„Man funktioniert nur noch“

Schwelm: Interview mit Rektorin der Grundschule Nordstadt

Manuela Rahn, Rektorin der städtischen Gemeinschaftsgrundschule Nordstadt

Manuela Rahn, Rektorin der städtischen Gemeinschaftsgrundschule Nordstadt

Foto: privat / WP

Schwelm.  Die Grundschule Nordstadt musste vergangene Woche wegen Coronavirus-Verdacht geräumt werden. Wir haben mit Schulleiterin Manuela Rahn gesprochen.

Und plötzlich war nichts mehr wie vorher. Die Grundschule Nordstadt musste vergangene Woche von einem Moment auf den anderen geräumt werden, weil bei einem Kind begründeter Verdacht auf eine Ansteckung mit dem Coronavirus bestand. Wir haben mit Schulleiterin Manuela Rahn darüber gesprochen, wie so etwas abläuft und wie es danach weiterging.

Wie erreichte Sie die Nachricht, dass alle Schüler sofort nach Hause müssen?

Martina Rahn: Das war am Donnerstag, so gegen halb zehn. Wir saßen gerade mit der Arbeitsgemeinschaft OGS und Vertretern der Schulverwaltung zusammen, als eine Lehrerin reinkam und sagte, dass es dringend sei. Die Mutter des betroffenen Kindes hatte angerufen und mitgeteilt, dass sich die Familie in Heinsberg aufgehalten habe und das Kind sich in Quarantäne befände. Das Kind hatte am Mittwoch noch am Unterricht teilgenommen.

Was waren Ihre ersten Gedanken?

Man ist dann im ersten Moment wie in einer Schockstarre und funktioniert nur noch. Wir hatten versucht, die Mutter nochmal zu erreichen. Das hatte nicht geklappt. Ich habe dann sofort beim Gesundheitsamt und bei der Schulverwaltung und Schulaufsicht angerufen, um sie zu informieren. Vom Gesundheitsamt hieß es: Wir kümmern uns. Eine halbe Stunde lang ist erstmal nichts passiert. Dann kam der Anruf, dass alle Kinder sofort nach Hause sollen. Du denkst in dem Moment nur: Wie bekommst du die Kinder jetzt so schnell nach Hause.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn für 170 Kinder sofort eine Lösung her muss?

Ich habe erstmal alle Lehrer über die Sprechanlage aus den Klassenräumen ins Lehrerzimmer geholt und ihnen gesagt, dass ein Verdachtsfall vorliegt und was jetzt passieren muss. Alle haben besonnen und ruhig reagiert. Da gab’s keine Panik oder so. Ich muss da allen ein großes Kompliment machen und bin sehr dankbar dafür. Wir hatten vereinbart, dass alle Lehrer zurück in die Klassenzimmer gehen und den Schüler Aufgaben zur Beschäftigung geben. Die Integrationskräfte, Sozialpädagogen und Sonderpädagogen blieben in den Klassenräumen, damit die Lehrer auf den Flur konnten, um alle Eltern einzeln anzurufen. Wir haben ja Listen dafür. Es ist unglaublich, aber innerhalb von einer Stunde hatten alle Eltern ihre Kinder abgeholt. Auch hier muss ich sagen: Alle Erwachsenen sind gut damit umgegangen und ruhig geblieben.

Wie hatten denn die Kinder reagiert?

Auch sehr gut. Sie hatten es von ihren Lehrern sofort erfahren und wussten, dass sie abgeholt würden. Eine Klasse hatte noch einen Test zu Ende geschrieben. Nachdem die Kinder weg waren, mussten auch wir Lehrer die Schule verlassen und uns nach Hause begeben. Das galt auch für die Ganztagsschule.

Standen dann alle Kinder unter Quarantäne?

Nein, nicht unter Quarantäne. Wichtig war, dass sie daheim und unter Beobachtung sind. Ich musste dem Gesundheitsamt eine Liste geben, mit welchen Schülern das betroffene Kind am Tag zuvor in Kontakt war. Die Klassenlehrerin hatte mir dabei geholfen. Am Tag darauf, am Freitag bekam ich dann schon den Anruf vom Gesundheitsamt, dass der Test für das Kind negativ ausgefallen war. Es geht allen Kindern gut.

Steht die Schule weiter in Kontakt zu den Schülern?

Ja klar. Die Lehrer hatten am Wochenende sofort Arbeitspläne und Unterrichtsmaterialien für jeden zusammengestellt. Da war ja auch schon klar, dass alle Schulen erstmal bis zum Ende der Osterferien geschlossen bleiben. Die Lehrer hatten die Unterlagen in Pakete jeweils auf die Sitzplätze in den Klassen gelegt, und die Eltern haben sie dann am Montag und Dienstag abgeholt. Wir hatten das über unseren E-Mail-Verteiler allen mitgeteilt. Die Eltern sind untereinander auch nochmal in WhatsApp-Gruppen in Kontakt. Das hat ausnahmslos geklappt. Ich hoffe, dass die Kinder auch zuhause lernen.

Wie läuft es mit der Betreuungsgruppe für Schüler, deren Eltern am Arbeitsplatz unabkömmlich sind?

Wir haben aktuell drei Kinder, deren Eltern davon Gebrauch machen. Sie werden morgens ab 7.30 Uhr von uns und ab Mittag und bis 16 Uhr von der OGS betreut. Es sind immer zwei Lehrer im Einsatz, und wir wechseln uns bei der Betreuung ab. Die Eltern mussten zu Beginn die Bescheinigung vorlegen, dass sie wirklich unabkömmlich sind. Dazu waren wir angehalten, das zu kontrollieren. Das tut mir ein bisschen leid. Denn es gibt bei jeder Regelung auch Eltern, die durchs Sieb fallen.

Bis zu den Osterferien fallen drei Wochen Unterricht aus. Lässt sich das überhaupt auffangen?

Die Grundschule ist ja die wahre Gesamtschule. Bei uns gibt es auch Lernschwache und Seiteneinsteiger, also Kinder mit wenigen oder gar keinen Deutschkenntnissen. Deshalb ist für uns die individuelle Förderung so wichtig. Das lässt sich jetzt gar nicht mehr so richtig machen. Gerade diese Kinder bräuchten nun die besondere persönliche Unterstützung. Aber wo soll die herkommen? Alle Lehrer versuchen, so gut es geht, Kontakt zu den Schülern und Eltern zu halten. Die Eltern können per Email ein Feedback geben. Bei den Dritt- und Viertklässlern ist das nicht ganz so schlimm. Sie können schon mit den Unterrichtsmaterialien, die wir für sie zusammengestellt haben, selbstgesteuert lernen. Schwierig wird es bei den Erstklässlern, die noch nicht richtig lesen und schreiben können. Ich fürchte, es wird einiges auf der Strecke bleiben, und wir haben die Sorge, dass wir den Lehrplan nicht einhalten können.

Welche Lehren ziehen sie als Schulleiterin aus dieser Erfahrung?

Es hat mich beeindruckt, wie das Kollegium damit umgegangen ist, wie sehr es in gutem Kontakt untereinander steht, selbstständig Absprachen getroffen hat und wie sehr es an einem Strang zieht, damit alles funktioniert. Wenn eine Schule so etwas hat, dann ist das schon ein gutes Fundament, so eine Situation zu überstehen. Dass es so gut funktioniert, darüber bin ich total froh.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben