Männer fürs Weltgeschäft, Frauen fürs Haus

Schwelm.  Schon im vierten Jahr schlägt die Reihe „Altes neu entdeckt“ im Schloss Martfeld die Gäste in ihren Bann. Jeweils unter Bezug auf ein Werk der Historischen Bibliothek wird stets ein gesellschaftliches Thema aus früherer und aus moderner Sicht beleuchtet.

Die gut besuchten letzten beiden Veranstaltungen befassten sich mit bürgerlichen Geschlechterbildern des 18. und 19. Jahrhunderts. So erläuterte Jörn Peter Schröder, der 2. Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde, zunächst den „Charakter des Mannes“. Seine Ausführungen hinterfragte Heike Rudolph, die wiederum über die „Tugend der Frau“ referierte.

Der Blick auf den Mann

Zunächst der Blick auf den Mann. Bezugspunkt für den Referenten war das Buch „Der Charakter und die Bestimmung des Mannes“ des in Elberfeld geborenen Autors Friedrich Ehrenberg. Sein Werk erschien im Jahr 1822 und zeigt das damalige bürgerliche Männerbild auf der Höhe seiner Zeit: Ehrenberg wendet sich an die „geschätzten Jünglinge“, die dem Ideal echter Männlichkeit entgegenstreben sollen - sein Werk ist also auch Erziehungsratgeber.

Nach Ehrenberg sind nur den Männern „Geschäfte von großer Wichtigkeit“ aufgetragen; als „kostbare Preise“ winken Titel wie „Vertreter und Beschützer des Vaterlandes, Beförderer seines Ruhms, Verherrlichung von Wissenschaft, Kunst, Glaube und Tugend“.

Zudem ist der echte Mann „Helfer für die vielfältige Not und Verbesserer des Zustands der Menschheit, Zeuge des Rechts und der Wahrheit wider die Unterdrücker und Rächer aller ihrer Misshandlungen“. Jörn Peter Schröder: „Für den Autor braucht es dazu ,kräftige Männer, die ehrenhaft handeln, in männlicher Entbehrung und Anstrengung‘. Echte Weiblichkeit hingegen dient der Besänftigung des oft rauen Sinnes des Mannes“.

Nach diesem Bild geformte Männer lassen sich von der „Weichlichkeit des Zeitalters, Vorurteilen, Irrtümern und mächtigen Leidenschaften“ nicht beirren. Wer Mann sein will, unterwirft sich Pflicht, Tugend und Sittlichkeit. Zu den hervorstechendsten Charaktereigenschaften gehören Entschlossenheit, Festigkeit, Treue zu sich selbst, Entscheidungskraft, Courage und Kampfesmut. Beherrscht der Mann „das Öffentliche und Allgemeine, das Umfassende und Große“, so werden der Frau „Häuslichkeit und das Beschränktere, Kleinere“ zugeschrieben, das aber „ nicht minder wichtig und ehrenwert sei“. Handelt der Mann mit Kraft und Mut, und ist zuständig für alles, „was durch den tiefsehenden vielumfassenden Verstand und entschlossenen Willen entschieden wird“, so zeichnet sich die ideale Frau durch Innigkeit und Geduld, stillen Fleiß, Gemüt und Klugheit, Empfänglichkeit und Leiden aus.

Der Blick auf die Frau

Für ihre Ausführungen über die Tugend der Frau hatte Heike Rudolph „Die vier Stufen des weiblichen Alters“ von 1757 ausgewählt. Julius Friedrich Wilhelm Zachariäs Werk ist zeittypisch ein Gedicht in vier Gesängen, das das Bild des Mädchens, der Jungfrau, der Frau und der Matrone zeichnet. Seine Idealfrau gehört dem gehobenen Bürgertum an, er bettet sie in ein konventionelles Familienidyll mit Hause und Gesinde auf dem Lande ein.

Schon dem Mädchen wird der wichtigste Vorzug (Schönheit) zugesprochen; ihm werden früh die notwendigen Tugenden anerzogen - ein weiches Gemüt, Gehorsam gegen den Vater, liebreizender Gesang, Gottesfurcht und Ordnungsliebe. Die Jungfrau hat keusch zu sein, die verheiratete Frau häuslich, reinlich und uneitel in dem Sinne, dass sie den Gatten nicht viel Geld kostet. Tanz und Gesang sind als unschuldige Freuden zu erleben. Ausgelassene Feste, Bälle oder Verhalten wie bei den Amazonen verderben das Bild der Frau.

Zachariäs Frauentyp ist vollkommen auf die Familie festgelegt, vornehmlich auf den Ehemann. Er ist nicht nur „Denker in wichtigen Staatsgeschäften“, er ist auch der Lenker der Familie.

Wie weit der Wille des Mannes reicht, die eigene Frau ganz und gar seinen eigenen Vorstellungen anzupassen, zeigt das Lebensalter der Matrone, die auch als Witwe dem aufgeprägten und widerstandsfrei verinnerlichten Bild verhaftet bleibt. Über seinen Tod hinaus kann der Mann versichert sein, dass sie seinen Ansprüchen von einem Leben aus zweiter (seiner) Hand entsprechen wird.

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