Lokalradio

Letzter Rettungsversuch für Radio Ennepe-Ruhr

Andreas Wiese, letzter Chefredakteur von Radio Ennepe-Ruhr, erhielt mit seiner gesamten Mannschaft die Kündigung.

Andreas Wiese, letzter Chefredakteur von Radio Ennepe-Ruhr, erhielt mit seiner gesamten Mannschaft die Kündigung.

Foto: Thomas Nitsche / FUNKE Foto Services

Schwelm/Gevelsberg/Ennepetal/EN-Kreis.  Die Redaktion ist entlassen, das Programm wird aus Oberhausen gesendet. Doch noch besteht Hoffnung, dass Radio Ennepe-Ruhr zurückkommt.

Die Kündigungen sind ausgestellt, die letzte Sendung ist gelaufen, das Studio in Hagen wird abgebaut. Radio Ennepe-Ruhr verliert nach einem harten Kampf seine Eigenständigkeit. Ab sofort wird es lokale Inhalte zwar noch geben, aber nicht mehr mit einer eigenen Redaktion, mit eigenen Reportern. Doch kurz vor dem 30. Geburtstag des Senders für die neun Städte des Ennepe-Ruhr-Kreises ist noch nicht alle Hoffnung erloschen, dass dies nur für einen kurzen Zeitraum Bestand hat und sich ein neuer Betreiber finden wird.

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Anfang März hatte diese Zeitung darüber berichtet, dass die Fusion zwischen dem defizitären EN-Sender und Radio Hagen, die sogar im selben Gebäude untergebracht sind, zerschlagen hat. Zudem hatte der Betreiber den Vertrag gekündigt, weil sich der Sender wirtschaftlich nicht mehr rechne. Peter Dziadek, 1. Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft, und Chefredakteur Andreas Wiese waren da noch ausgesprochen optimistisch, dass sich schnell ein Nachfolger finden werde, schließlich seien die Frequenzen auf dem nordrheinwestfälischen Radiomarkt begehrt. Nur wenige Tage später sorgte die Corona-Pandemie für den ersten Lockdown und bescherte auch den Zukunftsplänen des Senders erhebliche Dellen. Interessenten sprangen ab, der nahtlose Übergang war nicht mehr zu realisieren. Die sechs Monate, in der die Veranstaltergemeinschaft eine neue Betreibergesellschaft finden wollten, verstrichen ohne entsprechende Unterschriften.

Andreas Wiese moderiert aus Oberhausen

Am Ende erhielten sieben fest angestellte Mitarbeiter die Kündigung. Fünf Freie Mitarbeiter, die aus dem Sendegebiet lokale Inhalte generierten, müssen auf ihre Aufträge zudem verzichten. "Einige von ihnen haben bereits etwas Neues gefunden oder sind für mehrere Arbeitgeber tätig, konnten anderweitig entsprechend mehr Einsätze generieren", sagt Chefredakteur Andreas Wiese im Gespräch mit dieser Zeitung. Klar sei aber auch, dass es Kolleginnen und Kollegen gebe, die keinen neuen Arbeitsplatz gefunden haben. Wiese selbst hingegen wird die Stimme des heimischen Lokalfunks bleiben. Er ist zwar nicht mehr Chefredakteur wird aber bei der Radio NRW GmbH als Moderator tätig sein, die das Rahmenprogramm für alle NRW-Radios anbietet, und auf den bekannten Frequenzen eine tägliche Frühsendung mit lokalen Inhalten aus Schwelm, Gevelsberg, Ennepetal, Wetter, Breckerfeld, Sprockhövel, Herdecke und Witten moderieren. "Natürlich lässt sich die Präsenz vor Ort - unabhängig vom Pandemie-Geschehen - so nicht herstellen", sagt der scheidende Chefredakteur auf Nachfrage dieser Zeitung.

Bedeutet das also nach knapp 30 Jahren das Aus für Radio Ennepe-Ruhr, das am 31. August 1991 als Radio EN aus Gevelsberg das erste Mal auf Sendung ging und in diesem extrem heterogenen Kreis mit seinen neun Städten zu einem Identitätsstifter wurde? Auch wenn Peter Dziadek telefonisch leider nicht erreichbar war und der Rückrufbitte der Redaktion bis Redaktionsschluss nicht nachkam, hat diese aus gut unterrichteten Quellen erfahren, dass der Plan der Veranstaltergemeinschaft lautet, einen neuen Betreiber zu finden. Das Ziel für den Sendebetrieb aus Oberhausen lautet: Für den Hörer soll sich so wenig wie möglich ändern, bis eine neue Betreibergesellschaft - am liebsten aus mehreren Betreibern zusammengesetzt - gefunden ist.

Schwieriges Sendegebiet im Ennepe-Ruhr-Kreis

Wie einfach oder schwierig dies wird, machen Szenekenner auch von der Pandemie-Entwicklung abhängig, denn natürlich muss ein wirtschaftlicher Betrieb des Senders gewährleistet sein. Nicht zuletzt wegen des ausgesprochen heterogenen Ennepe-Ruhr-Kreises, in dem kein echtes Wir-Gefühl unter dem EN-Banner existiert, ist es ungleich schwerer als in einer gleichgroßen Großstadt, lokale Themen zu generieren, die alle Menschen gleichermaßen interessieren, was sich in immer weiter sinkenden Quoten der vergangenen Jahre bemerkbar gemacht hat.

Mindestens genauso wichtig sind allerdings die Werbekunden. Auch wenn dort ähnliche Probleme vorliegen wie im redaktionellen Bereich, so beziffern Insider das Vermarktungspotenzial der Region doch als so hoch, dass sich erheblich mehr Werbeeinnahmen generieren ließen, als dies zuletzt der Fall gewesen ist. Allerdings: Viele der Werbekunden sind von der Corona-Pandemie finanziell arg betroffen, Einzelhändler und Restaurants beispielsweise haben ihr Weihnachtsgeschäft verloren.

Trotz dieser herausfordernden Rahmenbedingungen drängt die Zeit. Denn: Allerspätestens Ende das Jahres muss eine Lösung gefunden sein oder die Frequenzen für Radio Ennepe-Ruhr - 91,5 MHz für Hattingen und Sprockhövel
92,7 MHz für Wetter und Herdecke, 104,2 MHz für Witten sowie 105,7 MHz für Ennepetal, Gevelsberg, Schwelm, Breckerfeld und Sprockhövel - werden neu vergeben. Das könnte dann tatsächlich das letzte Kapitel für den lokalen Radiosender sein.

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