Leo Theater

Perfekt inszeniertes Chaos auf und hinter der Bühne

Garry (Luc Packlidat, links) will Frederick (Peter Hartwig, Zweiter von rechts) zu Kleinholz verarbeiten. Tim (Max Meinecke, Zweiter von rechts) hat ganz andere Sorgen, während Dotty (Marika Kotulla, Mitte) und Belinda (Petra Reimann, rechts) das Schlimmste verhindern wollen.

Garry (Luc Packlidat, links) will Frederick (Peter Hartwig, Zweiter von rechts) zu Kleinholz verarbeiten. Tim (Max Meinecke, Zweiter von rechts) hat ganz andere Sorgen, während Dotty (Marika Kotulla, Mitte) und Belinda (Petra Reimann, rechts) das Schlimmste verhindern wollen.

Foto: Andreas Winkelsträter

Ennepetal.   Es war „Der nackte Wahnsinn“: Mit der rasanten Inszenierung der gleichnamigen Komödie feierte das Leo Theater eine begeisternde Premiere.

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Eine wichtige Nachricht vorweg: Keiner der Akteure des Leo Theaters hat sich ernsthaft verletzt. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn das, was sich im Haus Ennepetal auf und hinter der Bühne abspielte, war tatsächlich „Der nackte Wahnsinn“.

So heißt die Komödie von Michael Frayn, die am Freitag Premiere feierte. Und das neunköpfige Ensemble machte dem Titel alle Ehre. In schier unfassbarer Rasanz wirbelten die Darsteller zeitweise durch das Bühnenbild, das vor allem aus Türen bestand. Ging eine davon zu, öffnete sich eine andere, trat das eine Pärchen ab, kam das andere auf die Bühne. Und irgendwo flogen ständig ein paar Sardinen umher. Aber der Reihe nach:

„Der nackte Wahnsinn“ erzählt die Geschichte einer Schauspieltruppe, die mit dem Stück „Nackte Tatsachen“ auf Tournee gehen will. Und zunächst sehen die Zuschauer im Leo konventionelles Theater: Haushälterin Mrs. Clackett will es sich mit ein paar leckeren Sardinen vor dem Fernseher gemütlich machen. Die Hausherren wähnt sie in Spanien. Doch Makler Roger will seine Gespielin Vicki mit dem feudalen Haus beeindrucken und mit ihr ein bisschen Kuscheln. Und als dann auch noch die Hausherren, die aus steuerlichen Gründen den Wohnsitz in Spanien haben, heimlich die eigenen vier Wände aufsuchen, nimmt das komödienspezifische Chaos seinen Lauf. Ein Einbrecher darf nicht fehlen...

„Stopp! Stohopp!“, ruft plötzlich jemand aus dem Zuschauerraum. Nach einigem Zögern unterbrechen die Darsteller das Stück. Regisseur Lloyd Dallas, der hinter den Zuschauern platziert war, greift ein. „Und Gott sprach Stopp. Und Gott sah, dass es schlecht war“, sagt er. Die Diskussionen beginnen. Der eine Darsteller will sich proaktiv profilieren, der andere lässt geistig das Kleinkind durchschimmern, indem er ständig nach dem „Warum“ fragt. Verlorene Kontaklinsen, vergessene Teller mit Sardinen und ein dem Alkohol zugetaner Schauspieler treiben den Regisseur an den Rand des Wahnsinns. Dass der eine oder andere mit der einen oder anderen eine Affäre pflegt, macht die Proben nicht einfacher.

Umzug in den Hörsaal

Ungewöhnlich beginnt der zweite Akt, der die Truppe einige Zeit später bei einer Aufführung zeigt: Die Leo-Zuschauer ziehen nach der Pause in den Hörsaal des Hauses Ennepetal um, vor dem die Bühne aufgebaut ist. So erhalten sie einen exklusiven Blick hinter die Kulissen. Und da geht es mächtig rund. Das Beziehungsgeflecht hat sich komplett verheddert, Eifersucht und Missgunst beherrschen die einen, während die anderen nervlich am Ende sind. Eine vom Regisseur geschwängerte Regie-Assistentin und ein Techniker, der irgendwie versucht, den Laden zusammenzuhalten, komplettieren das Durcheinander.

Mit der Axt geht man aufeinander los, Beinchen werden gestellt, die Türen gehen auf und zu, Menschen hasten hin und her, es kommt zu Handgreiflichkeiten und ein Kaktus landet im Hintern von Regisseur Lloyd, der seine Geliebte Brooke, die die Vicki spielt, besucht. Sardinen fliegen umher. Die Zuschauer können dem atemlosen Gewusel, dass wie eine Mischung aus Wrestling und Ballett wirkt, kaum folgen. Pantomimisch werden Auseinandersetzungen in immer neu gebildeten Konstellationen dargestellt. Dabei hat das Chaos Methode: Dank eines unglaublich gut funktionierenden Timings, hinter dem erkennbar viel Probenarbeit steckt, gelingt es den Leo-Schauspielern, den nackten Wahnsinn geradezu körperlich spürbar zu machen...

Dann legt sich der Wirbelsturm. Die Zuschauer, die durch das Bühnenbild hindurch wieder in den großen Saal gewechselt sind, sehen die letzte Tournee-Vorstellung des Stücks oder besser gesagt: was davon übrig geblieben ist. Die Grundsituation ist die gleiche wie zu Beginn der Aufführung. Doch Dotty Otley alias Mrs. Clackett und all die anderen Schauspieler halten sich nur noch gelegentlich an den Text, lassen ihrem Fatalismus freien Lauf. Die Grenzen zwischen Bühnenstück und dem Theater hinter den Kulissen verschwimmen. Stürzende Hauptfiguren, die dann eben mit Kopfverband weiterspielen, und mehrfach besetzte Rollen führen alle anfängliche Probenarbeit ad absurdum.

Äußerst origineller Theaterabend

Reichlich Beifall gab es für das Leo-Ensemble von den ob des Tempos erschöpften Zuschauern. Besonders umjubelt wurde Marika Kotulla, die die Dotty (alias Mrs. Clackett) ideal verkörperte. Gelungen auch die Premiere von Denise Hausmann, die als Regie-Assistentin noch am ehesten die Ruhe bewahrte. Mit den beiden sorgten Carola Schmidt, Luc Packlidat, Petra Reimann, Peter Hartwig, Max Meinecke und Tim Müller für den sehr gelungenen und äußerst originellen Theaterabend. In einer Doppelfunktion als Regisseur der Leo-Inszenierung und als Regisseur im Stück wirkte der künstlerische Leiter Marc Neumeister, der den Zuschauern nach der Premiere von den besonders herausfordernden Proben berichtete. Man darf froh sein. dass das Leo-Ensemble offensichtlich viel professioneller arbeitet als die Truppe, die es in „Der nackte Wahnsinn“ darstellte. Sonst wäre das Leo längst Geschichte...

INFO:

„Der nackte Wahnsinn“ ist im Leo Theater im Haus Ennepetal noch am Freitag, 3. März, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 5. März, um 16 Uhr (Vorstellung mit Kaffee und Kuchen) zu sehen.

Weitere Termine wird es dann ab Juli im Ibach-Haus in Schwelm geben, in das das Leo Theater zur Mitte dieses Jahres umziehen wird.

Karten gibt es im Leo-Büro im Haus Ennepetal, Gasstraße 10, 02333/8697755, E-Mail: info@leo-theater.ruhr, sowie online unter www.leo-theater.ruhr.

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