Gericht

Mobbing: Schwelmer Opfer sollte Mitschüler Schuhe küssen

Akten liegen in einem Gerichtssaal. (Symbolbild)

Akten liegen in einem Gerichtssaal. (Symbolbild)

Foto: Armin Weigel

Schwelm.   Ein Fall von Mobbing an der früheren Gustav-Heinemann-Hauptschule in Schwelm wurde vor Gericht behandelt. Die Täter müssen Schmerzensgeld zahlen.

Er wurde geschlagen, gehänselt, gedemütigt – und musste sogar Schuhe küssen. Jetzt hat sich ein ehemaliger Schüler (heute 19 Jahre) der Schwelmer Gustav-Heinemann-Hauptschule, der dort vor fünf Jahren von Klassenkameraden massiv gemobbt worden war, gerichtlich gegen seine früheren Peiniger gewehrt: Die beiden Ex-Mitschüler müssen ein Schmerzensgeld zahlen.

Der Vorfall

An seine Schulzeit als Jugendlicher denkt der Kläger nur ungern zurück: Damals, im Alter von gerade 14 Jahren, war er vielfach dem Mobbing und den Schikanen seiner Mitschüler ausgesetzt. Um den ständigen Anfeindungen aus dem Weg zu gehen, hatte er oftmals Zigaretten verschenkt, um in Ruhe gelassen zu werden. Häufig wurde er ohne Vorwarnung geschlagen.

Der 22. Mai 2014 war der Tag, der das Fass zum Überlaufen brachte: Um 11.45 Uhr kam es auf dem Schulhof der Gustav-Heinemann-Schule zu einer Auseinandersetzung mit zwei Mitschülern. Zunächst verlangte Haris (16) „eine Gratis-Kippe“.

Weil der 14-Jährige keine Zigarette geben konnte, wurden seine Taschen durchsucht. Dann trat Kemal (15) hinzu. Beide forderten ihr Opfer auf, mit ihnen zu einer abseits gelegenen Stelle in der Nähe des Sportgeländes zu gehen. Erneut wurden die Taschen nach Zigaretten durchwühlt. Erfolglos.

Da schlug Kemal aus Wut plötzlich zu, versetzte seinem Gegenüber einen schmerzhaften Boxhieb auf den Oberarm und höhnte: „Ich härte dich doch nur ab.“ Haris drückte den Verletzten hinunter, forderte Oralverkehr ein. Das Opfer verneinte. Daraufhin verlangte Kemal, dass sein Mitschüler ihm die Schuhe küssen soll, sonst dürfe er nicht gehen. Aus Angst entschied sich der 14-Jährige dazu und küsste die Schuhe.

Aufgrund dieses Vorfalls und den vorausgegangenen Schikanen und Erniedrigungen litt der Jugendliche so stark unter den psychischen Folgen, dass er sich in eine therapeutische Behandlung begeben musste und die Schule verließ.

Die Strafprozesse

„Mobbing-Täter“ Kemal G. ist kein ungeschriebenes Blatt. Beim Jugendschöffengericht Schwelm häuften sich Ende 2016 die Anklagen gegen ihn: Gefährliche Körperverletzung – Nötigung – vorsätzliche Straßenverkehrsgefährdung – Fahren ohne Fahrerlaubnis – Handel mit Betäubungsmitteln.

Unter anderem wurde er verurteilt, weil er nachts, verfolgt von einem Streifenwagen, im Fiat seiner Mutter mit einer Geschwindigkeit von 120 km/h durch die Innenstadt von Schwelm raste.

Dabei verlor er die Kontrolle über das Fahrzeug, prallte gegen einen Laternenpfahl und landete schließlich in der Schaufensterscheibe der Firma Scholand. Am Ladenlokal entstand ein Sachschaden von 4050 Euro.

Der Schüler-Mobbing-Vorfall an der Gustav-Heinemann-Schule kam im November 2016 im Amtsgericht Schwelm zur Verhandlung, im Juli 2017 fand vor dem Landgericht Hagen die Berufungsverhandlung statt.

Kemal G. erhielt eine Jugendeinheitsstrafe von zwei Jahren Gefängnis, das Strafverfahren gegen Mittäter Haris A. wurde eingestellt. Auflage: Er musste 60 Stunden soziale Arbeit ableisten.

Das Zivilverfahren

Vor der 10. Zivilkammer des Landgerichts Hagen hat das einstige Mobbing-Opfer jetzt erfolgreich Schmerzensgeld eingeklagt: Auf Vorschlag von Richterin Britta Syring müssen beide Beklagten je 500 Euro Wiedergutmachung leisten.

Haris A. erschien erst gar nicht, seine Anwältin Sonka Mehner-Heurs (Schwelm) stimmte der Zahlung zu: „Mit Hinblick auf den langen Zeitablauf eine sachgerechte Lösung.“ Kemal G. wurde aus Jugendhaft vorgeführt. Sein Anwalt Ihsan Tanyolu: „Mein Mandant ist inhaftiert, wird in Raten zahlen.“

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