Offener Brief

Flüchtlinge klagen über Sammelunterkunft in Schwelm

Die Sammelunterkunft wurde 2016 eröffnet und ist für die Unterbringung von Flüchtlingen und Wohnungslosen gedacht.Bis zu 120 Personen können dort untergebracht werden. Aktuell leben dort 28 Personen.

Die Sammelunterkunft wurde 2016 eröffnet und ist für die Unterbringung von Flüchtlingen und Wohnungslosen gedacht.Bis zu 120 Personen können dort untergebracht werden. Aktuell leben dort 28 Personen.

Foto: Andreas Gruber

Schwelm.   Ein Offener Brief im Namen von Bewohnern der Sammelunterkunft in Schwelm sorgt für Wirbel. Unhaltbare Zustände werden darin beklagt.

Ein Offener Brief von Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft an der Kaiserstraße 69 in Schwelm macht seit Tagen die Runde und sorgt für erheblichen Wirbel. Darin ist die Rede von krankmachenden Zuständen in der Einrichtung, von Schikanen, bis hin zu Verstößen gegen das Briefgeheimnis. Es ist harter Tobak und bei ihren Schilderungen nehmen es die Verfasser des Schreibens mit der Wahrheit offenbar nicht so genau. Bei der Stadt Schwelm ist man über das Schriftstück in hohem Maße verärgert.

Per Mail verschickt wurde das mehrseitige Schreiben am späten Montagabend durch die Organisation „Karawane – Für die Rechte der Flüchtlinge und Migrantinnen“ mit Sitz in Wuppertal. Der Brief ging an die Stadtverwaltung und in Kopie an den Flüchtlingsrat NRW und auch an unsere Redaktion. In den Sozialen Netzwerken machte der Offene Brief innerhalb kürzester Zeit seine Runde, der Flüchtlingsrat NRW veröffentlichte das Schreiben am Dienstag auf seiner Homepage.

Wie Gefangene fühlen

„Wir wenden uns mit diesem offenen Brief an Sie, weil wir uns nicht nur wie Gefangene fühlen, sondern auch mit jedem Tag schwerer tun, in der Unterkunft weiter zu leben“, heißt es zu Beginn des Schreibens. Privatsphäre sei praktisch nicht gegeben, die Einrichtung mache körperlich und seelisch krank. Was folgt sind Schilderungen, Behauptungen und Vorwürfe, die nicht nur ein Bild von schlimmen Zuständen in der Einrichtung zeichnen, sondern zum Teil auch strafrechtliche Relevanz hätten – wenn die Vorwürfe denn stimmen.

Genau das bestreitet die Stadt. Und zwar vehement, wie Beigeordneter Ralf Schweinsberg und die zuständige Fachbereichsleiterin Hildegard Peters betonen. Post der Bewohner werde selbstverständlich nicht geöffnet, wie es in dem Brief steht, sondern ungeöffnet ausgehändigt oder – falls unzustellbar – beim Sozialamt abgegeben.

Übertreibungen und falsche Tatsachen

Falsch sei auch, dass in den Schlafräumen keine elektrischen Geräte benutzt werden dürften, wie es in dem Schreiben heißt. In jedem Zimmer gebe es eine Steckdose und USB-Anschlüsse zum Aufladen von Handys, erklärte die zuständige Fachbereichsleiterin Hildegard Peters. Richtig sei aber, dass es aus Sicherheitsgründen nicht gestattet werde, Verlängerungskabel und mehrere Steckdosenleisten an die Zimmersteckdose anzuschließen.

Vieles in dem Schreiben ist Auslegungssache und eine Frage der Wahrnehmung. Vieles wirkt übertrieben, manches falsch. Die Verfasser bezeichnen sich zu „unmündigen Menschen degradiert“, weil sie den Schlüssel für die Waschmaschine oder die Fernbedienung für den Fernseher beim Sicherheitspersonal abholen müssen oder weil sie keinen eigenen Schlüssel für die Außentür haben. Sie bezeichnen sich als kriminalisiert, weil es Anwesenheitskontrollen gibt, und sie fühlen sich schikaniert.

Flüchtlinge möchten ernst genommen werden

„Wir bitten Sie, unsere Sorgen ernst zu nehmen und uns einfach, wie alle Nachbargemeinden, die Möglichkeit zu geben, damit wir Wohnungen anmieten können. Wir bitten Sie, dass die Kontrollen beendet werden, damit wir uns wie vollwertige Menschen fühlen können. Wir haben bewusst diesen Weg gewählt, weil unsere Sorgen im Sozialamt aus unserer Sicht nicht ernst genommen werden und Gespräche mit uns nicht ernsthaft geführt werden“, endet der Brief.

„Wir sagen nicht, dass in der Unterkunft alles wunderbar ist“, erklärte Beigeordneter Ralf Schweinsberg. Die gemeinschaftliche Unterbringung erfordere Spielregeln und schaffe Bedingungen, unter denen niemand gerne lange wohnen möchte. Das Schreiben zeichne aber ein Bild, das den Eindruck vermittele, als seien es unhaltbare Zustände und als würden sich die Stadt und auch die Helferinitiativen nicht um die Einrichtung kümmern. Ihn ärgere, dass durch den Brief die ganze gute Flüchtlingsarbeit in Schwelm in Misskredit gerät.

Die Stadt ist verärgert

Der Ärger der Stadt richtet sich insbesondere gegen die Organisation Karawane. Sie hat das Schreiben im Namen der Bewohner aufgesetzt und öffentlich gemacht. „Wir haben seit Oktober Kontakt zu Bewohnern und unsere Mitarbeiter haben das, was sie uns erzählt haben, in die deutsche Sprache übersetzt“, erklärte Araz Ardehali von der Organisation.

Verärgert ist man im Rathaus vor allem deshalb, weil die Wuppertaler Organisation vor Veröffentlichung nicht mit der Stadt sprach. „Wir finden es doch gut, wenn sich jemand für die Flüchtlinge einsetzt“, sagte Ralf Schweinsberg. So erhärtet sich aber der Verdacht, dass es der Organisation mehr um den Wirbel und Aufschrei als um die Sache geht. Was dazu passt: Auf der Karawane-Homepage wird der Offene Brief mit einer „unerträglichen Situation im Isolationslager Kaiserstraße“ betitelt.

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