Schulden

Immer mehr Menschen sind trotz Arbeit arm

Häufig der letzte Ausweg aus der Falle: Die Schuldnerberatung versucht bei drohender oder vorliegender Überschuldung zu helfen.

Foto: Patrick Schlos

Häufig der letzte Ausweg aus der Falle: Die Schuldnerberatung versucht bei drohender oder vorliegender Überschuldung zu helfen. Foto: Patrick Schlos

Ennepe-Ruhr.   Vor allem junge Erwachsene überschulden sich im Ennepe-Ruhr-Kreis trotz eines festen Arbeitsplatzes zunehmen, wie die Schuldnerberatung mitteilt.

Viele Schuldner im Südkreis sind Arm trotz Arbeit – das ist ein Fazit, das die Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes im EN-Südkreis nach dem ersten sechs Monaten im Jahr 2017 zieht. Insgesamt 252 Menschen nehmen derzeit die durchschnittlich zwei Jahre dauernde Beratung an der Potthoffstraße in Schwelm wahr, 151 Neuanfragen hat die Einrichtung davon im ersten Halbjahr registriert.

Häufig psychische Probleme

Die Klienten kommen dabei aus unterschiedlichen Gründen in die Beratung: „Wir betreuen hier ehemalige Selbstständige, junge Erwachsene und viele Menschen im Leistungsbezug. Aber auch immer mehr Klienten, die einen Job haben und trotzdem in der Überschuldung landen“, sagt Brigitte Müller Schwietering, die als Schuldnerberaterin bei der Diakonie arbeitet. „Auch wenn die Beratungszahlen seit dem Jahr 2010 gleichbleibend waren, die Anzahl dieser Leute nimmt Jahren zu.“

Anders, als häufig in der öffentlichen Wahrnehmung verbreitet, läge das aber nicht am übermäßigen Konsum von Luxusgütern, auch wenn es solche Fälle durchaus gebe. Bei vielen reiche einfach das Verfügbare Einkommen nicht mehr aus, um den Alltag zu bestreiten. „Teilweise sind es bereits grundlegende Dinge, für die diese Menschen eine Finanzierung aufnehmen müssen. Von ihrem Einkommen können sie nichts zurücklegen. Dann geht aber die Waschmaschine kaputt, dann noch der Herd, und schon fangen die Probleme an“, sagt Müller Schwietering. Für viele Menschen bliebe dann irgendwann nur noch eine Privatinsolvenz als Ausweg. Aktuell laufen 142 solcher Verfahren im Kreis, von denen 73 in diesem Jahr neu eröffnet wurden.

Ein weiterer Trend: Die Schuldnerberatung sei deutlich komplizierter geworden: „Häufig gehen mit den Schulden weitere Probleme einher. Etwa psychische Erkrankungen oder Schicksalsschläge“, sagt Müller Schwietering. Die Beratungsstelle sei in diesen Fällen darum bemüht, auch Kontakt zu anderen Hilfs- und Beratungsstellen aufzubauen.

Junge Erwachsene oft überschuldet

Auffällig sei ein weiterer Schwerpunkt: Junge Erwachsene würden sich zunehmend überschulden. Diese würden die Folgekosten von abgeschlossen Finanzierungen oder Verträgen außer Acht lassen und irgendwann regelrecht bei den Gläubigern vor die Wand laufen. „Mangelndes Wissen ist ein großes Problem. Irgendwann wird der Handyvertrag nicht mehr weiterbezahlt, der Anspruch des Anbieters bleibt aber natürlich trotzdem bestehen.“

Die Telefonfirmen würden ihre Forderungen nach einer gewissen Zeit häufig einfach an Inkassofirmen weiterverkaufen, die neben der Restschuld dann auch noch hohe Aufschläge einfordern. „So werden aus wenigen hundert Euro schnell mehrere tausend.“ Als Ursache sehen die Berater, dass viele Jugendliche von ihren Elternhäusern nicht mehr ausreichend im Umgang mit Geld vorbereitet werden. „Hier muss es künftig Angebote geben, etwa an Schulen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.“

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