Kaltluft-Analyse

Klimatologin warnt vor neuen Gewerbeflächen in Schwelm

Die Fläche, die für Industrie und Gewerbe ausgewiesen werden soll, liegt in der Talmulde nördlich von Berghausen und hat eine besondere Kaltluft-Funktion. Eine Ansiedlung dort

Die Fläche, die für Industrie und Gewerbe ausgewiesen werden soll, liegt in der Talmulde nördlich von Berghausen und hat eine besondere Kaltluft-Funktion. Eine Ansiedlung dort

Foto: Gruber

Schwelm/Gevelsberg.   Dr. Monika Steinrücke hat eine Kaltluft-Analyse für den Schwelmer Norden erstellt. Danach hat eine Gewerbeansiedlung dort erhebliche Folgen.

Welche klimatischen Auswirkungen hat es für die Stadt und für die Menschen, wenn Teile des Regionalen Grünzugs im Schwelmer Norden für ein Gewerbegebiet geopfert werden? Eine erste konkrete Antwort liefert jetzt die Wissenschaftlerin und Klimatologin Dr. Monika Steinrücke. Sie fertigt für besagten Bereich gerade eine Kaltluftanalyse an. Das Gutachten ist noch nicht fertig, doch was sie schon sagen kann, klingt beunruhigend.

Darum geht es

Die Klimatologin aus Schwelm hat mit ihrem Team die Kaltluft-Situation in und um Schwelm unter die Lupe genommen. Kaltluft entsteht, wenn nach Sonnenuntergang der Boden abkühlt. Und weil kalte Luft schwerer ist als warme, sorgt es vor allem in Gebieten mit Hanglage für thermische Bewegung (Hangwinde). Die Folge sind kühlere Temperaturen in Bodennähe, insbesondere in den Tallagen, sowie eine nächtliche Belüftung der umliegenden Siedlungsgebiete. Dr. Monika Steinrücke: „Der Temperaturunterschied zwischen einer Kaltluftzone und einem dicht bebauten Siedlungsgebiet liegt im Sommer meistens zwischen 4 und 6 Grad Celsius“. Manchmal seien es bis zu 10 Grad.

So ist die Lage aktuell

In Schwelm gibt es laut Studie nur wenige Zonen, wo sich Kaltluft sammelt. Das ist neben dem tief eingeschnittenen Tal der Wupper im Süden und dem Tal der Schwelme quer durch die Innenstadt nur noch der Freilandbereich in Berghausen, der sich in weiten Teilen mit dem Regionalen Grünzug deckt. Was den Schwelmer Norden betrifft, sprechen Dr. Monika Steinrücke und ihr Team von „sehr intensiven Kaltluftströmungen“ in Berghausen und in Linderhausen.

Die Fachleute haben anhand einer Modell-Simulation durchgerechnet und kommen zu folgendem Ergebnis: In der Talmulde nördlich von Berghausen, also dort, wo sich Regionalverband und Stadt eine 103 Hektar große Gewerbefläche vorstellen können, hat die Kaltluftschicht ab Boden eine Mächtigkeit von mindestens zwei Metern. Erst darüber wird die Luft wärmer.

Das droht bei einer Bebauung

„Wir haben durchgerechnet, wie es ist, wenn 50 Prozent der möglichen Fläche bebaut würden“, erklärte Dr. Monika Steinrücke. Die Studie kommt zu dem Ergebnis: „Bei einer Bebauung der vorgesehenen neuen Industrie- und Gewerbeflächen würde ein großer Teil des Kaltluftsystems der Nordhälfte des Stadtgebietes von Schwelm zusammenbrechen mit weitreichenden Folgen bis in die Innenstädte von Wuppertal und Gevelsberg hinein“.

Das liegt daran, dass die Freilandfläche im Schwelmer Norden höher als der Wuppertaler Osten liegt. Ist der Bereich oben zugebaut, entsteht dort keine Kaltluft mehr, die über den Regionalen Grünzug nach unten, in die Wuppertaler Siedlungsgebiete abfließen kann. Das gleiche gilt für Gevelsberg, wenn der östliche Bereich der angedachten Gewerbeflächen, der sich rund um den Kreuzungsbereich Gevelsberger Straße/Hattinger Straße befindet, zugebaut würde.

Dies könnten dann auch die Hangwinde von den umliegenden Hängen nicht mehr ausgleichen, weil sich die herunterströmende Kaltluft in der zugebauten Talsenke mit der wärmeren Luft dort vermischt. Der Abkühlungseffekt wäre verpufft.

Die Studie befasst sich auch mit dem Bereich Gangelshausen, also mit der 37 Hektar großen Fläche, die die Stadt als Ergänzung zu der vom RVR im Regionalplan-Entwurf eingezeichneten potenziellen Gewerbefläche haben will. Dazu heißt es in der Studie: „Die nördliche Potenzialfläche weist eine ähnliche Bedeutung bezüglich der Versorgung (...) mit Kaltluft nicht auf“

Das sind die Folgen

„Eine Reduzierung des Kaltluftzuflusses im Bereich Linderhausen hat weitreichende Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Gesundheit der Menschen in den sich anschließenden Stadtteilen“, heißt es in der Studie. Dr. Monika Steinrücke führte dazu aus: „Die Menschen merken es, wenn es im Sommer nachts nicht mehr so abkühlt.“ Temperaturen unter 20 Grad sollten die Regel sein. Temperaturen darüber würden auf Dauer und abhängig vom körperlichen Zustand schon als gesundheitsschädlich gelten.

So geht’s weiter

Die Studie soll bis Mitte nächster Woche fertig sein und wird dann dem Regionalverband im Rahmen der öffentlichen Beteiligung zugestellt. Bis einschließlich 28. Februar besteht noch die Möglichkeit zu einer Stellungnahme. Der Bürgerverein Linderhausen ruft dazu auf, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

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