Interview

Schwelmer Experte: „Natürlich wollte Beuys provozieren“

Lesedauer: 9 Minuten
Der Schwelmer Dr. Arnim Brux als Stiftungssprecher bei der Preisverleihung des Joseph Beuys-Preises für Forschung

Der Schwelmer Dr. Arnim Brux als Stiftungssprecher bei der Preisverleihung des Joseph Beuys-Preises für Forschung

Foto: Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland/ Maurice Dorren haben

Schwelm.  Dr. Arnim Brux spricht ausführlich über Joseph Beuys. Es gibt viele Gründe, warum der Ex-Landrat ein exzellenter Gesprächspartner ist.

Er war ein großer Künstler, Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, Aktivist und Visionär. Am 12. Mai würde er 100 Jahre alt. Schon seit Wochen wird das Leben von Joseph Beuys in den Feuilletons großer Zeitungen diskutiert. Wie war er wirklich? Ein Heiler? Sogar ein „deutscher Heiland“ soll er für seine Anhänger gewesen sein, wie jüngst eine große deutsche Wochenzeitung („Die Zeit) titelte. Eins ist sicher: Beuys’ künstlerische Arbeit ist schon längst in die Kunstgeschichte eingegangen. Rund 6000 Arbeiten von Joseph Beuys beherbergt das Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau (Kreis Kleve). Der ehemalige Landrat des Ennepe-Ruhr-Kreises und Schwelmer Dr. Arnim Brux beschäftigt sich seit Jahren mit Joseph Beuys. Brux gehört dem Kuratorium der Stiftung Museum Schloss Moyland an. Wir sprachen mit ihm über die Kunst-Legende.

Wie sind Sie Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Museum Schloss Moyland geworden?

Dr. Arnim Brux: Nach meiner Pensionierung hat mich das Land gebeten, seine Interessen im Vorstand der Stiftung zu vertreten. Das habe ich etwa drei Jahre getan. Diese hochinteressante Tätigkeit war allerdings auch mit nicht unerheblichem zeitlichen Aufwand verbunden und nicht immer kompatibel zu unseren Vorstellungen eines Ruhestands. Baron von Steengracht, dessen Familie das Schloss mit seinem Park in die Stiftung eingebracht hat, hat mir nach meinem Ausscheiden aus dem Vorstand vorgeschlagen, die Interessen seiner Familie im Aufsichtsgremium der Stiftung zu vertreten. So habe ich weiterhin persönliche Verbindung zu diesem wunderbaren Ensemble von Schloss, Park und Kunst.

Bevor Sie im Ennepe-Ruhr-Kreis zum Landrat gewählt wurden, waren Sie in NRW-Ministerien in Düsseldorf als Referatsleiter auch für Regionale Kulturpolitik zuständig. Hatten Sie da schon mit Joseph Beuys zu tun oder ihn sogar persönlich kennengelernt?

Ich habe ihn leider nicht persönlich kennengelernt. Ich bin erst in seinem Todesjahr in das Kulturministerium gewechselt. Bei meiner Arbeit in der Regionalen Kulturpolitik fiel auch die Kulturregion Niederrhein in meine Zuständigkeit. So hatte ich aber schon damals Kontakt zum Museum Schloss Moyland und auch zur Familie van der Grinten, die ihre Sammlung mit etwa 6000 Werken von Beuys in die Stiftung eingebracht hat. Mir war es möglich, dort interessante Ausstellungen wie „Paul Klee trifft Joseph Beuys“ zu fördern.

Beuys, der Mann mit dem Filzhut, polarisierte mit seinen Arbeiten, ich denke an die „Fettecke“, an die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ oder an die Installation „Straßenbahnhaltstelle“. War er einer, der als Bürgerschreck provozieren wollte?

Den Begriff Bürgerschreck würde ich nicht verwenden, aber natürlich wollte er provozieren, um die Menschen aufzurütteln. Er wollte durch seine Kunst die Menschen, ihr Bewusstsein, ihr Denken und letztlich die Gesellschaft verändern.

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Im Jahre 1980 nahm Beuys, dann schon als ehemaliger Professor für Monumentale Bildhauerei, am Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe teil. Zuvor war er in der nationalistisch-neutralistischen Partei „Aktionsgemeinschaft unabhängiger Deutscher“ Spitzenkandidat für den Bundestag. Er wurde nicht in den Bundestag gewählt. War Beuys ein Suchender?

Künstlerinnen und Künstler sind immer Suchende, Experimentierende, die schöpferisch-kreativ Neues gestalten wollen. Beuys war herausragend. Dies zeigt sein Weg von der großartigen, aber noch recht konventionellen Bildhauerei am Beispiel des Mahnmals in Büderich hin zu dem Künstler, der mit Warhol zum bedeutendsten und einflussreichsten Künstler seiner Zeit wurde. Sein „Erweiterter Kunstbegriff“ und sein Begriff der Sozialen Plastik haben die Kunst revolutioniert. Kunst und Politik wurden verbunden.

Aktuell wird auch gedeutet: Er machte einen auf links, dachte aber rechts. Kann man das so stehen lassen?

Beuys kann man mit Sicherheit nicht in solche Schubladen stecken. Dazu war seine ganze Persönlichkeit zu vielschichtig, auch teilweise bewusst widersprüchlich. Er stand für die Idee einer direkten Demokratie, die in zahlreichen Documenta-Projekten künstlerisch umgesetzt wurde. Er verglich sich gern mit Anacharsis Cloots, einem adligen Revolutionär aus Kleve zu Zeiten der französischen Revolution. Leonardo da Vinci und Goethe haben ihn besonders inspiriert. Die Grundprinzipien der französischen Revolution transferierte er mit Hilfe der Ideen Rudolph Steiners in seine Gesellschaftsprojektion: basisdemokratisch, ökologisch, anarchisch.

Sein Projekt „7000 Eichen. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ (Dokumenta 1982) ist ein Landschaftskunstwerk mit Ansage an die Politik gewesen. Haben Sie sich später als Landrat mit dieser visionären Idee beschäftigt?

Dieses Projekt finde ich großartig, auch wenn man als Hauptverwaltungsbeamter bei dem Titel zunächst zusammenzuckt. Hier wird das Visionär-Ökologische von Beuys besonders deutlich. Heute finden wir das Thema Ökologie und Klimaschutz in fast allen Parteiprogrammen. 1982 sah das noch anders aus. Zum Glück hat sich im Laufe der Jahre ökologisches Denken zunehmend im Bewusstsein und konkreten Handeln von Politik und Verwaltung auch auf Kreisebene eingepflanzt.

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Kunst muss ja nicht aus Marmor gemeißelt auf dem Sockel stehen, sie kann auch fließen, wie es Beuys mit Fett zeigte. Was wollte er seinem Publikum damit sagen?

Zunächst: Beuys wird häufig völlig einseitig und unzutreffend auf seine Fettarbeiten reduziert. Er war ein begnadeter Zeichner, Bildhauer, Aktionskünstler und vieles mehr. Er arbeitete viel mit Materialien wie Filz, Honig, Gold, Kupfer, Schokolade und anderes, die eine besondere Symbolik hatten, ebenso wie die Tiere, die in seinen Werken vorkommen. Fett steht für Energie und Wärme. Letztlich auch als Katalysator für Kreativität. Die Transformation durch Energie und Wärme von Materie aus ungeformtem Zustand in geordnete Form steht für Veränderung. Ziemlich kompliziert? Das verwendete Material wie Fett und Schokolade hat auch die Eigenschaft, sich weiter zu entwickeln; eine ziemliche Herausforderung für Restauratoren.

Diese Frage muss ja kommen. Die Beuys-Worte „Jeder Mensch ist ein Künstler“: Wie deuten Sie persönlich diese Aussage?

Diese Aussage ist ziemlich oft missverstanden worden. Nicht jeder Mensch ist ein begnadeter Maler oder Zeichner. Jeder Mensch ist ein Künstler meint vielmehr, – etwas vereinfacht ausgedrückt – dass in jedem Menschen kreative, schöpferische Potenziale liegen, die gehoben werden müssen, um das Bewusstsein und letztlich auch die Gesellschaft zu verändern. Daher sollte nach Beuys Kunst am Anfang jeder Ausbildung und jedes Studiums stehen.

Wer das Beuys-Archiv im Museum Schloss Moyland betritt, kann es nicht übersehen: „Wir brauchen Beuys“, heißt es plakativ. Wer soll sich da angesprochen fühlen?

Ja, warum brauchen wir Beuys? Weil Beuys auch heute noch für Humanität, Liebe zur Natur und zu Tieren, für künstlerische Kreativität, für Innovation und visionäres Denken sowie gesellschaftliche Veränderung steht.

Das Museum Schloss Moyland hat zum 100. Geburtstag von Beuys ein großes Programm aufgelegt. Was empfiehlt das Kuratoriumsmitglied Arnim Brux und wo ist es dabei, wenn die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung es erlauben?

Im gesamten Land gibt es unter Beuys 2021 zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen zu seinem Geburtstag. Der Beitrag von Moyland ist eine Ausstellung zum Thema Beuys und die Schamanen. Die Eröffnung konnte aufgrund der Pandemie am 2. Mai ebenso wie die Eröffnung des Gesamtprojekts nur digital stattfinden. Ich hoffe aber trotzdem, dass ich es noch schaffe, nicht nur die Ausstellung in Moyland, sondern auch andere Ausstellungen zu besuchen. Im Übrigen ist Moyland mit Schloss, Park und seinen Kunst- Exponaten immer einen Ausflug wert.

Steckbrief Dr. Arnim Brux:

Dr. Arnim Brux ist 68 Jahre alt, erblickte in der Oberlausitz (heute Landkreis Görlitz) das Licht der Welt, 1956 kam die Familie Brux nach Ennepetal.

Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bochum, Köln und Wuppertal, wurde 1986 Referatsleiter im Kulturministerium NRW, seit 1999 zuständig für Regionale Kulturpolitik.

Im Jahr 2002 wurde der Sozialdemokrat zum Landrat des Ennepe-Ruhr-Kreises gewählt. Bis 2015 übte er dieses Amt aus.

Als Landrat initiierte er den Kunstpreis EN. Er war unter anderem Vorsitzender des Kulturausschusses des Landkreistages NRW, stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Landkreistages und von 2004 bis 2020 Mitglied des Aufsichtsrates der Kultur-Ruhr- GmbH/Ruhrtriennale und des Kulturausschusses des Landschaftsverbandes.

Der Hobby-Musiker der vor allem Saxofon spiel, wohnt mit seiner Frau Ulrike in Schwelm. Das Ehepaar hat drei Töchter und vier Enkel

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