Kultur

Schwelm als Mekka für Blockflötenfreunde

Der achtjährige David probiert eine Sopranino-Flöte im Ibach-Haus in Schwelm aus.

Der achtjährige David probiert eine Sopranino-Flöte im Ibach-Haus in Schwelm aus.

Foto: Veronika Pantel

Schwelm.   „Recorder Summit“ sorgte wieder für internationales Festival-Feeling. Rund 800 Besucher bei Ausstellung und bis zu 300 Zuhörer in den Konzerten.

Am Wochenende war es wieder soweit: Die musikalische Elite an der Blockflöte begeisterte Laien, Flötenbauer, Firmen, Notenhändler, Zubehörshops und Reparaturfirmen trafen sich auf Einladung von Stephanie und Georg Göbel vom Fachgeschäft „early music“, das hier seit 1998 ansässig ist, im Ibach-Haus. Etwa 800 Besucher flanierten an den Tagen durch die „Börse der Begegnung“, wie Initiator Georg Göbel die Ausstellung nennt, etwa 250 bis 300 Zuhörer frequentierten jeweils die vier hochkarätigen Konzerte in der Christuskirche. Die acht Workshops besuchten etwa 250 Teilnehmer. Sie waren seit Dezember ausgebucht.

Die Ausstellung

Die Flötenbauer zeigen ihre neuesten Kreationen. Adriana Breukinks aus den Niederlanden fertigt Instrumente aus leichtem Buchsbaum mit weiter Bohrung und Klappen für die tiefen Töne: Sie klingen ausgesprochen vollmundig, lassen den Ton strahlen. Die Kleinode haben ihren Preis. Tausend Euro kostet die Sopranflöte, Bis zu viertausend muss man für ein Subbass-Instrument ausgeben. Sehr exotisch wirken die eckigen, tiefen Flöten von Paetzold by Kunath. Manche sind ganz poppig mit Fleckenmuster in Schwarz-Weiß geschmückt. Erstaunlich, wie warm und volumenreich sie klingen. Natürlich kann man seine Flöte auch begutachten und restaurieren lassen: Firma Mollenhauer und der Holzinstrumentenbauer Kalle Belz bieten kostenlosen Reparatur-Service vor Ort an: Eine Besucherin beklagt rissigen und abblätternden Kork an den Zapfen ihrer Tenorflöte. Kalle Belz klebt schnell Streifen aus echtem Naturkork, weil die Flöte gleich im Workshop gebraucht wird.

Durch die Ausstellung schlendert auch der achtjährige David mit seiner Mutter, die aus Esslingen bei Stuttgart angereist sind. Ganz versunken bläst er etliche Flöten an, denn Ausprobieren ist hier ausdrücklich erlaubt. „Er spielt seit drei Jahren“, sagt seine Mutter, „und jetzt ist er auf der Suche nach einer Sopranino.“ Dabei hat die Blockflöte ihr Image als einfaches Kinder- oder Einsteiger-Instrument längst verloren. Auch Ältere begeistern sich wieder für das Instrument und finden sich in Ensembles zusammen. Und dem Studium der Blockflöte haben sich erstklassige Solisten und weltweit bekannte Ensembles gewidmet, die sich regelmäßig bei den Konzerten des Blockflöten-Gipfels in der Schwelmer Christuskirche die Klinke in die Hand geben.

Die Konzerte

„The Royal Wind Music“ eröffnet den Konzertreigen. Mit ihren baumlangen Bassflöten füllen sie den großen Raum der Christuskirche wie mit Orgelklang. Dann ein Nacht-Konzert mit dem Schweden Dan Laurin, das mit Spannung erwartet wurde. Als „Naturereignis auf der Flöte“ preist das Festivalprogramm den Endfünfziger, der zu den besten Flötisten der Welt zählt. „Zu schade, dass Laurin eigentlich keine Solo-Konzerte mehr gibt“, bedauert Georg Göbel. Umso spektakulärer wird die späte Stunde für die vielen Besucher, die sein Solo-Recital hören dürfen. Es gibt kein Programm, in englischer Sprache kündigt Laurin seine Stücke an. So ganz genau habe er vor dem Konzert noch nicht gewusst, was er eigentlich spielen werde, gesteht er. Er beginnt mit sehr alter, flott bewegter Musik, zu der man am liebsten tanzen möchte. Ein unbekannter Komponist hat sie um 1347 geschrieben und man staunt, mit welcher Klangfülle eine einzelne Flöte den Raum fluten kann. „Laurin spielt mit dem größten Ton der Welt“, schwärmt Georg Göbel. Und er hat recht. Auch die Stücke des blinden Komponisten Jacob van Eyck (etwa 1590-1657), der ein begnadeter Improvisator war, kommen mit diesem voluminösen Ton daher. Berührend und meditativ die „Pavane Lachrimae“ mit ihren langen, klagenden Bögen, die sich später, wie auch in anderen van Eyck-Werken, in wirbelnd schnelle Notenwerte auflösen und atemberaubend virtuos gespielt werden – so schnell tanzen die Finger auf der Flöte, dass man nicht mehr folgen kann. Zu Georg Philipp Telemanns Stücken aus den 12 Fantasien für Solo-Flöte hält Laurin gleich eine kleine Vorlesung: Er spielt Teilstücke, erläutert die Komposition und beschreibt seine Spielweise: „Telemann hatte tausend Ideen, was er komponieren könnte und ich habe tausend Ideen, wie man es spielen kann.“ Tatsächlich ist seine Interpretation so frisch und spannend, dass man Laurin die Seelenverwandtschaft mit dem Barock-Komponisten hundertprozentig abnimmt.

Für die ganze Familie ist das Konzert am Samstagmittag gedacht, in dem Dan Laurin und seine Ehefrau Anna Paradiso am Cembalo auftreten, und tatsächlich sind viele Kinder im Publikum. Das Ehepaar bietet - bestens aufeinander eingespielt - Werke vom schwedischen Barock-Komponisten Johan Helmich Roman, ein Cembalo-Solo von Jean-Baptiste Forqueray und eine Sonate von Francesco Maria Veracini in schwindelerregender Virtuosität.

Das Abschlusskonzert bestreitet das „Flanders Recorder Quartet“: Es ist Jubiläums- und Abschiedskonzert zugleich. Nach 30 Jahren verabschiedet es sich von seinem Publikum aus aller Welt mit dem Programm „The Final Chapter“ (Das letzte Kapitel), das ganz alte Musik und ganz neue Kompositionen in einen spannungsreichen Kontext stellt.

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