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Olympia-Pfarrer: „Glaube hilft bei Niederlagen“

Ist während der Spiele rund um die Uhr für die Sportler da: Der Gevelsberger Pfarrer Thomas Weber

Ist während der Spiele rund um die Uhr für die Sportler da: Der Gevelsberger Pfarrer Thomas Weber

Foto: privat

Gevelsberg.   Olympia-Pfarrer Thomas Weber über die Spiele in Rio, Glaube im Profisport und seinen größten Wunsch für die Gemeinde in Gevelsberg.

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Bereits zum sechsten Mal leistete Thomas Weber aus Gevelsberg Sportlern bei den Olympischen Spielen geistlichen Beistand. Er selbst steht in seiner Freizeit gerne im Tor der Fußballmanschaft der Pfarrer und kickt gegen Imame. Mit unserer Zeitung sprach der 56-jährige über seine Erfahrungen in Brasilien und den Glauben im Hochleistungssport.

Welche Eindrücke haben sie aus Brasilien mit nach Gevelsberg gebracht?

Thomas Weber: Aus meiner Perspektive kämpft der olympische Sport trotz guter Quoten im Fernsehen momentan um Glaubwürdigkeit. Die Debatte um Doping und Korruption wird in nächster Zeit beherrschend sein. Es war meiner Ansicht nach ein Fehler, dass Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa nicht starten durfte. Dadurch entsteht der Eindruck, das Vieles einfach unter den Tisch gekehrt wird. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Verantwortlichen Vertrauen zurück gewinnen können.

Brasilien ist außerdem in einer tiefen Krise. Wir haben mit den Sportlern zwei Favelas besucht. Da leben Jugendliche in einfachsten Verhältnissen. Viele nehmen sich Drogendealer zum Vorbild und hoffen so auf Reichtum, das ist ganz fatal. Wenn man zurück nach Gevelsberg kommt, wird einem wieder deutlich bewusst, wie gut es uns eigentlich geht.

Welches Erlebnis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben während Ihrer Zeit in Rio?

Das war sicherlich auch der tragische Unfalltod von Kanu Trainer Stefan Henze. Bei allen Beteiligten habe ich eine große Betroffenheit und Anteilnahme gespürt. Ich habe dann auch bei der Gedenkfeier eine Ansprache gehalten. Das war auch für mich sehr bewegend. Wenn ein so junger Mensch stirbt, dann tritt der Sport in der Hintergrund und andere Dinge werden wichtiger.

Hat der tragische Unfall Ihre Arbeit als Seelsorger beeinflusst?

Ja, die Sportler und Mitarbeiter waren offener und zugänglicher für Gespräche. Vielen waren auch verunsichert. Gerade als Leistungssportler muss man stark sein, baut eine Fassade auf. Wenn so etwas passiert, zeigen viele auch offen ihre Gefühle. Der Gedanke an das eigene Sterben kommt auf. Ich habe auch von Einigen die Rückmeldung bekommen, dass der christliche Glaube gerade in solchen Situationen Halt geben kann.

Welche Rolle spielt der Glaube generell für Sportler bei den olympischen Spielen?

Für manche gar Keine. Sie ziehen ihr ganzes Selbstwertgefühl aus sportlichen Erfolgen. Wenn sie nicht bejubelt werden und siegen, dann zweifeln viele an sich selbst. Glaube kann da Halt und Geborgenheit geben, sowie die Gewissheit, dass man mehr kann und ist außer Sport. Schon im Alten Testament steht „Genieße das Leben, so lange du jung bist.“ Und genau so ist es: Im Leben wechseln sich Sieg und Niederlage nun mal ab. Der Glaube hilft, das Leben so anzunehmen, wie es ist und auch mit Niederlagen besser umzugehen.

Läuft ein Gottesdienst abseits der Wettkämpfe ähnlich ab wie in der heimischen Gemeinde in Gevelsberg?

Nein, wir feiern die Messen dort in deutlich kleinerer Runde. Die Sportler haben oft auch gar keine Zeit dafür. Trotzdem planen meine Kollegen und ich in den Gottesdienst zum Sport passende Gebete und Predigten ein.

Besonders beeindruckend fand ich den Gottesdienst vor der Christusstatur, das war schon etwas ganz besonderes. Ansonsten bin ich aber rund um die Uhr ansprechbar für die Sportler. Viele sind das ganze Jahr über unterwegs, da fällt es schwer, zu einer Gemeinde in Deutschland vertrauen aufzubauen.

Aber der Wunsch nach Gemeinschaft und Glaube ist trotzdem da. Ich finde es auch schön, dass wir einen Rahmen geben können, in dem Athleten ihre Emotionen zeigen können ohne Angst zu haben, dass es morgen in der Zeitung steht. Da verdrückt die strahlende Goldmedaillen-Gewinnerin Freudentränen und direkt neben ihr weint die enttäusche Verliererin, beide lassen ihren Gefühlen freien Lauf.

Wie haben sie das religiöse Umfeld in Brasilien erlebt?

Brasilien ist ein sehr katholisches Land. Religiosität ist dort auch gemischt mit ursprünglichen Naturreligionen. Aber in letzter Zeit wurden viele Gebäude von Freikirchen gebaut, die nicht verbunden sind. Das ist fast wie in den USA, es gibt dort ganz viel freikirchliche Pfingstgemeinden. Gerade junge Leute sind auf der Suche nach Antworten und wenden sich immer häufiger an solche Gemeinden.

Haben Sie den Eindruck gewonnen, dass gerade junge Menschen wieder den Wunsch nach Religion und Glaube haben?

Ja, auch laut Studien steigt die Religiosität wieder. Unsere moderne Welt verändert sich rapide, viele junge Menschen suchen da nach Sinn. Bei meiner Reise nach Peking konnte ich auch sehen, dass die Zahl der Christen in China explodiert ist. Nachdem Kirchen nicht mehr verboten wurden, war Glaube für viele Menschen Symbol für Fortschritt und Modernität.Und in Südkorea waren an den zahlreichen Kirchen unglaublich viele, hell beleuchtete Kreuze. Seitdem begleitet mich der Wunsch, ein solches gut sichtbares, helles Kreuz auch an unserem Gemeindehaus in Gevelsberg anzubringen. Denn der christliche Glaube ist nicht altmodisch und wir können deutlich zeigen: „Wir haben eine super Botschaft.“

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