Interview

Schwelmer Michael Glow berichtet über die Tuning-Szene

Das aktuellen Projekt von Michael Glow, der Komplettumbau dieses goldfarbenen Kadett B Coupe, startet nächstes Jahr.

Das aktuellen Projekt von Michael Glow, der Komplettumbau dieses goldfarbenen Kadett B Coupe, startet nächstes Jahr.

Foto: Privat / Verein

Schwelm.  Michael Glow (Schwelm) hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Autos tunen. Hier spricht er über seinen größten Wunsch, in dem Martfeld eine Rolle spielt.

Früher gab es Autos von der Stange. Wer einen besonderen fahrbaren Untersatz wollte, der musste sich in der Tuning-Szene umschauen. Heute haben die Hersteller den Tuning-Markt für sich entdeckt und bieten entsprechend ausgestattete Fahrzeuge bereits ab Werk an. Für Michael Glow ist das keine wirkliche Alternative. Der 50-jährige Schwelmer hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Er verdient sein Geld in der Tuning-Szene. Aber was reizt ihn eigentlich so stark an diesem Thema? Im großen Interview stellt er sich den Fragen der Redaktion.

Gibt es heute überhaupt noch eine Tuning-Szene?

Michael Glow: Ja, aber die ist mit früher NICHT zu vergleichen. Früher hat man sich eine gebrauchte Karre vom hart Gesparten gekauft und diese dann so nach und nach zu seinem persönlichen Auto umgebaut. Einer legte Wert aufs Optische, sprich breite Alufelgen, und der andere auf Motorleistung, sprich Umbau auf Doppelvergaser, oder, oder… immer je nach Geldbeutel. Es gab auch welche, die das volle Programm abspulten, wie das Auto komplett zerlegen und alles nach seinem Geschmack umbauen inklusive kompletter Neulackierung. So zusagen „aus Scheiße, Gold machen“. Zu denen gehörte ich. Leider war das volle Programm früher schon nicht gerade günstig. Das hat sich zu heute nicht verändert, ein Komplettumbau ist heute auch nicht günstig. und für den normal Sterblichen fast unbezahlbar. Das Wort „Tuner“ kannten wir früher gar nicht…. Wir sind „Schrauber“! Heute sieht das etwas anders aus, heute steht der Beruf Kfz-Mechaniker bei den jungen nicht mehr auf Platz 1 bei den Berufswünschen. Das sagt schon alles. Die meisten Jugendlichen fangen nicht wie wir früher klein an, sondern dank Leasing und Co. kaufen sie sich direkt ein dickes Auto mit viel Leistung, lassen dann das Auto per Chiptuning aufrüsten auf noch mehr Leistung und dann in einer auffälligen Farbe folieren, lassen ein Luftfahrwerk und ein Satz Alufelgen in einer Tuning-Werkstatt verbauen und bezeichnen sich dann selber als „Tuner“. Und wenn dann mal das Auto irgendwann nicht anspringt, wird der Kundendienst angerufen. Mit anderen Worten: Sie können nichts mehr selbst machen. Es gibt natürlich auch Ausnahmen, aber kaum noch einer baut sein Auto von Grund ab Rohkarosse neu auf. Und die, die das heutzutage noch machen, sind meistens kleine Tuning-Firmen, die sich mit ihrem Vollprojekt auf dem Markt oder auf Messen behaupten wollen. Solch ein Projekt ist schnell mal 6-stellig. Fazit: Die heutigen großen Tuner wie AMG, ABT, Brabus, AC-Schnitzer, Lorinser, TechArt waren alles Schrauber und haben alle so angefangen wie wir früher. Und sogar die Automobilindustrie hat von manch einem etwas gelernt und profitiert.

Gibt es in Schwelm eine Tuning-Szene?

Weil ich nicht zu der heutigen Generation gehöre, kann ich nichts zur Größe sagen. Aber es gibt in jeder Stadt eine Gruppe von Autoverrückten, die alle das gleiche Hobby haben.

Die Tuning-Szene in Wuppertal und Schwelm: zwei wie Pech und Schwefel oder wie Feuer und Eis?

Dazu kann ich nur sagen: Früher haben wir Schwelmer uns oft mit den Wuppertaler Jungs in Schwelm auf dem Neumarkt oder in Wuppertal auf dem Enker Parkplatz getroffen. Oder jeden Sonntag in Hagen mit Jungs aus ganz NRW an der Hohensyburg. Da war es egal, ob einer nur mit einem 50 PS-Polo oder einer mit einem 200 PS-Kadett kam, es ging ums gemeinsame Hobby und Benzingespräche. Und daraus sind bis heute einige gute Freundschaften entstanden. Heute kommt mir das nicht so vor. Klar man kennt sich vom Auto her, aber ich glaube so wie früher ist das nicht mehr. Heute kommt mir alles sehr komisch vor so nach dem Motto „Ich fahr AMG und du nur einen 50 PS-Polo“. Da wird auch schon mal, wenn man an der Ampel steht stur oder sagen wir cool nach vorne geschaut, anstatt zum Ampelnachbar zu gucken, um ihm einen Daumen hoch für sein Auto zu zeigen. Das hat aber speziell nichts mit Wuppertalern und Schwelmern zu tun, das ist heute überall so. Hat vielleicht etwas mit der Generation zu tun. Macht auf jeden Fall keinen Spaß mehr. Bei meiner Veranstaltung „Cars in the City“ gab es auf jeden Fall kein Zusammenspiel mit den Wuppertalern. Aber das ist ein anderes Thema.

