Projekt

Licht am Ende des Schwelmer Tunnels

Kaum mehr wiederzuerkennen: Bäume und Gestrüpp sind beiseite geräumt, die beim Eigentumsübergang noch vorhandenen Schienen bereits aus dem Gleisbett genommen und verkauft worden.

Kaum mehr wiederzuerkennen: Bäume und Gestrüpp sind beiseite geräumt, die beim Eigentumsübergang noch vorhandenen Schienen bereits aus dem Gleisbett genommen und verkauft worden.

Foto: Bernd Richter

Schwelm.   Höhlenforscher Stefan Voigt erwarb vor drei Monaten den ehemaligen Eisenbahntunnel. Seitdem hat sich viel im und am Bauwerk getan.

Es ist ein Klassiker der deutschen Werbegeschichte, erstellt für die Sparkassenorganisation, der Fernseh-Spot: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“. Über diese Aufzählung kann Stefan Voigt nur müde lächeln. Für den Ennepetaler Naturschützer gibt es nichts Schöneres als Höhlen. Rund 30 bis 40 besitzt er schon. Nun hat sich der 56-Jährige auch noch einen stillgelegten Eisenbahntunnel zugelegt: den 742 Meter messenden Schwelmer Tunnel zwischen Linderhausen und Schwelm. Gut 80.000 Euro hat der Inhaber eines GaLa-Bau-Betriebs seit dem Erwerb in den vergangenen drei Monaten bisher in das Projekt gesteckt, das einmal Kernstück des „Radwegs unter dem Karst/von Ruhr zur Wupper“ sein wird. Im Ausschuss für Umwelt und Stadtentwicklung (AUS) wird die Verwaltung am heutigen 14. Mai über den Stand der Planungen Bericht erstatten.

1000 Stunden Arbeitsleistung investiert

„Wir haben spät geheiratet, im Jahr 2002. Mich gab’s nur mit den Höhlen“, lacht Stefan Voigt, als ihn unsere Zeitung fragt, was seine Frau zum Kauf des alten Eisenbahntunnels gesagt habe. Denn als Höhlenkundler hat sich der Unternehmer, der in Ennepetal einen Landschafts- und Gartenbau-Betrieb betreibt und für sein Engagement im Arbeitskreis Kluterthöhle jüngst mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, einen Namen auch in der Fachwelt gemacht.

Seit dem Kauf des Tunnels hat der 56-Jährige geschätzt 1000 Stunden an Arbeitsleistung investiert. „Es hat sich schon einiges getan, weniger mit dem Radweg, mehr im Bereich Natur- und Artenschutz“, sagt Voigt und führt uns zum Tunneleingang. Der ist nicht mehr wiederzuerkennen.

Die in den vergangenen Jahren gewachsenen Bäume und das Gestrüpp sind beiseite geräumt, die beim Eigentumsübergang vorhandenen Schienen aus dem Gleisbett genommen und verkauft worden. „Alles, was an Bewuchs nicht heimisch war, haben wir herausgerissen“, sagt Voigt und erzählt von den 2000 neu gepflanzten Bäumen und Sträuchern auf seinen frisch erworbenen fünf Hektar Land.

Bauwerk aus dem Jahr 1879

Der gelernte Gärtner, der ursprünglich einmal Förster werden wollte, hat das Bauwerk aus dem Jahr 1879 mit seinem Unternehmen nicht als Fahrradweg gekauft, sondern aus geologischen Beweggründen heraus. Hier soll einmal der „Geo-Park-Ruhrgebiet“, ein geologischer Lehrpfad für Jedermann, entstehen. Beim Bau des Tunnels wurden damals die für diese Gegend prägenden Gesteinsformationen freigelegt. Für jeden Geologen sind die Einschnitte in den Berg zu lesen wie ein offenes Buch über die Erdgeschichte. „Für mich ist das wie ein Sechser im Lotto“, freut sich Stefan Voigt über sein Meisterstück, den Tunnel-Erwerb. Der wurde von der Deutschen Bahn zuerst der Stadt Schwelm angeboten. Die hat aber abgewunken. „Das ist für mich ein geologischer Traum."

Beim Tunnelbau haben die Arbeiter im 19. Jahrhundert den 365 Millionen Jahre alten Schwelmer Massenkalk, so ist er auch unter den Fachleuten bekannt, sauber eingeschnitten. Ohne sich mühsam durch enge Höhlen in das Innere der Erde quälen zu müssen, kann so jedermann bei Tageslicht in die Erdgeschichte und die geologische Struktur des Gesteins eintauchen. Zwei Forschungsprojekte mit Professoren und Studenten der Fachbereich Geologie und Klimatologie der Uni Bochum sind auch schon eingestielt. „Mir ging es beim Kauf des Tunnels in erster Linie darum, diese Fläche für den Naturschutz zu erhalten“, sagt Voigt und zeigt stolz auf die freigelegte Doline im südlichen Eingangsbereich der Röhre, die Eisenerzknollen, wie sie auch in den Roten Bergen in Schwelm anzutreffen sind, und auf die versteinerten Reste des mit Muscheln bewachsenen einstigen Riffs.

86.000 Euro Fördergelder

Stefan Voigt hat es auch verstanden, die Fachleute an den Fördertöpfen für sein Projekt zu begeistern. Bisher hat der neue Tunnelbesitzer öffentliche Gelder in Höhe von 86.000 Euro erhalten, um seinen Traum vom Geo-Park zu verwirklichen. Das Geld stammt aus dem „Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER)“. Gefördert wird die Investition in den Naturschutz im Rahmen des „NRW-Programms Ländlicher Raum 2014-2020“, ist auf einem Schild zu lesen, das an der Brücke hängt, die über der ehemaligen Eisenbahnlinie nahe der Knochenmühle hängt.

So ganz auf Höhlen verzichten muss der Höhlen-Fachmann bei seinem neuesten Projekt aber auch nicht. Als junger Mensch hat er bereits ab 1986 den alten Eisenbahntunnel, damals noch unerlaubterweise, erforscht und dort die ersten Höhlen entdeckt. Heute weiß er, dass es dort insgesamt neun mehr oder weniger große natürliche Hohlräume gibt: zwei im Tunnelinneren, zwei im nördlichen Ausgangsbereich und fünf am südlichen Tunnelende (der Tunnel endet vor dem Gelände von Schrott Eckhardt).

Hier finden Sie mehr Nachrichten aus Ihrer Stadt

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben