er kurz nach Ostern 2009 auf Ulrike H., die ganz in seiner Nähe wohnte. Er verliebte sich. Sie wollte sich nicht von ihrem Mann trennen. Am 5. Oktober schlägt ihr Hardy J.-S. elfmal mit einem Kunststoffhammer derart hart auf den Kopf, dass der Stil bricht, würgt sein Opfer, schleppt es in die Badewanne, lässt Wasser einlaufen und hängt ihm ein Bügeleisen um den Hals, damit der Kopf unter Wasser bleibt.

„Davor hat er wieder heftig getrunken. Er hat mich ignoriert“, sagt die Mutter, mit der Hardy J.-S. nie über seine Taten gesprochen hat. Das Landgericht Saarbrücken verurteilt ihn zu neun Jahren wegen Totschlags.

Sohn war wie ferngesteuert

Im September 2015 kommt er jedoch nach einem positiven Gutachten wieder auf freien Fuß und zieht bei seiner Mutter ein, die sich um die behinderte Tochter während seiner Haft gekümmert hat. Sein ehemaliges Kinderzimmer macht er zum PC-Zimmer. Mutter, Sohn und Enkelin schlafen zu Dritt im ehemaligen Ehebett. „Die Ritze hatten wir ausgepolstert. Nachts hat er im Schlaf um sich geschlagen, so dass wir oft ins Wohnzimmer gegangen sind“, erinnert sich die Mutter.

Erst sieht alles gut aus. Hardy J.-S. kümmert sich sehr um seine Tochter, versorgt sie, geht mit ihr schwimmen, macht Radtouren. Er hilft seiner Mutter im Haushalt, hat kurzfristige Liebschaften. Dann lernt er Nadia S. kennen, telefoniert und schreibt rund um die Uhr mit ihr, trinkt aber auch wieder Bier, literweise Martini, ignoriert seine Mutter. „Der hatte nur noch Matsche im Hirn“, sagt diese vor Gericht. „Wie ferngesteuert“, betont sie immer und immer wieder. Wie sieben Jahre zuvor. Am Ende war auch damals eine Frau tot.

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