Wie sind Sie zu diesem Hobby gekommen, wie zu ihrem Beruf?

Mein Hobby ist mein Beruf. Als Kind (mit sechs Jahren) haben mich alte Filme oder TV-Serien mit coolen Autos oder Autoverfolgungsszenen irgendwie fasziniert. Ich habe angefangen, Matchbox Autos umzubauen, indem ich diese tiefergelegt und von anderen Autos breitere Felgen dran gebaut habe um sie dann neu zu

lackieren – weil fertig umgebaute Matchbox Autos gab es noch nicht. Auch ein guter alter Freund von mir ist nicht gerade unschuldig daran: Erich Bitter. Ich habe schon als Kind erkannt, dass das, was er da gemacht hat, genau mein Ding ist. Eine Idee im Kopf in die Realität umzusetzen, gewisse Fahrzeugteile miteinander kombinieren oder zu verändern um etwas ganz Neues zu erschaffen. Da stand für mich schon fest, dass ich später etwas mit Autos mache. Mit 16 habe ich mir dann meinen ersten Kadett gekauft und dann natürlich eine Lehre zum Kfz-Mechaniker gemacht und im Laufe der Zeit einige Autos und Motorräder nach meinem Geschmack umgebaut. 1999 habe ich mich dann selbstständig gemacht und eigene Produkte für die Motorrad-Szene (Streetfighter und Harleys) hergestellt und vertrieben. Seit etwa drei Jahren liegt unser Schwerpunkt wieder mehr in der Auto-Szene. Jetzt machen wir Sonderanfertigung im Bereich Fahrwerkstechnik wie komplette Gewindefahrwerke, Radnaben mit geändertem Lochkreisen und mehr. Seit über 20 Jahren haben wir uns einen guten Namen im Bereich Verbreiterungen von Alu- und Stahlfelgen gemacht.

Was bedeutet das Thema Tuning für Sie, was macht den Reiz aus?

Tuning bedeutet für mich, ein Fahrzeug nach seinen Wünschen und Geschmack zu verändern, um sich von der Masse abzuheben. Und das hat nichts mit Geld zu tun. Man kann auch mit wenig viel erreichen, um aus einem Fahrzeug etwas ganz Besonders zu machen beziehungsweise um ein Unikat zu erschaffen.

Was ist ihr nächstes Projekt, das sie in Angriff nehmen wollen?

Ich werde mir nach meinem letzten großen Projekt vor 27 Jahren jetzt noch mal ein letztes Vollprojekt antun und einen Opel Kadett B-Coupe (Bj. 1970) von Grund auf neu aufbauen.

Was war Ihr ausgefallenstes Tuning-Projekt?

Vor 27 Jahren: Das war mein Opel Kadett C-Coupe mit Namen „Black Beast“ (Bj. 1975). Innerhalb von fünf Jahren habe ich das Coupe von Grund auf komplett neu aufgebaut. 1994 wurde mein C-Coupe dann auf dem größten Kadett-Treffen in Kaiserslautern zu Deutschlands schönsten Kadett C-Coupe gekrönt. Ende 1994 habe ich ihn dann dummerweise in Einzelteile zerlegt und verkauft.

Was macht der Youngtimer-Treff im Fritz am Brunnen?

Ja, das monatliche Old- und Youngtimer Treffen war bis jetzt ein Satz mit X. Weil uns Corona leider bis heute ein Strich durch die Rechnung macht, kann ich leider noch nicht sagen wann oder ob es überhaupt so wie geplant stattfinden wird. Aber ich arbeite dran.

Cars in the City war ein Erfolg. Wird es eine Neuauflage geben?

Weil so eine Veranstaltung nicht mal eben gemacht wird und sehr viel Vorbereitungszeit, Kraft und persönliche Zeit in Anspruch nimmt sowie viele Sponsoren benötigt werden , kann ich leider nicht viel dazu sagen. Aber Lust hätte ich schon, dann aber vielleicht eher in die Richtung Old- und Youngtimer „Nicht ganz Original“. Man soll nie, nie sagen. Warten wir mal ab, was sich noch durch Corona und den Innenstadtumbau so verändert. Mein größter Wunsch wäre so eine Veranstaltung an unserem schönen Schloss Martfeld zu starten, wie es verschiedene andere Städten mit Schlössern auch schon gemacht haben, aber leider spielt da unsere Stadt nicht mit.

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