Jugendamt

Kindeswohl in der Stadt Ennepetal engmaschig im Blick

Foto: Patrick Pleul/dpa

Ennepetal.   Die Zahl der Meldungen hinsichtlich einer möglichen Kindeswohlgefährdung haben in Ennepetal zuletzt zugenommen. Die gründe sind vielschichtig.

Der Umgang mit dem Thema Kindeswohlgefährdung stellt für die Jugendämter die wohl anspruchsvollste Aufgabe dar. Bei der Stadt Ennepetal sehen sich die Verantwortlichen gerüstet für die damit verbundenen Herausforderungen. „Ich würde nie sagen, in Ennepetal kann nichts passieren“, erklärt Jugendamtsleiterin Dagmar Ante. Doch mit einem klar strukturierten Prozessablauf, der in Gang gesetzt wird, wenn eine Meldung eingeht, gehe man jedem Fall nach, so die erfahrene Sozialpädagogin. Hinzu komme, dass die Personalsituation recht gut und „das Netz der Unterstützung“ durch enge Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem Kinderschutzbund, der Tafel, dem Jobcenter und den Beratungsstellen vergleichsweise engmaschig sei.

Quellen der Meldungen

„Wir nehmen jede Meldung sehr ernst“, betont Dagmar Ante. Grundsätzlich solle man lieber einmal zu viel als zu wenig das Jugendamt bei einem Verdacht verständigen, meint sie. In vielen Fällen kämen die Meldungen aus dem privaten Umfeld wie Nachbarn, Vermietern oder anderen Bürgern, die sich Sorgen um ein Kind machen, das beispielsweise das Haus nicht verlässt oder immer zur selben Zeit sehr laut schreit. Durch Schule oder Kita, pädadogische Fachkräfte oder aus dem Gesundheitssystem heraus kommen ebenfalls Meldungen. Bei Kindern unter drei Jahren, die oft nicht institutionell eingebunden sind, sprich: keine Kita oder andere Gruppen besuchen, gehen laut Jugendamtsbericht für 2017 und 2018 insgesamt die meisten Meldungen ein und dies hauptsächlich durch die Polizei – meist bei Einsätzen wegen häuslicher Gewalt – oder durch Nachbarn bzw. Familienangehörige. Auch anonyme Meldungen verzeichnet die Statistik. Die Zahl sei aber rückläufig.

Ablauf der Bearbeitung

Ist ein Fall dem Jugendamt gemeldet, wird er im acht Mitarbeiter zählenden Team besprochen, das übrigens einen ständigen Bereitschaftsdienst hat. „Ein Kollege entscheidet nie allein, was zu tun ist“, betont Dagmar Ante. Es werde überlegt, wie zu reagieren ist. Manchmal ist sofortiges Handeln erforderlich, in anderen Fällen wird beispielsweise ein Gesprächstermin mit den Erziehungsberechtigten vereinbart oder es werden Gespräche mit kooperierenden Fachstellen wie z. B. Schulsozialarbeitern geführt. Auch Umfeldrecherchen finden je nach Fall statt. Hausbesuche – angekündigt oder unangekündigt – absolvieren die Mitarbeiter zu zweit. Alle Schritte werden dokumentiert. Und jeder Fall habe einen Anfang und ein Ende, so Dagmar Ante.

Mögliche Maßnahmen

Erhärtet oder bestätigt sich ein Verdacht, gibt es eine Bandbreite möglicher Maßnahmen. Dazu zählt die ambulante Unterstützung, etwa durch die sozialpädagogische Familienhilfe, Beratungsstellen oder Schulsozialarbeit, und die Betreuung in Mutter-/Vater-Kind-Einrichtungen. Sehr selten gibt es Inobhutnahmen (107 gab es keinen Fall, 2018 waren es sechs Kinder). Bei Inobhutnahmen gegen den Willen der Erziehungsberechtigten muss innerhalb von 24 Stunden eine gerichtliche Klärung erfolgen.

Die Ziele

„Beratung ist die erste Option“, betont Dagmar Ante. Diese könne je nach Sachlage beispielsweise bei Erziehungs- oder Drogenberatungsstellen erfolgen. Eine Fremdunterbringung sei immer die letzte Möglichkeit. Man versuche, die Probleme im Zusammenwirken mit den Sorgeberechtigten zu lösen. Die Kinder bzw. Jugendlichen würden ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechend einbezogen, heißt es im Jugendamtsbericht. „Vorrangiges Ziel ist, die Situation der Kinder zu verbessern.“

Zahlen zuletzt angestiegen

In der jüngsten Sitzung des Jugendhilfeausschusses hatte Dagmar Ante die „Evaluation von Meldungen mit Anhaltspunkten zur Kindeswohlgefährdung“ für die Jahre 2017 und 2018 vorgelegt. Die Zahlen beinhalten die Fälle in der Stadt Breckerfeld, für die Ennepetal die Jugendamtsaufgaben mit übernimmt. Demnach gingen im vergangenen Meldungen zu 178 Kindern ein, nach zuvor 156. Im laufenden Jahr sind es bis jetzt 74 Kinder, was hochgerechnet einen Anstieg auf etwas über 200 Kinder bedeuten würde.

Die Zahl sei nicht kalkulierbar, sagt Ante. „Manchmal haben wir an einem Tag drei Meldungen, dann 14 Tage keine.“ Einen wesentlichen Faktor für die steigenden Zahlen – bis 2015 waren es relativ konstant etwa 100 Kinder – sieht sie nicht zuletzt darin, dass es niederschwellige Angebote zur Entlastung von Eltern gebe.

Aufmerksamkeitsgrad höher

„Grundsätzlich ist auch der Aufmerksamkeitsgrad höher“, meint Ante. Zugleich sieht sie, dass Lebensverhältnisse schwieriger würden und es mehr psychische und Sucht-Erkrankungen bei Eltern gebe. Auch Probleme in der Schule träten häufiger auf. Schulabsentismus komme verstärkt in der Altersgruppe der 11- bis 14-Jährigen vor. „Vor zehn Jahren haben wir noch nicht davon gesprochen“, so Ante.

Bei etwa der Hälfte der Meldungen seien keine Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung festgestellt worden, heißt es im Bericht. Das heiße aber nicht, dass das Jugendamt nicht in einen Beratungsprozess gehe. In einzelnen Fällen stelle sich aber auch heraus, dass jemand beispielsweise im Zusammenhang mit Nachbarschaftsstreitigkeiten ungerechtfertigt denunziert worden sei, erklärt die Jugendamtsleiterin. Dann erhalte der Betroffene die Meldung, dass er rehabilitiert ist.

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